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Alltagsdeutsch – Podcast

Bayrische Lebensart

In Bayern ticken die Uhren anders – und das nicht nur in der Politik, sondern auch bei Essen und Vergnügen. Der Bayer ist stolz auf seine Lebensart, die im Rest von Deutschland meist auf Unverständnis stößt.

Sprecherin:
Im Hofbräuhaus, Am Platzl 9, mitten in der Münchner Innenstadt, gehen Japaner, Amerikaner, Franzosen und Italiener, aber natürlich auch Bayern und "Restdeutsche" ein und aus. Das Hofbräuhaus ist Bayerns berühmtestes Wirtshaus. Bereits 1589 wurde es gegründet, weil Herzog Wilhelm der V. und sein Gefolge so viel Bier tranken, dass es ihnen ratsam erschien, ein eigenes Bräuhaus zu haben. Im Hofbräuhaus bekommt man nicht nur bayrische Gerichte, auch Schmankerln genannt, man wird auch in die bayrische Blasmusik und in bayrische Tänze eingeführt. Hier trifft man den Wirt des berühmten Hauses, Michael Sperger. Auf die Frage, ob Bier zur bayrischen Lebensart unbedingt dazugehört, antwortet er, ohne zu zögern:

Michael Sperger:
"Selbstverständlich. Bier, ohne Bier geht gar nix in Bayern. Bier prägt überhaupt die ganze bayrische Mentalität. A bisserl gemütlicher wie die normalen Menschen, und des is einfach vom Bier, des hat das Bier schon bewirkt, dass man da ein bisserl gemütlicher is und net so aufbrausend vielleicht dann so; aber auch a bisserl wie die oalten Münchner, a bisserl grantig, erst einmal obwarten, was da kommt; erst amol schaun, was des alles is, und dann tut man erst amol sich öffnen."

Sprecherin:
Mittags strömen viele Münchner zur heiß ersehnten Brotzeit. Neben Brot, Käse und allerlei Würsten gehört dazu auch eben ein helles Bier. Die Moaß ist in Bayern das Maß aller Dinge und wird in Glaskrügen ausgeschenkt. Die Touristen, darunter die besondere Spezies der Saupreißen, kann man daran erkennen, dass sie für den schweren Bierkrug zwei Hände brauchen, der Bayer dagegen nur eine. Kurz vor Mittag schlägt bei vielen Münchnern auch die Stunde der Weißwürste, denn die Weißwurscht sollte niemals das Zwölf-Uhr-Läuten hören. Sie muss eben ganz frisch sein. Was empfiehlt Michael Sperger denn nach zwölf Uhr zum Essen?

Michael Sperger:
"Also, na heut’ is es typisch bayrisch, des Kesselfleisch. Wir ham, des is also auch wieder woas nicht so ganz Gsundes, frische, schlachtfrische Innereien von Schweinen, die heut’ früha noch gelebt ham, die san mittags schon auf der Speisekarten. Also ‘ne Kopf und Innereien, des is also a Herz und a Zunge und a Schweinekopf. Des is also a großes bayrisches Schmankerl, a Kesselfleisch, a schlachtfrisches Kesselfleisch."

Sprecher:
Der Sperger-Wirt hat natürlich direkt gemerkt, dass unsere Reporterin eine Saupreißin ist. Und so versucht er, etwas verständlicher zu werden. Saupreißen sind im übrigen für den Bayern jene Deutschen, die nördlich der bayrischen Freistaatsgrenze leben müssen, auch Weißwurscht-Äquator genannt – und nicht nur die, die wirklich in Preußen ihr Dasein fristen. Und die Maß, anders als "das Maß", die Maß ist eine alte bayrische Maßeinheit für Flüssigkeiten. Ein Maß ist ein Liter, zwei Maß sind dementsprechend, na – zwei Liter, richtig. Und die leckere Mahlzeit, die der Sperger-Wirt empfohlen hat, die werden wir uns jetzt einmal näher betrachten – rein grammatikalisch natürlich.

