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Alltagsdeutsch – Podcast

Bauernregeln

Früher halfen sie den Menschen, das Wetter vorherzusagen – die Regeln und Weisheiten, die Bauern aufstellten. Häufig trafen sie zu. In modernen Zeiten übernehmen die Vorhersagen jetzt Wettersatelliten und Meteorologen.

Sprecherin:

Tag für Tag blicken die Deutschen mit Spannung darauf. Kaum ein Thema ist von breiterem Interesse. Nicht die Politik, nicht die Kultur, noch nicht einmal der Fußball.

Sprecher:

Nein, die Frage aller Alltagsfragen lautet eben: Wie wird morgen...

O-Ton:

"Das Wetter" / "Das Wetter" / "Das Wetter"

Sprecherin:

Und so geht auf die Deutschen stündlich aus einer wahren Wolke von Medien ein Schauer von Wettervorhersagen nieder.

O-Ton-Collage verschiedener Wettervorhersagen:

"Der Bericht des deutschen Wetterdienstes mit den Aussichten bis morgen früh: Im Osten fallen anfangs noch gewittrige Schauer. Sie lassen jedoch rasch nach, so dass es auch hier wieder zu Aufheiterungen kommen wird." / "Der Wind ist meist nur schwach. Er kommt aus Nordwest, morgen aus Nordost" / "Und der Wind dreht von Süd auf West" / "Zum Teil mit Sturm und Hagel" / "Dazu weht ein schwacher bis mäßiger, in Gewitternähe auch stark böiger, auffrischender Wind aus unterschiedlichen Richtungen" / "Und nun noch zum Wetter…"

Sprecherin:

Die modernen Wettervorhersagen über einen Zeitraum von 42 Stunden hinweg treffen zu 85 Prozent ein. Eine hohe Wahrscheinlichkeit, die durch den Einsatz von Wettersatelliten, Radar, Großrechenanlagen und Messstationen erzielt wird.

Sprecher:

Ganz ohne diese Technik mussten die Bauern noch im letzten Jahrhundert auskommen. Und deren Existenz hängt bekanntlich vom Erfolg der Ernte, also vom Wetter ab. Was also tun?

Sprecherin:

Theo Bauerdick, Landwirt im Hochsauerlandkreis in Nordrhein-Westfalen, über die Wettervorhersagen der bäuerlichen Vorfahren:

Theo Bauerdick:

"Wir hatten früher doch keine Wetterberichte, keine meteorologischen Ämter, es gab noch keine Barometer und die Bauern waren mehr oder weniger auf Beobachtungen der Natur angewiesen. Diese Beobachtungen wurden von Generation zu Generation weitergegeben, aber ich muss sagen, die so genannten Bauernregeln, meistens reimten die sich. Ich denke zum Beispiel: Mai kühl und nass, füllt dem Bauern Scheuer und Fass."

Sprecher:

Wetterweisheit und Vorhersage in Reimform, manchmal wirklich weise, manchmal unfreiwillig witzig. Auf alle Fälle bringen die Bauernregeln Beobachtungen auf den Punkt, auch wenn sie manchmal holprig klingen. Wichtig ist weniger das exakte Versmaß als der Inhalt. Und der lässt sich verpackt in ein kurzes Gedicht eben besser merken und weitergeben.

Sprecherin:

Von Städtern werden die Regeln heute oft belächelt. Aber Theo Bauerdick, auf dessen Grundstück schon im 13. Jahrhundert Ackerbau betrieben wurde, hat die Regeln aus einer langen Ahnenreihe geerbt und vertraut ihnen heute noch manchmal mehr als dem zu allgemeinen Wetterbericht im Fernsehen.

Theo Bauerdick:

"Also von meinem Großvater – ich war 14 Jahre, als er starb – hab' ich die schon übernommen, von meinem Vater, auch von Nachbarn; und vor allen Dingen hatten wir auf dem Hof früher eine große Schafherde, und die Schäfer sind ja nun den ganzen Tag in der freien Natur, und als Kind nimmt man diese Beobachtungen dann besonders gut wahr. Und, na, das hat sich eingeprägt, und ich hab' auch versucht, diese dann weiterzugeben."

Sprecher:

Der Begriff der Schafskälte als Umschreibung für den unvermittelten Kälteeinbruch im Juni kommt auch aus diesem Bereich. Ursprünglich stammt der Name von kälteempfindlichen, frisch geschorenen Schafen.

Sprecherin:

Aber nun ohne viel Gemecker zu ein paar ernsthaften Regeln:

Theo Bauerdick:

"Neujahrsnacht hell und klar, bringt den Bauern ein gutes Jahr, heißt es zum Beispiel. Und dann: Der Januar muss vor Kälte knacken, wenn das Korn gut soll sacken. Märzenschnee tut den Saaten weh. Wenn die Saaten die ersten Triebe bringen, und dann kommt im März noch mal so 'n richtiger Schneeschauer, das soll den Saaten wehtun. Regnet's um Johanni leise, so regnet's Mäuse. 'Es regnet Mäuse', also 'Mäuse' ist Ungeziefer. Und wenn es dann so lange regnet, danach kriegt man Ungeziefer im Pelz."

Sprecher:

Pelz ist natürlich im übertragenen Sinne gemeint. Selbstverständlich spricht Theo Bauerdick bei dieser Juniregel von Menschenhaut und -haaren.

Theo Bauerdick:

"Also, so gibt es für jeden Monat irgendwie so 'n besonderen Spruch. Und was Wahrheit und Dichtung ist, das muss man dann selbst entscheiden."

