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Politik

Bayern kann kein Vorbild sein

Bayerns Schulsystem hat gute Noten bekommen. Es kann aber kein Modell für andere Länder sein. Vanessa Fischer und Oliver Schilling kommentieren.

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Gut laufende Unternehmensberatungen und gefragte Herzchirurgen haben für gewöhnlich eines gemeinsam: Sie beraten und behandeln nur Kunden und Patienten, bei denen eine hohe Aussicht auf Erfolg oder Genesung besteht. Das Prinzip: Wer sich der schwierigen Fälle nicht annimmt, kann seine Erfolgsbilanz positiv halten.

Nicht anders ist die Situation in der Schulpolitik: Erfolg zählt und wer die besten Abiturienten hat, sagt uns jetzt Pisa-E, die viel diskutierte Erweiterungsstudie für den innerdeutschen Bildungsvergleich. Zwar wird sie erst am 27. Juni veröffentlicht, aber im vielgescholtenen Bildungsland Deutschland wird Bayern Klassenbester sein. Abiturienten im Bundesland des Kanzlerkandidaten Stoiber können am besten schreiben, lesen und rechnen – das ist bereits durchgesickert. Und da der Wahlkampf in vollen Zügen läuft, brüstet sich die Union mit dem tollen Zeugnis, das Bayern von den Pisa-Gutachtern erhalten hat. Schon will die Union das bayerische System auf Gesamtdeutschland zu übertragen.

Doch Bayern kann kein Vorbild sein. In keinem anderen Bundesland wird eine restriktivere Bildungspolitik betrieben. Erfolgskandidaten werden gefördert, schwache Schüler bleiben auf der Strecke: Gerade 20 Prozent eines Jahrgangs schafft in Bayern das Abitur – weitaus weniger als in anderen Bundesländern. In Nordrhein-Westfalen sind es 49 Prozent und der Vergleichswert der OECD-Länder liegt bei 57 Prozent.

Die Folgen liegen auf der Hand: Seit Jahren kann Bayern seinen Bedarf an Hochschulabsolventen nur durch Importe aus anderen Bundesländern decken. Gleichzeitig haben es Kinder aus sozial schwachen Familien und Migrantenkinder ungleich schwerer, sich in der Schule zu behaupten. Das Laptop- und Lederhosenmekka Bayern verfügt über den höchsten Prozentsatz an ausländischen Kindern, die am Ende ihrer Schullaufbahn keinen Abschluss in der Tasche haben.

Ein Blick auf Pisa-Sieger Finnland genügt, um zu verstehen, dass der Erfolg eines Schulsystems nicht nur am Fachwissen der Schüler festzumachen ist: Gleichheit der Bildungswege, Gesamtschulsysteme, Ganztagsschulen und eine hohe Integration von Migrantenkindern sind Teil des bildungspolitischen Erfolgsrezepts.

Ganztagsschulen aber, die sucht man in Bayern vergeblich. Bayern hat den geringsten Anteil an staatlichen Ganztagsschulen in Deutschland. Dahinter steht ein antiquiertes Familien- und Frauenbild, in dem berufliche Selbstständigkeit von Müttern nicht vorgesehen ist. Alleinerziehende und berufstätige Frauen passen eben nicht in das bayerische Familienraster. Und das, obwohl auf dem Land rund ein Drittel aller Kinder getrennt von Vater oder Mutter aufwächst.

Zweifellos muss das deutsche Schulsystem verbessert werden. Wer aber nur die guten Schüler fördern und sich der Problemfälle entledigen will, macht es sich zu einfach.

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  • Datum 19.06.2002
  • Autorin/Autor Vanessa Fischer
    Oliver Schilling
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  • Permalink http://p.dw.com/p/2Qkq
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