Des is sagt der Bayer, wenn er das zugegeben etwas sprödere "das ist" meint. Der Bayer hat die Eigenart, alles etwas ruhiger und bedächtiger anzugehen, und so spricht er eben auch, wie es ihm bequem ist. Probieren Sie’s mal: Für des is braucht man weit weniger Energie als für das deutliche "das ist". Wer außerdem genau hinhört, der erkennt sofort, dass der Bayer gerne noch Vokale hinzufügt; aus dem Hochdeutschen "früh" wird ein echt bayerisches früha, aus dem "was" ein woas. "Das", "was" oder woas der Bayer an Lauten bei manchen Wörtern hinzuspricht, spart er in anderen Wörtern wieder ein. So sagt ein Bayer niemals "gesund", sondern gsund. Ein Vorgang, bei dem er kaum den Mund aufzumachen braucht. Und auch das deutsche Wort "ein" ist dem Bayern viel zu lang. Er umgeht einfach die Tatsache, dass es "eine Zunge" und "ein Schweinekopf" heißt; für jedes Geschlecht denkt sich der Bayer a, also a Zunge, a Schweinekopf. Aus dem schönen Verb "sind" macht der Bayer dann noch ein san, denn auch das geht flüssiger von den Lippen. Aber wie in jedem Dialekt schimmern in solchen Ausdrücken Relikte einer älteren Sprachform durch, dem Althochdeutschen beziehungsweise Mittelhochdeutschen.

Musik:
In München steht ein Hofbräuhaus

"In München steht ein Hofbräuhaus:
Oans, zwoa, g'suffa ...
Da läuft so manches Fasserl aus:
Oans, zwoa, g'suffa ..."

Sprecherin:
Im Hofbräuhaus sorgen 200 Mitarbeiter, ein ausgeklügelter Bedienungsservice und in der Küche ein modernes Fließbandsystem dafür, dass die 3500 Gäste, die auf einmal Platz finden können, auch satt werden. 7000 Essen werden täglich zubereitet und manchmal bis zu 10.000 Liter Bier ausgeschenkt; durch Bierpumpen, die automatisch genau ein Maß Bier in den Krug füllen. Hinter den Kulissen geht es modern und elektronisch zu, und in der Schwemme, dem eigentlichen Wirtshaus, traditionell und laut. Dafür sorgt schon die bayrische Blasmusik. Der Tubabläser der Hofbräuhauskapelle klärt den Unwissenden gerne darüber auf, was zu einer Blasmusik gehört:

O-Ton:
"Das Blech und die Klarinetten und bei der Blasmusik auch den Mittellagetenor und -bariton. Des is die Seele der Musik, sagen wir mal so. Oben die Melodie prägt und Klarinetteneinwürfe und die Mittellage Tenor und Bariton. Das is die bayrische Blasmusik."

Sprecher:
Der Bayer nennt das eine zünftge Musi, eine zünftige Musik. Der Ausdruck zünftig kommt von den Zünften: Das waren im Mittelalter die einzelnen Handwerkerzusammenschlüsse. So gab es beispielsweise die Zimmermannszunft und die Bäckerzunft. Zünfte sorgten für den Qualitätsstandard der Handwerker und entschieden, wer sich mit seinem Handwerk in einer Stadt niederlassen durfte. Und weil man diesen Handwerkern nachsagte, dass sie sauber und ordentlich arbeiteten, bildete sich aus Zunft zünftig für "ordentlich".

Sprecherin:
Zu einer ordentlichen Musik gehört auch das Jodeln.

O-Ton:
"Jodeln ist ein, ja, also, a Jodel is ein Urschrei, kann man sagen. Das hatte man früher in den Bergen als Verständigung zwischen den Almen gemacht, wurde mir erzählt, und ich kann mir’s auch vorstellen, weil des is ein wahnsinniger Druck auf der Stimme. Es kommt vom Unterleib her praktisch. Jodididi. Jodididi."

Sprecherin:
Aber nicht nur Jodeln hört man im riesigen Wirtshaus, auch Schuhplatteln.

Sprecher:
Schuhplatteln
ist ein typischer Männertanz, bei dem man sich mit flachen Händen rhythmisch auf die Lederhosen, die Füße und die Beine klatscht; das möglichst schnell und ohne sich zu verheddern. Das Ganze ist eine Art Balzerei, und mancher bayrische Bua, junge Mann, machte es, um seiner Auserwählten zu imponieren.

Sprecherin:
Seit Jahren sorgt die Wirtsfamilie Sperger, dass sich die Münchner und Besucher im Hofbräuhaus wohl fühlen, denn in einem darf man den bayrischen Menschen niemals stören: in seiner Gemütlichkeit. Über dieses Wort Gemütlichkeit, das einen ganzen Kosmos seelischer Empfindungen beschreibt, haben sich schon Philosophen den Kopf zerbrochen. Eines lässt sich aber schon sagen: Es handelt sich hierbei um ein wohliges Gefühl, und die 5000 Münchner Stammgäste des Hauses scheinen es hier gemütlich zu haben. Und was denkt der Stammgast über das helle Hofbräuhausbier?

