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Wirtschaft

Bastei Lübbe: Startup im Verlag

Bücher erscheinen immer mehr als Apps und Ebooks. Besonders der Kölner Verlag Bastei Lübbe macht damit mittlerweile mehr Umsatz als der Rest der Branche. Ein Besuch in Köln-Mülheim.

An den Schreibtischen sitzen bärtige junge Männer, ein kleiner, grüner USB-Ventilator spendet frische Luft. Die Bildschirme sind voll mit Programmiercodes. Ein langhaariger "Techie", wie sich die Technikfanatiker selbst ironisch nennen, greift zu einem der zahlreichen Tablets und wischt mit dem Finger herum. Was wie eine Szene einer Kreativ-Konferenz für Nerds ausschaut, ist in Wirklichkeit der sechste Stock des Traditions-Verlags Bastei Lübbe in Köln-Mülheim. Die Keupstraße liegt gleich um die Ecke. Hier entwickelt der Geschäftsbereich Bastei Entertainment (BE) E-Books und Apps für den digitalen Markt.

Im Jahr 2010 sagte Verleger Stefan Lübbe der Wochenzeitung "Die Zeit": "Lediglich Bücher zu machen langt nicht mehr." Im gleichen Jahr wurde BE geschaffen. Seitdem führt Rita Bollig den neuen Geschäftsbereich - in einem Markt, auf dem nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels im vergangenen Jahr 21,5 Millionen E-Book-Exemplare in Deutschland verkauft wurden.

Als eine der größten Belletristik-Verlagsgruppen Deutschlands hat Bastei Lübbe im Geschäftsjahr 2013/2014 107,5 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet; 9,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Anteil der digitalen Produkte am Gesamtumsatz wächst rasant, mittlerweile liegt er bei mehr als 14,5 Prozent, wie Thomas Schierack, CEO der Bastei Lübbe AG im neuesten, am Montag (30.06.2014) vorgelegten Geschäftsbericht mitteilt. Zum Vergleich: Der Rest der Branche macht im Schnitt lediglich knapp vier Prozent Umsatz im digitalen Bereich. 2015 könnten es 15 Prozent werden. Wie schafft Bastei Entertainment das jetzt schon? Rita Bollig trägt Pony und eine Brille mit schwarzen Gestell und großen Gläsern. Die gelernte Buchhändlerin sagt: "Wir funktionieren wie ein Startup."

Nähe zu "Techies" und Nerds

Das macht sich vor allem daran bemerkbar, dass BE über ein eigenes fünfköpfiges Entwickler-Team verfügt. Der Vorteil: Apps und E-Books können so von den eigenen Leuten schnell, effizient und plattformübergreifend entwickelt werden. Neben Bastei Lübbe gibt es nur wenige Verlage in Deutschland, die sich eine eigene technische Abteilung leisten. "Das Modell von Bastei Entertainment ist in Deutschland einzigartig", sagt der Sprecher des Arbeitskreises Elektronisches Publizieren beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels Steffen Meier. Ravensburg Digital ist etwa Teil der Ravensburger Gruppe. Doch die Kollegen des neuen Geschäfts sitzen in München - knapp 170 Kilometer vom Mutterhaus entfernt.

Blick auf den Programmiercode einer App bei Bastei Entertainment. Foto: DW/ Miguel Zamorano

Blick auf den Programmiercode einer App bei Bastei Lübbe

Die Nähe zwischen Programmverantwortlichen und Nerds hat Vorteile. Ein paar Zimmer vom "Techieraum" entfernt arbeitet Annika Hartmann. Die 36-Jährige trägt Sneakers und die Haare im Zopf. Sie ist für das Programm bei BE zuständig. Sie sagt: "Die technischen Entwickler sitzen von der ersten Minute mit uns am Tisch." Es mache wenig Sinn, wenn man sich ein Projekt für den digitalen Markt ausdenkt und dann ein Programmiere sagt: "Das können wir nicht umsetzen". Der kontinuierliche Austausch sei daher sehr wichtig.

"Wir konzentrieren uns dabei auf unsere Kernkompetenz", erklärt Annika Hartmann, "wir produzieren Inhalte." Dabei setzt Bastei Entertainment zum einen auf den Verlagsstoff aus dem konventionellen Programm. Die bekannten Groschenromane wie John Sinclair oder Jerry Cotton, aber auch die großen Autoren wie Ken Follet oder Dan Brown erscheinen als Ebook auf den Markt. Titel aus dem Kinderbuchsegment wie etwa Lauras Stern bekommen wie interaktive Apps. Einige Werke kom-men zudem als sogenannte Enhanced Ebook heraus, in denen Fotos, Videos und Audio als App-Roman erscheinen oder den Inhalt eines Printwerkes interaktiv ergänzen.

