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Sport

Becker: "Unser Ziel ist eine Medaille"

Die deutschen Springreiter sind in Rio heiße Kandidaten auf Edelmetall. Im DW-Interview spricht Bundestrainer Otto Becker über seine Erwartungen an die Olympischen Spiele und die Besonderheiten der Reise nach Brasilien.

DW: Herr Becker, Sie haben Ludger Beerbaum, Christian Ahlmann, Marcus Ehning und Daniel Deusser für Olympia nominiert. Hinzu kommt Meredith Michaels-Beerbaum als Ersatzreiterin. Was war letztendlich ausschlaggebend für die Nominierung?

Otto Becker: Wir haben nicht nur ein einzelnes Turnier, sondern einen langen Zeitraum betrachtet, speziell die diesjährige Saison auf den Außenturnieren. Wir haben vor ein paar Wochen festgestellt, dass diese fünf Reiter teilweise sogar mit zwei oder drei unterschiedlichen Pferden vor den anderen liegen. Daher haben wir frühzeitig eine fünfköpfige Gruppe nominiert, um die Pferde noch besser und zielgerichteter einsetzen zu können. Es war eine sehr enge Entscheidung, und mir tut es sehr leid für Meredith Michaels-Beerbaum, dass sie nur als Reservereiterin nominiert ist.

Sie mussten sich nicht nur auf die Reiter festlegen, sondern für jeden Reiter auch ein ganz bestimmtes Pferd melden. Werden dennoch auch Ersatzpferde mit nach Rio genommen?

Nein, das geht wegen der Quarantänebestimmungen gar nicht. Es werden diese fünf Paare mit ihren Olympiapferden nach Rio reisen. Wenn vorher noch etwas passiert, können wir zu Hause noch Pferde tauschen. Die Tiere müssen allerdings auf der sogenannten Longlist stehen, auf der wir vor einigen Wochen eine Auswahl von zehn Reitern und 15 Pferden angeben mussten.

Wie sind die nächsten Schritte? Wann reisen Sie ab, und wie kommen die Pferde nach Rio?

Die Pferde fliegen am 7. August ab Lüttich. Die Firma Peden organisiert schon seit über 25 Jahren Flüge zu Championaten. Da trägt Martin Atock die Verantwortung. Bei ihm sind wir sehr gut aufgehoben. Wir wissen: Alles, was er anpackt, ist sehr gewissenhaft. Es ist ein sehr langer Weg, aber die Pferde sind erfahren und in der Regel alle schon einmal geflogen. Vor Ort bekommen wir dann das Heu gestellt. Futter kann man im Vorfeld bestellen, es wird von zwei, drei gängigen Firmen dorthin geliefert. Insgesamt ist es eine komplizierte Angelegenheit, mit den Pferden und allem Equipment nach Rio zu kommen. Es ist eine riesige Schreibarbeit, alles muss registriert und angemeldet werden. Aber wir versuchen natürlich sicherzustellen, dass die Pferde ihr gewohntes Futter erhalten.

Gibt es spezielle Impfungen, die die Pferde vor der Reise nach Brasilien bekommen müssen?

Die Tiere haben einen Pferdepass und müssen ohnehin alle paar Monate geimpft werden, für Brasilien ist da kein spezieller Impfschutz notwendig. Es wird aber eine Art Quarantäne geben. In den letzten zwei Wochen vor dem Abflug müssen die Pferde überwacht werden. Sie werden nach der Landung auch vor Ort abgeholt und durch einen speziellen Korridor in die Stallungen in Rio gebracht. Auf dem Rückweg ist es dasselbe. Unsere Pferde kommen also gar nicht mit anderen Pferden oder Tieren in Berührung. Ansonsten wäre der Rücktransport auch sehr schwierig. Das ist eine Entwicklung der vergangenen Jahre. Der Weltverband FEI hat weltweit mit Transportfirmen und Ländern Vereinbarungen getroffen, damit solche Reisen möglich sind.

Das Olympische Reitturnier findet auf einem Sandplatz statt. Haben Sie sich im Vorfeld mit der Reitanlage in Rio beschäftigt oder sie sogar besichtigt?

Reitstadion in Rio de Janeiro (Foto: picture-alliance/Kyodo/MAXPPP)

Das Olympische Reitstadion liegt im Stadtteil Deodoro, einige Kilometer nordöstlich von Stadtzentrum und Copacabana

Im vergangenen Jahr hat der deutsche Verband mit einer Gruppe Vielseitigkeitsreiter und deren Trainern das Gelände besucht. Das passiert immer ein Jahr vorher, weil die Vielseitigkeit alle Disziplinen abdeckt - Dressur, Springen und Geländeritt. Wir haben uns damals entschieden, nicht mitzufahren, weil außer dem Platz noch so gut wie nichts fertig war. Wir kennen also die Platzgröße, wissen, dass auf Sand geritten wird und kennen die Parcoursbauer von anderen Turnieren. Die genauen Parcours und Hindernisse kennt man vorher ohnehin nicht, aber das spielt auch keine Rolle. Das ist wie bei anderen Turnieren. Da wissen wir auch nicht, wie der Parcours aussieht. Viel mehr vorbereiten können wir uns nicht. Wir lassen es auf uns zukommen. Aber die FEI hat Top-Leute, die die vergangenen Championate immer hervorragend organisiert haben. Von daher reisen wir sehr beruhigt nach Rio.

Zurzeit sorgt der russische Dopingskandal für Diskussionen. Im Pferdesport gab es früher auch Phasen, in denen verstärkt Dopingfälle auftraten. Hat hier ein Wandel stattgefunden, oder ist Doping im Reitsport immer noch ein großes Thema?