O-Ton:
"Des Bier is net schlecht, aber des Freibier wär hoalt besser."

Sprecherin:
Wer im Hofbräuhaus aber auch bei offiziellen Empfängen der bayrischen Landesregierung nicht gleich als Nicht-Bayer enttarnt werden möchte, der muss echte bayrische Tracht anziehen. Trachten tragen die Münchner heute noch, wenn sie in die Oper gehen, ins Theater oder aufs Oktoberfest; und Tracht wird in München noch original maßgeschneidert – bei Ursula Frömer in ihrer Schneiderei "Tracht und Heimat". Bei Ursula Fröhmer kann sich der Auswärtige beraten lassen, wie die wichtigste Männertracht beschaffen sein muss.

Ursula Fröhmer:
"Eine echte richtige Lederhose is Hirschleder, kann auch Rehleder sein, kann auch noch Gamsleder sein, sämisch gegerbt, das ist eine besondere Gerbart, wo das Leder also dann sehr dauerhaft in der Farbe ist und überhaupt einfach 'n sehr, sehr schönen Charakter bekommt und auch sehr weich is. Und dann sollte die Lederhose, wenn sie bestickt is, handbestickt sein."

Sprecherin:
Und welche Tracht ist in der Welt am meisten bekannt? Die Miesbacher Tracht:

Ursula Fröhmer:
"Bei der Frau also ein schwarzen Mieder mit ‘nem silbernem Geschnür, hat also dann vorne Münzen und paar andere Sachen noch hängen und hat dann blaues oder rotes Gwand, also ein Rock und ein Spenzer an und ein Hut auf und weiße Einsätze und mit Spitzen, also, mein des, glaub’ ich, die Tracht, glaub' ich, braucht man niemand zu beschreiben, denn die kennt wirklich jeder von China bis Australien, also überall kennt man’s eigentlich."

Sprecher:
Tracht
gibt es noch in vielen Gegenden Deutschlands und ist die Kleidung, die einer Volksgruppe oder einem Volksteil gemeinsam ist. In der Tracht haben sich oft noch die Kleidungsstile vergangener Epochen erhalten. Das Wort Tracht kommt vom althochdeutschen "trat", was "tragen" heißt. Ein wichtiges Teil der bayrischen Tracht ist der Gamsbart auf dem Hut; je voller und länger dieser Gamsbart ist, desto wertvoller. Gamsbärte sind wirklich die Barthaare der Gemsen, eine Art Bergziegen, die in den Alpen zu Hause sind.

Sprecherin:
Und wer so richtig fesch, also schick und flott ausschauen möchte unter den Damen, der zieht eine Kropfkette an. Das ist eine silberne Schmuckschließe, die vorne am Hals sitzt.

Sprecher:
Wobei der Ausdruck Kropfkette auf ein früheres Gesundheitsproblem der Bayern hinweist. Bayern ist eine jodarme Gegend, und deshalb gab es hier häufig Schilddrüsenvergrößerungen, das heißt, der Hals wurde dick, und das nannte man "Kropf".

Sprecherin:
Aber egal, ob der Nicht-Bayer nun Lederhosen anzieht oder Kropfketten, ein Maß Bier einarmig stemmen kann und sich die richtigen bayrischen Schmankerln aussucht, an einem wird man ihn immer erkennen: an seinem "r". Denn das leicht rollende bayrische "r" ist angeboren, und nur ein echter Bayer kann es auch aussprechen.


Fragen zum Text:

Was ist kein typisch bayrisches Schmankerl?
1. Kesselfleisch
2. Weißwürste
3. Labskaus

Statt "sind" sagt der Bayer ...?
1. sinn
2. san
3. sein

Was ist ein bayrischer Männertanz?
1. Jodeln
2. Schuhplatteln
3. zünftige Musi


Arbeitsauftrag:
Informieren Sie sich etwa mithilfe von Lexikon, Atlas oder Internet über Landschaft, Städte, Gesellschaft und Politik in Bayern. Halten Sie darüber einen kurzen Vortrag.

Audio und Video zum Thema

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