Soaps, Sex, Krimis

Eigene Inhalte lässt BE per Auftrag produzieren. Für den internationalen Markt auf englisch oder auch chinesisch - "das ist billiger, als später aus dem Deutschen ins Englische zu übersetzen", sagt Hartmann. Die Themen: Soaps, Sex, Krimis, kaum länger als 120 Seiten. Im Google-Playstore und Apple-Appstore kosten diese Minilektüren, die auch als kleinteilige Serien erscheinen können, zwischen 0,99 und 2,99 Euro.

Lauras Stern, eine interaktive Bildergeschichte als App. Foto: DW/M. Zamorano

Auch "Lauras Stern", eine interaktive Bildergeschichte, funktioniert als App

Zurzeit widmet Bastei Entertainment einem sehr aktuellen Thema gleich ein ganzes Crossmedia-Projekt: Netzsicherheit. "Netwars" ist als App, E- und Audiobook, Graphic-Novel und Dokumentarfilm erschienen. Der Film wurde in Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma Filmtank realisiert. Es ist in diesen Bereich, in dem BE Erfahrung gesammelt hat. Nicht immer mit dem gewünschten Ergebnis - weil die Nutzer nicht immer Geld für multimediale Zusatzprodukte Geld ausgeben wollen, wie Bollig jüngst der "Frankfurter Jungen Presse" erklärte. Das Problem: Eine Enhanced-Version kann in der Produktion bis zu 20 Mal mehr als ein einfaches E-Book kosten.

Das beeinträchtigt allerdings nicht die dauerhaft die Stimmung des Teams. Neu probieren, neu versuchen - auch das ist Teil einer Unternehmenskultur, die man vor allem in Startups vorfindet. Annika Hartmann sagt dazu: "Unsere Abläufe und Strukturen haben sich innerhalb der Jahre immer wieder geändert. Das hat auch mit der schnellen Entwicklung des Marktes zu tun." Ein Beispiel: "Während die Kollegen im Print-Verlag bis zu eineinhalb Jahren Vorlauf benötigen, können wir eine Idee von der Umsetzung bis zum Verkauf in knapp sechs Monaten stemmen", erklärt Hartmann. Der Head of International Digital Sales, Colin Lovrinovic, hat vorher selbst bei Startups gearbeitet und sagt: "In der digitalen Welt ist es sehr wichtig, schnell zu reagieren."

Den Markt stets im Blick

Annika Hartmann, Programmleitung E-Publishing, Bastei Lübbe. Foto: DW/ M.Zamorano

Annika Hartmann, Programmleitung E-Publishing

Für die schnelle Reaktion sorgt auch Oliver Pux, der den Bereich Marktentwicklung und Vertrieb Digitaler Medien leitet. Bevor Pux 2011 zu BE wechselte, arbeitete der 49-Jährige lange im Vertrieb von Bastei Lübbe. Für den Verlag ist er mittlerweile seit 16 Jahren tätig.

Pux trägt eine akkurat geschnittene Kurzhaarfrisur, an beiden Händen blinken Ringe. Seine Strategie erklärt Pux ganz sachlich: "Wir produzieren nicht am Markt vorbei." Laufend untersucht er bei den Vertriebsplattformen, welche Innhalte sich besonders gut verkaufen. Auch auf das Feedback der Kunden in den Appstores und den Verkaufsplattformen hat Pux ein Auge.

"Wir funktionieren wie ein Startup", sagt Bollig. Als sie diesen Satz spricht, sitzt sie als einzige Frau auf einem vierköpfigen Podium der Konferenz Interactive Cologne in Köln. Sie klingt stolz, als sie erklärt: "Bereits nach dem ersten Jahr schrieben wir schwarze Zahlen." Bollig steht mittlerweile einem 28-köpfigen Team vor, das Inhalte für Europa, China, USA und Lateinamerika produziert. Bastei Entertainment ist inzwischen so was wie ein Verlag im Verlag. "Wir vereinen alle wichtigen Parts in einer Abteilung: Vertrieb, Programm, und Technik", so Bollig.

Die Begeisterung aller Mitarbeiter ist überall zu spüren. Wie in einem Startup halt. Trotzdem muss Rita Bollig mit Blick auf das Verhältnis zum Restverlag eingestehen: "Wir haben mit unserer Begeisterung nicht das ganze Haus erreichen können." Vielleicht müssen sie das auch nicht. Nüchtern betrachtet sagt Bollig später: "Wir wollen Inhalte verkaufen, egal in welcher Produktform."

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