Auf jeden Fall hat ein Wandel stattgefunden. Es gab ja auch in Deutschland den einen oder anderen Fall und die eine oder andere Diskussion. Jetzt haben wir seit acht Jahren das Glück, im Springsport zumindest keinen prominenten Fall mehr gehabt zu haben. Der Verband hat viel unternommen, die Reiter haben mitgezogen. Aber es ist bei uns ein schwieriges und spezielles Thema, weil wir neben den Reitern auch noch die Pferde haben. Bei den Athleten sind die Regeln klar, und da haben wir in der Regel auch gar keine Probleme im Reitsport. Bei den Pferden ist es etwas anders: Wenn man zum Beispiel den letzten prominenten Dopingfall nimmt, den des aktuellen Olympiasiegers Steve Guerdat aus der Schweiz, da war das Futtermittel kontaminiert, und er konnte überhaupt nichts dafür. Trotzdem gab es einen riesigen Pressewirbel. Daran sieht man, wie wackelig das System mit Pferden ist. Es muss gar kein bewusstes Doping sein. Wenn das Pferd in der Nachbarbox irgendein Pulver bekommt, kann das bei den heutigen feinfühligen Untersuchungsmethoden schon einen Ausschlag geben.

Sie haben eine Medaille als Ziel für Rio ausgegeben. Wie realistisch ist es, dieses Ziel auch zu erreichen? Die Weltspitze im Springreiten ist schließlich sehr eng beieinander.

CHIO, Equipe der deutschen Springreiter (Foto: Getty Images/Bongarts/C. Koepsel)

Beim CHIO in Aachen siegten die deutschen Springreiter im Nationenpreis vor den USA und Frankreich

Wir wissen aus den vergangenen Jahren, dass sieben, acht oder sogar neun Mannschaften um die Medaillen mitreiten werden. Wir müssen in den Tagen von Rio einfach unsere beste Form haben und topfit sein. Natürlich brauchen wir am Ende auch noch den nötigen Lauf und das letzte Quäntchen Glück, um eine Medaille zu gewinnen. Da muss alles passen. Das wissen wir, aber trotzdem lautet mit dieser Mannschaft das Ziel natürlich, eine Medaille zu gewinnen. Alle fünf sind Weltklasse-Reiter, aber das alleine reicht nicht. Ich habe es selbst bei der WM 2002 in Jerez de la Fontera erlebt: Damals waren alle vier deutschen Reiter unter den Top-Ten der Weltrangliste, und trotzdem gab es am Ende keine Medaille.

Gibt es Vorgaben vom Verband mit bestimmten Medaillenzielen oder Erfolgserwartungen?

Es gibt Rahmenvereinbarungen mit dem Deutschen Olympischen Sportbund und dem Reitverband, bei denen man hofft, eine bestimmte Anzahl an Medaillen zu erringen. Aber ich denke, alle wissen, dass Olympische Spiele kein Wunschkonzert sind. Man kann vorher eben nicht sagen, dass man diese oder jene Medaille in dieser oder jener Disziplin gewinnt. Die anderen sind auch gut und wollen ebenfalls Medaillen holen. Sie haben ähnliche Absprachen mit ihren Verbänden. Aber Absprachen zu treffen und diese dann auch zu Ende zu bringen, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wir haben versucht, uns bestmöglich vorzubereiten. Alle sind ehrgeizig - das ganze Team außen herum, die Reiter sowieso. Sie haben in den vergangenen Wochen auf viel verzichtet. Aber Garantien gibt es nicht.

Spielt es eine Rolle, dass Sie und Ihr Team vor vier Jahren in London leer ausgegangen sind?

London Olympia 2012, Reiter Marcus Ehning (Foto:Markus Schreiber/AP/dapd)

Marcus Ehning war als Zwölfter bester deutscher Einzelreiter bei den Olympischen Spielen in London

Nein, überhaupt nicht. Wir wissen: Es fängt bei Null an. Neues Spiel, neues Glück. Ich denke, die Bilanz in den acht Jahren, in denen ich mit meinem Team als Bundestrainer arbeite, kann sich sehen lassen. Wir haben viermal das Weltcup-Finale gewonnen, bei allen Europameisterschaften eine Medaille geholt, die WM gewonnen. Bei Olympia in London lief es einfach nicht. Wir hatten im Vorfeld viele Ausfälle, sind trotzdem mit einer guten Mannschaft angetreten und hätten mit dem entsprechenden Lauf um eine Medaille mitreiten können. Stattdessen gab es eine Ernüchterung [Anm. d. Red.: Platz 10 in der Mannschaftswertung]. Wir alle sind erfahrene Leute und wissen: Alle bisherigen Erfolge und Misserfolge zählen in Rio nicht. Es geht bei Null los, und wir müssen fit und konzentriert sein und unsere beste Leistung bringen.

Otto Becker, geboren 1958, ist seit 2009 Bundestrainer der deutschen Springreiter. Zuvor war er selbst im Sattel sehr erfolgreich und gewann unter anderem bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney mit der Mannschaft die Goldmedaille. Unter seiner Leitung wurde die deutsche Equipe 2010 bei den Weltreiterspielen in Lexington in den USA Mannschaftsweltmeister. Kurz vor den Olympischen Spielen gelang Becker und seinem Team der Heimsieg im Nationenpreis des CHIO in Aachen.

Das Interview führte Andreas Sten-Ziemons.

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