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Kultur

Bayreuth für Anfänger

Bayreuth ist das Walhall für Wagner-Fans. Viele warten lange auf Karten, andere erhalten nie welche. Ganz selten hat man Glück und bekommt Tickets, die man gar nicht gewollt hat. Der Hügel. Eine Erstbesteigung.

Prominente auf dem Roten Teppich am Festspielhaus in Bayreuth anlässlich der Eröffnung der Richard-Wagner-Festspiele 2011 Foto: Lennart Preiss/dapd

Eintrittskarten für die Richard-Wagner-Festspiele kann man nicht so einfach bestellen oder an der Tageskasse erwerben – nein, man muss sich, wenn man nicht zur Spezies der "Freunde", "Förderer" oder zu den Zelebritäten gehört, oft jahrelang darum bemühen. Irgendwann fallen sie dann wie Manna vom Himmel. Diese Art langjährigen Schlangestehens habe ich immer abgelehnt - aber jetzt bekam ich durch eine glückliche Fügung zwei Pressetickets. Auf zum Hügel!

Das Bild zeigt eine Probe für Tannhäuser Foto: picture alliance/dpa

"Tannhäuser"

Ouvertüre

Die erste und wichtigste Frage ist – zumindest in den Augen von Freundinnen und Kolleginnen – diese: "Was ziehst Du da überhaupt an?" Es folgt der umgehende Erwerb einiger neuer Kleidungsstücke. Woran man sieht: Ein Besuch in Bayreuth wirft nicht nur künstlerische und, in meinem Fall, journalistische Probleme auf, sondern auch gesellschaftliche! Das Outfit spielt dabei eine herausragende Rolle. Aber auch die Einstimmung auf etwas ganz Großes. Ich werde "Parsifal" und "Tristan und Isolde" sehen und hören. Also noch rasch den zerfledderten Opernführer aus dem Regal gekramt – er klärt mich langatmig und sehr umständlich über Gralssuche und Liebesleid auf. Nun bin ich innerlich wie äußerlich gerüstet.

1. Akt: Hinkommen

Bayreuth liegt für eine Bonnerin sozusagen am anderen Ende der Republik, wie Parsifal mache ich mich auf in unbekannte Gefilde, die moderne Gralssuche ist eine mehrstündige Bahnfahrt Richtung Südosten. Im völlig überfüllte Regionalzug von Nürnberg nach Bayreuth reisen nicht nur fesche Wanderurlauber, sondern viele Festspielbesucher. Man ist bereits hoch gestimmt, fachsimpelt, erinnert sich gegenseitig an Höhe- und Tiefpunkte aus den letzten 30 Jahren, man kennt sich aus mit Minne, Musen, Meistersingern. Es herrscht eine Art fieberhafter Erwartung.

2. Akt: Ankommen

Die komplett ausgebuchten Hotels in Bayreuth und Umgebung sind in diesen Wochen ganz auf Festspielgäste eingestellt. Man organisiert Shuttle-Transporte zum und vom "Hügel" oder zu den gut besuchten Einführungsvorträgen, man bietet nächtliche Menüs für ausgehungerte Opernbesucher an, man hält eine Fülle von Broschüren und Informationsmaterial bereit – alles und jedes steht im Dienste Wagners und der Wagnerianer. Mein Taxifahrer stammt aus Kasachstan, er lebt schon seit 15 Jahren hier, vom Hügel-Trubel bekommt er nicht viel mit. "Das ist nichts für das normale Volk", sagt er bestimmt und hat dabei so einen klassenkämpferischen Zug um den Mund.

3.Akt: Aufsteigen

Jenseits des Zentrums - das Festspielhaus, Tempel des Wagnerianismus, Sehnsuchtsort für die Anhänger der Tonkunst des Komponisten. Es gibt Leute, die seit Jahren hierher wallfahren, für andere ist ein Mal Bayreuth ein Lebenstraum. Ein ziemlich teurer allerdings. "Wir kommen wegen der Musik", sagt mir ein Wiener Ehepaar, das zu den "Förderern" gehört: "Man spürt doch den Geist Richard Wagners". Und die Tochter ergänzt: "Das ist wie Mekka. Man pilgert hierher." Die Bayreuth-Pilger sind in der Regel Menschen jenseits der 45. Gekleidet in viel Pailletten und Lurex, Edeldirndl, Spitzenstola, wallende Röcke, Smoking, gelegentlich auch in ein schrilles Jackett. Ich sehe sogar ein Paar güldene Herrenschuhe! Der Wagnertempel ist umrundet von Ständen, an denen man es sich in den Pausen gut gehen lassen kann: kleine Snacks vom Feinsten, Champagner, Frankenwein. Hier muss niemand darben. Völlig unauffällig schnürt plötzlich die Kanzlerin an mir vorüber. Angela Merkel, vier Leibwächter im Gefolge, trägt heute ebenfalls lang und ist ganz in Lila.

