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Wirtschaft

Beängstigender Boom in Russland

8,1 Prozent Wachstum, Arbeitskräftemangel, hohe Gehälter - Russland boomt. Doch auch die Inflation ist hoch und damit die Sorge um ein Überhitzen der russischen Wirtschaft.

Kreml und Hotel Rossiya in Moskau (Quelle: DPA)

In Moskau herrscht schon Vollbeschäftigung

Die Gabelstapler im Speditionslager am Moskauer Stadtrand sind ständig in Bewegung. Im russischen Wirtschaftsboom musste der deutsche Logistiker Revival Express fast schon Aufträge ablehnen, so gut läuft das Geschäft. Vor allem neue Kunden unter den Automobilherstellern haben sein Russlandgeschäft im vergangenen Jahr um mehr als 40 Prozent wachsen lassen. Von den erwarteten 8,1 Prozent Wirtschaftswachstum profitiert die Logistikbranche in Russland überdurchschnittlich gut.

Lagerarbeiter sind hoch begehrt

Doch auf dem russischen Markt zu expandieren, wird immer mehr zu einer Herausforderung. Umfragen zufolge wollen 93 Prozent der Unternehmen in diesem Jahr neues Personal einstellen. Dabei herrscht schon jetzt in den großen Städten Vollbeschäftigung. Zwei Drittel aller Unternehmen haben Probleme, geeignete Mitarbeiter zu finden. Auch bei Revival Express fehlen bislang noch die Mitarbeiter für die gerade fertig gestellte Lagerhalle.

"Das bereitet uns sehr wohl Sorge", sagt Geschäftsführer Olaf Metzger. "Wir könnten kurzfristig 35.000 Quadratmeter füllen. Die Kunden dafür haben wir im Prinzip schon. Was uns hindert ist, dass wir nicht genug Lagermitarbeiter finden."

Lagerarbeiter sind auf dem leergefegten Moskauer Arbeitsmarkt ein begehrtes Gut, um das Logistiker mit Einzelhandelsketten und anderen Branchen konkurrieren. Auch im Bankengewerbe und in der verarbeitenden Industrie ist frisches Personal inzwischen Mangelware. Das Problem breite sich wie eine Lawine von Moskau und St. Petersburg auf andere Städte des Landes aus, warnen Experten. Selbst Vize-Finanzminister Dmitri Pankin räumte jüngst ein, die russische Wirtschaft sei zu einem gewissen Grad überhitzt.

Beschäftigungsquote: Mehr als 100 Prozent

Baustelle Moskow City (Quelle: DPA)

Auch eine Folge des Booms: Nirgendwo in Europa wird derzeit so viel gebaut wie in Moskau

Revival Express muss schon jetzt Mitarbeiter in Shuttle-Bussen aus bis zu 100 Kilometern Entfernung zur Arbeit karren, um seine LKW zu beladen. "Das rechnet sich", erklärt Metzger. "Wir haben hier eine Beschäftigungsquote von 100 Prozent und mehr, da viele Moskauer auch Zweit- und Drittjobs haben. In den Regionen sieht es noch anders aus. Da gibt es noch eine gewisse Arbeitslosigkeit und da sind die Gehälter auch noch etwas geringer."

Eine findige Personalabteilung wird immer mehr zum Schlüssel zum Erfolg auf dem russischen Markt. In Moskau suchen Fast-Food-Ketten, Restaurants und andere Branchen bereits auf großen Plakatwänden und in der U-Bahn händeringend nach neuen Mitarbeitern.

Saftige Lohnsteigerungen

Den meisten Menschen hat der Arbeitskräftemangel dagegen kräftige Lohnzuwächse gebracht. Heute verdient der Durchschnittsarbeitnehmer knapp ein Drittel mehr als vor einem Jahr. Auch nach Abzug der Inflation bleiben saftige zwölf Prozent mehr Lohn und Gehalt übrig.

Während in Westeuropa die meisten Menschen zögern, einen sicheren Arbeitsplatz aufzugeben, kündigen in Moskau gerade junge Akademiker regelmäßig ihren Job. So hat auch die junge IT-Managerin Mascha Romanowskaja ihr Einkommen auf einen Schlag verdoppelt und gibt es nun in Moskauer Boutiquen wieder aus: "Wenn du dieselbe Arbeit behältst, wird dir niemand dein Gehalt erhöhen. Aber wenn du deinen Job wechselst, stellst du natürlich Forderungen, und dein Arbeitgeber wird sie schon erfüllen, wenn er dich haben will."

Hohe Inflation heizt an

Markthalle in Sankt Petersburg (Quelle: DPA)

Markthalle in Sankt Petersburg: Mit steigendern Löhnen wächst der Wohlstand

In der Folge ist der russische Konsum in jüngster Zeit schneller gewachsen denn je – innerhalb eines Jahres um stolze 16,5 Prozent. Schicke Kleidung, ein Auto auf Kredit und Urlaub in der Türkei, Ägypten oder im Westen gehören fest zum Lebensstil der neuen russischen Mittelschicht. Auch wenn Experten in den vergangenen zwei Monaten einen kleinen Rückgang der Konsumfreudigkeit der russischen Bevölkerung verzeichnen, geben die meisten ihr Geld immer noch mit vollen Händen aus. "Ich sehe einfach keinen Sinn darin zu sparen, weil die wirtschaftliche Situation nicht sehr stabil ist. Und jetzt kommt auch noch der Machtwechsel dazu. Du weißt nie, was morgen kommt."

Inflation heißt derzeit die größte Sorge. Vom boomenden Konsum angeheizt stieg die Teuerung im Jahresvergleich auf über 13 Prozent. Zwar hat die Regierung von Wladimir Putin den steigenden Preisen den Kampf angesagt. Doch die meisten Ökonomen vermissen ein schlüssiges Konzept dafür. Selbst die Zentralbank würde sich deshalb über eine Abkühlung des russischen Wirtschaftsbooms freuen.

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