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Bücher

Batya Gur: Stein für Stein

Eine kritische Auseinandersetzung mit der in Israel lange Zeit sehr angesehenen Armee, der "Zahal". Zudem beleuchtet der Roman die komplexe Beziehung zwischen Gesetzgebung und Gerechtigkeit.

Buchcover: Batya Gur - Stein für Stein

Umgeben von feindlichen Staaten, immer wieder in Kriege und Auseinandersetzungen verwickelt, ist die Existenz des Staates Israel eine Frage der militärischen Verteidigung. Die Armee, "Zahal" genannt - Gottes Streiter -, ist allgegenwärtig in Israel: Schwer bewaffnete Soldaten patrouillieren auf Straßen, in Bussen und Geschäften. Die Zahal ist hoch angesehen und glaubwürdig. Jedenfalls war sie das noch bis vor ein paar Jahren.

Die israelische Schriftstellerin Batya Gur beleuchtet in ihrem neuen Roman diese Armee kritisch. Gurs Hauptfigur Rachela verliert ihren jüngsten Sohn Offer, als dieser seinen Militärdienst bei der Luftwaffe absolviert. "Gefallen in Erfüllung seiner Pflicht" steht auf Offers Grabstein auf dem Soldatenfriedhof.

Wahrheit und Gerechtigkeit

Offer ist aber nicht gefallen, sondern kam bei einem Spiel ums Leben, das jährlich veranstaltet wird: Er legte sich auf ein Netz - eigentlich für notlandende Flugzeuge -, das sich in Hochgeschwindigkeit aufspannte. In den anderen Jahren hatte man die Soldaten am Netz festgebunden. Um den Spaß zu vergrößern, verzichtete man in Offers Fall darauf. Mit Schwung wurde er vom Netz in die Luft geschleudert und stürzte in den Tod. Rachela will sich mit Offers Tod nicht abfinden.

"Ich habe geglaubt, dass ein Menschenleben hier ein echter Wert ist. So schien es mir wenigstens. Aber jetzt existiert das alles nicht mehr. Jetzt kommen einem diese Ideale wie ein Trugbild vor. Völlig absurd. Denn in Wahrheit sind sie leichtsinnig und anmaßend, und dann wird mit Lügen alles vertuscht. Das muss ein Ende haben. Wenigstens sollen die Wahrheit und Gerechtigkeit ans Tageslicht kommen, wenigstens das."

Unterschiedliche Perspektiven

Dafür kämpft Rachela mit Zwischenrufen im Gerichtssaal, mit Plakaten und Amtsbesuchen. Mütter anderer getöteter Soldaten schließen sich ihrem Protest an. Vor Gericht angeklagt werden aber nur zwei junge, niedere Militärs; höhere müssen sich für dies traditionelle "Netzroulette" nicht verantworten.

Der Roman berichtet nicht nur von Rachelas Sichtweise. Einzelne Kapitel sind aus der Perspektive von ihrem Mann und den Kindern geschrieben, die Rachelas Kampf gegen die Autoritäten sinnlos finden und sich wünschen, sie würde zurückgezogen in der Familie trauern. Andere Kapitel erzählen aus der Sicht des Richters Neuberg, der an der Juristerei weniger die Gerechtigkeit als die Logik und Sprache liebt.

Israelischer Alltag

So nimmt der Leser teil am Leben von Rachela, ihrer Famile, den Freunden und dem Richter und lernt den israelischen Alltag kennen. Der Roman beschäftigt sich darüber hinaus mit der komplexen Beziehung zwischen Gesetzgebung und Gerechtigkeit, die nicht nur in Israel Probleme aufwirft.

"Stein für Stein" ist der zweite Roman der ehemaligen Lehrerin, die sich anfangs nicht an dieses Genre wagte. "Man weiß halt einfach, dass es einen Tolstoi und einen Thomas Mann vor einem gab. Und dass man nicht der nächste sein wird", hatte sie erklärt und überwiegend Krimis geschrieben, die zu Bestsellern in aller Welt wurden.


Batya Gur
Stein für Stein
Goldmann, 2001
ISBN 3-442-44714-3
EUR 8,00