Parsifal, Probenfoto von 2011 (Handout), 2. Aufzug: Simon O'Neill als Parsifal. Die Oper von Richard Wagner wird bei den 100. Bayreuther Festspielen erstmals am Donnerstag (28.07.2011) aufgeführt. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath/dpa

"Parsifal"

4. Akt: Parsifal

Der Zuschauerraum ist überwältigend: So riesig hätte ich ihn mir nicht vorgestellt! Architektonisch freilich etwas seltsam mit den kugeligen Lampen und den überdimensionierten Eingangsportalen an den Seiten. Rund 1.900 Menschen sitzen hier am hellichten Nachmittag - Vorstellungsbeginn 16 Uhr wegen der Länge der Opern! - dicht an dicht auf dem legendären hartem Gestühl. Ich packe meine Sitzkissen aus, zu denen mir wohlmeinende Mitmenschen dringend geraten haben. Die ersten Töne, "Parsifal", es geht los. Auch die Bühne, auf der sich nun ein vierstündiges Spektakel entfalten wird, ist gigantisch! Regisseur Stefan Herheim hat aus dem Weihespiel einen Akt historischer Selbstverständigung gemacht, hält Deutschland seine Geschichte und damit den Spiegel vor. Der Gral ist zum Schluss nicht mehr wichtig: Demokratie ist eingekehrt – Parsifal (Simon O'Neill) hat sich überflüssig gemacht, versinkt in die Tiefen unter der Bühne. Eine Frau weint still. Eine andere hat sich ihre Stilettos ausgezogen und verpflastert ihre Füße. Was bleibt: Eine grandiose Inszenierung, überreich an theatralischen Einfällen, voller Überraschungen und optischer Tricks. Solisten, Chor, Orchester zeigen Spitzenleistungen. Ich bin restlos begeistert. Wie meine 1899 Mit-Zuschauer. Frenetischer Beifall. Sechs Stunden Wagner sind geschafft. Schon auf dem Weg zum Bus, wenige Minuten nach Ende der Vorstellung lässt sich beobachten, wie die riesigen Kulissen abgeräumt und auf Gabelstaplern ins Depot gefahren werden. Morgen: Tristan und Isolde!

5. Akt: Tristan und Isolde

Die beiden müssen in einem Ambiente singen, das einer Mischung aus Heizungskeller und Pathologie ähnelt. Christoph Marthaler bleibt auch in Bayreuth seinem Regiestil treu! Karg, reduziert, voller abgründiger Ironie und Hintersinn, eine Inszenierung im abgeschabten Sechziger Jahre-Look. Tristan (Robert Dean Smith) sieht aus wie ein Bankangestellter, Isolde (Irene Theorin) tantenhaft-spießig mit auftoupierter Frisur und scheußlich gelbem Kostüm. Aber die Stimmen: Großartig!

In den Pausen ist wie immer für alles gesorgt, für's leibliche Wohl, aber auch für die Wechselfälle des Lebens: Vor der Damentoilette hält eine Frau einen ansehnliche Kollektion Nähzeug und Pflaster bereit.

Tristan und Isolde, Probenfoto von 2011 (Handout), 2. Aufzug: Irene Theorin (als Isolde) und Robert Dean Smith (als Tristan). Die Oper von Richard Wagner wird bei den 100. Bayreuther Festspielen erstmals am Freitag (29.07.2011) aufgeführt. dpa/lby Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath /dpa

Im Liebeswahn: "Tristan und Isolde"

Zwischenspiel: Bayreuth City

Die Stadt wirkt merkwürdig unberührt vom Treiben auf dem Hügel. Einer, der hier gerade seine Doktorarbeit schreibt, sagt mir: "Das normale Bayreuth und die Festspiele haben eigentlich nichts miteinander zu tun." Was in ökonomischer Hinsicht so sicher nicht stimmt. Ich gehe zur pompösen Villa Wahnfried - leider geschlossen wegen Renovierung -, sehe im Park das Grab von Richard Wagner und seiner Frau Cosima, daneben, etwas unscheinbar, aber unübersehbar die letzte Ruhestätte seines heißgeliebten Hundes Russ! Dann freilich gerate ich auf Abwege, mache eine Stippvisite in der wunderbaren markgräflichen Rokoko-Oper, statte dem kleinen, aber sehr feinen, Franz-Liszt-Museum einen Besuch ab. Richard Wagner freilich ist überall: Es gibt eine Lohengrin-Therme, Parsifal-Tee, Wagnerpralinen, Wagnerteller, Wagnertassen, Wagnerhandtücher, stapelweise Bücher über Wagner.

6. Akt: Abschied

Sie werden mir fehlen, all die kommunikativen Menschen, mit denen man im Shuttle-Bus, vor dem Festspielhaus, in den Cafés und Geschäften von Bayreuth so rasch ins Gespräch kommt. Nein, Wagnerianerin bin ich in diesen zwei Tagen sicher nicht geworden. Aber man teilt doch die gleiche Begeisterung. Und gelegentlich hört man sogar von eingefleischten Bayreuth-Pilgern einen ironischen Seitenhieb auf das Gewese und Getue rund um Wagners Musentempel. Zum Schluss noch zwei betagte Damen, Freundinnen – eine lebt in England, die andere in Italien. Sie haben sich hier getroffen. Ja, es ist doch etwas besonderes, sagen sie. Aber: Jetzt, nach dem dritten Mal, sei es dann auch genug.

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Gudrun Stegen