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Kultur

Bedford-Strohm für eine "einladende Kirche"

Heinrich Bedford-Strohm ist neuer Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im Antritts-Interview nimmt er Stellung zu bewegenden Fragen der Zeit.

Frage: Herr Bedford-Strohm, Sie sind zum neuen Ratsvorsitzenden der EKD gewählt worden. Wofür wollen Sie stehen in diesem Land?

Heinrich Bedford-Strohm: Ich möchte eine ausstrahlungsstarke, eine einladende Kirche. Ich möchte, dass die Menschen merken und sehen, welche Kraft diese alte Botschaft des christlichen Glaubens heute hat.

In Kürze debattiert der Bundestag über den ärztlich assistierten Suizid. Wie ist Ihre eigene Position zur Sterbehilfe?

Das Entscheidende ist, dass Menschen am Lebensende gut und liebevoll begleitet werden, dass sie keine Schmerzen haben, dass sie würdig sterben können. Es ist der falsche Weg, die Selbsttötung oder Tötung eines Menschen als Lösung für die schwere Dilemma-Situation, die es am Lebensende geben kann, zu nehmen. Ich glaube vielmehr, dass es noch ganz viel Spielraum gibt, die Situation für die Menschen zu verbessern - in den Pflegeheimen, in den Krankenhäusern,.

In der evangelischen Kirche selbst gibt es ein sehr breites Meinungsspektrum, was die Sterbehilfe angeht. Wie wollen Sie als Ratsvorsitzender künftig mit diesem Pluralismus umgehen?

Es ist eine große Stärke der evangelischen Kirche, dass wir über diese Fragen diskutieren und dass wir es uns nicht leicht machen, sondern die echten Lebenssituationen der Menschen, die einfach manchmal sehr schwierig sind, wirklich wahrnehmen und uns darüber austauschen. Am Ende ist es das eigene Gewissen, was uns handeln lässt. Das ist unsere Überzeugung als evangelische Christen. Aber man muss eben auch eine klare Orientierung haben. Dazu gehört, dass wir diese Tötung oder Selbsttötung nicht als eine normale Wirklichkeit sehen.

Als bayerischer Landesbischof sind Sie kürzlich in den Norden des Irak gereist. In Gebiete, die vom Terror des Islamischen Staates bedroht werden. Und Sie haben sich dafür ausgesprochen, Waffen an die Kurden zu liefern. Warum?

Gewalt ist immer eine Niederlage. Die zivile Logik muss immer den Vorrang haben. Wir dürfen nicht in eine Militärlogik hinein gleiten. Aber klar ist auch, dass wir Menschen, die unter schwerster Bedrohung leiden, auch des Völkermord, nicht ungeschützt lassen dürfen. Es gibt eine menschliche Schutzpflicht. Deswegen habe ich mich dafür ausgesprochen, dass die Vereinten Nationen diese Menschen, mit denen ich in den Flüchtlingslagern gesprochen habe, schützen. Aber Gewalt kann kein Problem lösen. Wir müssen schon kreativer sein und die zivile Logik ins Zentrum stellen.

Und was sagen Sie den Kritikern, die Ihnen jetzt vorwerfen, die evangelische Kirche streicht ihre friedensethischen Positionen?

Wir haben eine ganz große Einigkeit darüber, dass es bei der Entwicklung eines Landes um seine zivile Zukunft geht. Waffen lösen keine Probleme. Einig sind wir auch, dass wir Menschen nicht gleichzeitig einem Völkermord überlassen dürfen. Eine Art internationales polizeiliches Eingreifen ist Teil unserer christlichen Friedensethik. Das ist unbestritten. Strittig ist manchmal, wie in einer ganz bestimmten Situation diese Grundsätze anzuwenden sind. Aber wir haben eine ganz breite Einigkeit in der evangelischen Kirche.

Im Umgang mit Flüchtlingen hat Ihr Vorgänger Nikolaus Schneider das Wort von der "abweisenden Hilfe" geprägt. Was muss sich ändern in Deutschland?

Wichtig ist, dass die Menschen, die hierher kommen, die zum Teil ganz Fürchterliches erlebt haben, wirklich willkommen geheißen werden. Dass sie mit Würde behandelt werden, dass sie würdig untergebracht werden. Das ist eine große Herausforderung in manchen Gegenden, wo es wenige Unterkünfte gibt. Ich erlebe aber eine Riesenwelle der Hilfsbereitschaft – in der Bevölkerung wie unter denen, die politische Verantwortung tragen. Ich wünsche mir so eine Art "Exzellenzinitiative der Humanität" in Deutschland.

Die Politik steckt im Dilemma: Je mehr Flüchtlinge Europa oder Deutschland aufnimmt, um so mehr wird auch den Schleppern in die Hände gespielt, die Geld damit verdienen, Menschen hierher zu schleusen. Wie entkommt man diesem Dilemma?

Jedenfalls kann es nicht die Lösung sein, dass man Menschen einfach abweist, die verzweifelt sind und Schlimmes erlebt haben. Ich glaube schon, dass wir in Europa die humanitäre Pflicht haben, Menschen aufzunehmen, auch viele Menschen aufzunehmen. In den Ländern, wo Gewalt herrscht und in den Nachbarländern, werden unglaubliche Anstrengungen unternommen. Da sollten wir nicht hintan stehen. Da geht noch was!

Brauchen wir in Europa ein neues Verteilsystem für die Flüchtlinge?

Ich glaube, das Dublin-System ist gescheitert, wonach nur die Länder Flüchtlinge aufnehmen, die an den Außen grenzen liegen. Man muss sich Gedanken darüber machen, wie man die Menschen so verteilt, dass alle Länder die ihnen zustehende Last auch übernehmen. Aber es geht nicht nur um Last, sondern auch um den Reichtum, der sich daraus entwickeln kann. Viele von den Menschen, die hier integriert werden, leisten viel für unser Land.

Die Spitzen-Repräsentanten der beiden großen Kirchen kommen jetzt beide aus Bayern. Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und jetzt auch Sie. Ihre Arbeitsorte in München liegen gar nicht weit auseinander. Ist das ein Sinnbild für die Ökumene?

Vielleicht schon. Mit dem Fahrrad bin ich in drei Minuten bei Kardinal Marx. Wir verstehen uns auch sehr gut, es ist ein großes Vertrauen da. Das wird der Ökumene in Deutschland nutzen.

Und wenn Sie 2017 das Reformationsjubiläum feiern, lädt die EKD dann auch den Papst nach Deutschland ein?

In dieser Hinsicht ist noch alles offen. Wir wollen da ein starkes ökumenisches Zeichen setzen. Welche Formen das finden kann, dazu will ich noch nicht viel sagen. Aber wir haben viel in Vorbereitung, sodass dieses große Reformationsjubiliäum ein großes Christusfest mit ökumenischem Horizont wird.

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