Sprecherin:

Tatsächlich hat der Berliner Meteorologe Horst Mahlberg über 400 der Bauernregeln in langen Forschungsreihen ernsthaft untersucht und mit Wetterdaten der letzten 80 Jahre verglichen. Sein Ergebnis: Sie treffen in zwei von drei Fällen zu.

Horst Mahlberg:

"Ich kann nur sagen: Hut ab vor der hervorragenden Beobachtungsgabe unserer Vorfahren. Wir können da heute sehr viel lernen, und die meisten Bauernregeln haben eine sehr, sehr gute Substanz."

Sprecher:

Hut ab ist eine Redewendung der Bewunderung, zumindest aber des Respekts. Das kommt daher, dass man in Deutschland als respektvolle Geste tatsächlich den Hut vom Kopf nahm. Heute sagt man, auch wenn man keinen Hut mehr trägt: Ich ziehe den Hut.

Sprecherin:

Bei Langzeitvorhersagen sind manche Regeln sogar der modernen Meteorologie voraus. Und als ebenso zuverlässig haben sich in Mahlbergs Tests Sprüche erwiesen, die einen Ausblick auf die nächsten Stunden geben.

Sprecher:

Theo Bauerdick nennt eine dieser treffsicheren Regeln auf Plattdeutsch. Das ist eine vom Hochdeutschen nicht erfasste Mundart, die noch aus dem Mittelalter stammt. Platt wird heute nur noch vereinzelt auf dem Land gesprochen, doch die alten Regeln haben in diesem Dialekt ihren Ursprung.

Theo Bauerdick:

"Auf Plattdeutsch sagt man: Owendrot schwatt, jit Rejen satt. Und da können Sie drauf gehen: Wenn die Sonne schwarz untergeht abends, gibt's am nächsten Tag Regen."

Sprecherin:

Und Horst Mahlberg hat die physikalische Erklärung für Abend- und Morgenrot-Regeln:

Horst Mahlberg:

"Morgens ist der Himmel – und abends – dann rot, wenn entweder viel Dreck in der Luft ist – das fiel ja bei unseren Vorfahren weg – oder aber, wenn viel Wasserdampf in der Luft ist. Wenn aber Wasserdampf drin ist und Morgenrot, das heißt die Sonne scheint, dann bedeutet das, dass tagsüber eine stärkere Erwärmung stattfindet. Es bilden sich Luftblasen – warme –, die aufsteigen. Die nehmen den Wasserdampf mit. Und es entstehen Wolken, und die Niederschlagswahrscheinlichkeit ist groß."

Sprecherin:

Eine ernsthafte und weit verbreitete Regel bei Gewitter lautet:

Sprecher:

Eichen soll man weichen, vor Fichten soll man flüchten. Doch Buchen soll man suchen. Auch Linden soll man finden.

Sprecherin:

Leider ist dieser Spruch geradezu lebensgefährlich falsch. Es gibt keine Baumarten, die vor Blitz schützen. Spaß an Dichtung und Aberglaube spielen eben auch mit, wie Theo und seine Frau Margarete erzählen.

Theo und Margarete Bauerndick:

"Früher gab es kein elektrisches Licht, dann wurde abends dann bei Petroleum … wurden Spukgeschichten erzählt, und dann hat man dann auch über diese alten Sachen vielleicht doch etwas viel Anekdoten weitergegeben und den Aberglauben nicht gerade verdammt." / "Ja, also, zum Beispiel Ostern die Palmenkreuzchen: Die werden über jeden Eingang beziehungsweise über jedes Scheunentor, über jeden Vieheingang werden die angeheftet. Und, also, das ist an sich ein alter heidnischer Brauch – sollen die bösen Geister fernhalten, und das ist auch heute in der christlichen Zeit noch."

Sprecherin:

Für die Fortsetzung alter Traditionen setzt sich das Ehepaar Bauerdick immer noch ein, denn die beiden mussten feststellen:

Margarete und Theo Bauerndick:

"Es sind im Laufe der letzten Jahre so viele Höfe, die aufgegeben haben, und wo die Erben 'n anderen Beruf, einen zweiten Beruf erlernt haben, und infolgedessen ist die Verbindung zur Natur nicht mehr so und auch zu diesen alten Bauernregeln auch nicht mehr so. Die haben die dann auch nicht mehr weitergegeben. Das ist an sich traurig." / "Die städtische Bevölkerung ist für diese Sachen sehr aufgeschlossen, und die werden sehr nachdenklich, wenn sie von diesen alten Sitten, Gebräuchen hören. Vielleicht haben wir doch diese Sachen in der schnelllebigen Zeit diese Sachen etwas vernachlässigt."

Fragen zum Text

Die Regel Mai kühl und nass, füllt dem Bauern Scheuer und Fass bedeutet, dass …

1. der Bauer viel Heu im Stall hat.

2. die Ernte gut ausfällt.

3. der Bauer Wasservorräte anlegen kann.

Der Begriff Schafskälte umschreibt …

1. die kalten Tage zwischen Weihnachten und Neujahr.

2. die Körpertemperatur von Schafen im Winter.

3. den unvermittelten Kälteeinbruch im Juni.

Wenn man etwas im Pelz hat, dann hat man …

1. Ungeziefer auf der Haut oder in den Haaren.

2. Ungeziefer in einem Tierpelz.

3. eine verrückte Idee.

Arbeitsauftrag:

Schreiben Sie einen Dialog zwischen zwei Personen über Bauernregeln. Dabei glaubt die eine Person nicht an diese Regeln, die andere schon. Versuchen Sie, ein schlüssiges Ende des Dialogs zu finden.

Autor: Ralph Erdenberger

Redaktion: Beatrice Warken

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