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Wirtschaft

Bayers bittere Pille

Der weltweit tätige Chemie- und Pharmakonzern Bayer aus Leverkusen gerät immer tiefer in die Krise. Probleme mit einem einzigen Medikament haben den Konzern vom Pharma-Giganten zum möglichen Opfer der Konkurrenz gemacht.

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Vor Risiken und Nebenwirkungen wird auf den Beipackzetteln eines Medikaments ausdrücklich gewarnt. Im Falle des Cholesterinsenkers Lipobay trafen diese Nebenwirkungen nicht nur die Patienten, sondern auch den Hersteller. Für den deutschen Chemie- und Pharmakonzern Bayer aus Leverkusen war das Medikament namens Lipobay oder Baycol - wie es in Amerika verkauft wurde - ein sogenannter Blockbuster – ein Verkaufsschlager also. Mitte der 1990er Jahre auf den Markt gebracht, brachte es einen Milliardenumsatz.

Todesfälle

Sechs Millionen Patienten mit zu hohen Cholesterin-Werten wurden weltweit mit Lipobay behandelt, 700.000 davon allein in den USA. Doch dann häuften sich Meldungen über schwere Nebenwirkungen, gar über Todesfälle, die mit dem Medikament im Zusammenhang gebracht wurden. In Kombination mit einem anderen Blutfett senkenden Medikament trat vermehrt eine sogenannte Muskelschwäche auf.

Nach Warnungen diverser Gesundheitsbehörden entschloß sich Bayer im August 2001, Lipobay vom Markt zu nehmen. Eher unglücklich wirkten damals die Äußerungen von Finanzvorstand Werner Wenning, heute Vorstandschef von Bayer, der damals sagte: "Ich glaube, was wir in diesem gesamten Prozess etwas vergessen, ist, dass die Anwendung von hochwirksamen Medikamenten immer mit Nebenwirkungen verbunden ist und dass diese Nebenwirkungen auch zum Tode führen können."

Und auch der damalige Chef der Pharma-Sparte von Bayer, David Ebsworth, glaubte, alles richtig gemacht zu haben: "Ende April (2001) haben wir Informationen herausgegeben. Die zuständige britische Behörde hat Mitte Juni der deutschen Behörde entsprechende Informationen gegeben und wir haben auch gemeinsam mit allen Behörden in Europa eine Veränderung des Beipackzettels durchgeführt."

Kurssturz

Doch zu spät: Lipobay wurde für Bayer zum Desaster, von dem sich das Unternehmen bis heute nicht erholt hat. Der Aktienkurs rutschte immer weiter in die Tiefe - von 50 Euro kurz vor der Rücknahme bis auf gegenwärtig knapp elf Euro.

Ungemach droht vor allen aus den USA. Dort sind mittlerweile fast 8.000 Klagen eingereicht. Demnächst wird darüber entschieden, ob es zu einer Sammelklage kommt. In 450 Fällen, in denen tatsächlich schwere Nebenwirkungen aufgetreten sind, hat sich Bayer bislang außergerichtlich geeinigt. Allein das hat den Konzern schon 125 Millionen Dollar gekostet.

Verhandlungen

In weiteren 500 Fällen verhandelt das Unternehmen derzeit noch. Was aber wirklich an Kosten auf Bayer zukommt, wenn die Schadenersatzklagen durchkommen, weiß niemand. In der Konzernbilanz finden sich dafür bislang auch keine Rückstellungen.

Als nun am zurückliegenden Wochenende in der "New York Times" zu lesen war, die Bayer-Chefetage habe möglicherweise schon Jahre vor der Rücknahme des Medikaments von den Problemen bei der Einnahme höherer Dosen gewusst, schickte das den Aktienkurs endgültig auf Talfahrt. Die Bayer-Aktie hat seit dem Lipobay-Skandal drei Viertel ihres Wertes eingebüßt. Der Börsenwert eines der größten deutschen Unternehmen ist mittlerweile auf acht Milliarden Euro geschrumpft. Bayer ist vom Chemie- und Pharmagiganten zum Übernahmekandidaten verkommen.