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Amerika

Basta Brasília!

Die Proteste gegen Fahrpreiserhöhungen sind zu einer Generalanklage gegen die Staatsmacht geworden. Die Brasilianer haben ihre Politiker satt, auch weil sie die Fußball-WM ins Land geholt haben.

Fábio Rodrigues Pozzebom_ABr Was ist im Bild zu sehen: Proteste in Brasiliens Haptstadt Brasília am 17.6.2013 Copyright: Fábio Rodrigues Pozzebom/ABr

Proteste in Brasiliens Hauptstadt Brasilia

Eigentlich gilt der Confederations Cup als süßer Vorgeschmack auf die anstehende Weltmeisterschaft, die Copa. Sepp Blatter scheint davon auszugehen, dass das in Brasilien nicht anders wird: "Fußball ist größer als die Unzufriedenheit", verkündete der Boss der Internationalen Föderation des Verbandsfußballs (FIFA). Doch der Ball rollt bereits seit vier Tagen im WM-Vorbereitungsturnier und Brasilien erlebt immer noch die größten Demonstrationen seit 20 Jahren. Und nun solidarisiert sich auch noch die Fußball-Nationalmannschaft des Gastgebers mit dem Volk: "Lasst uns zusammen marschieren, Brasilien. Ich liebe mein Volk und werde euch immer unterstützen", twitterte der bei Bayern München spielende Innenverteidiger Dante.

Vor allem in den Straßen der drei bedeutendsten Städte Brasília, São Paulo und Rio de Janeiro demonstrieren Hunderttausende Brasilianer seit nunmehr einer Woche - zunächst gegen die Erhöhung der Fahrkartenpreise im öffentlichen Nahverkehr um 20 Centavos, rund sieben Euro-Cent. Doch inzwischen geht es um viel mehr.

Große Unzufriedenheit

"Jeder Demonstrant hat eigene Gründe", meint Marcelo Feller. Der Anwalt aus São Paulo ist nah dran an den brasilianischen Wutbürgern. Mit 1800 anderen Juristen im ganzen Land verteidigt er unentgeltlich friedliche Demonstranten, die verhaftet wurden. "Die Massen, die jetzt mobilisiert sind, protestieren gegen hohe Lebenshaltungskosten, Korruption und staatliches Missmanagement - vor allem im Vorfeld der Copa", so der Strafverteidiger.

Überfüllte U-Bahn in São Paulo (Foto: AFP/GettyImages)

Die U-Bahn in São Paulo an einem Werktag

Der Soziologe Cândido Grzybowski bestätigt das und ergänzt: "Es sind vor allem junge Menschen - keine ganz Armen, keine extrem Reichen, aber alle dazwischen." Menschen also, die arbeiten, studieren oder beides tun. Grzybowski leitet das renommierte Sozialforschungsinstitut "Ibase" im Zentrum von Rio de Janeiro. Die Demonstrationen finden genau vor dem Gebäude statt, in dem er sein Büro hat. Von dort aus hat er ein Schild gesehen: "Soll ich meine Kinder jetzt etwa zum Unterricht in das Maracanã schicken?" Für Grzybowski ein sinnbildlicher Satz, denn in den Augen vieler Brasilianer ist viel zu viel Geld in die Stadien geflossen und zu wenig in die Bildung.

Staatliches Missmanagement

Das Maracanã in Rio de Janeiro ist das größte Stadion des Landes und Finalspielstätte des Confed-Cup und der WM 2014. 230 Millionen Euro sollte sein Umbau den Bundesstaat Rio de Janeiro kosten, 360 Millionen sind es geworden, nachdem es in den vergangenen 15 Jahren für 220 Millionen Euro bereits zweimal saniert wurde.

Seit Mai steht nun fest, dass der 30 Milliarden schwere Unternehmer Eike Batista und der Multikonzern Odebrecht das Stadion außerhalb der WM vermarkten dürfen. Der Preis: 65 Millionen Euro Pacht für 35 Jahre und die Modernisierung des angrenzenden Sportparks für 200 Millionen Euro. Gerade wegen solcher Vorgänge werden viele Menschen das Gefühl nicht los, dass die öffentliche Hand nicht in der Lage ist, die Interessen des Volkes zu vertreten. Und vor diesem Hintergrund steht auch noch ein Gesetz zur Debatte, das die Kompetenzen der zuletzt aktiven Staatsanwaltschaft beschneiden soll: Ermittlungen in Korruptionsverfahren sollen demnach künftig der - als durch und durch korrupt geltenden - Polizei überlassen bleiben.

Das brasilianische Pulverfass

Zwar sind während des wirtschaftlichen Aufstiegs der letzten 15 Jahre große Teile der Bevölkerung der extremen Armut entwachsen: Hungernde Menschen gibt es kaum noch, die Arbeitslosigkeit hält sich auf einem historischen Tiefstand von unter sechs Prozent. Doch die Inflation macht es vielen Menschen schwer, ihren Lebensstandard zu halten: Lebensmittel kosten nicht weniger als in Deutschland - eher mehr. Das Kilo Tomaten liegt bei rund vier Euro. Dafür bekommt man in Deutschland Bioqualität.

Die Chancen auf sozialen Aufstieg aus eigenem Antrieb sind beschränkt: "Die Sozialpolitik geht teilweise an den Bedürfnissen der Menschen vorbei", urteilt Grzybowski und verweist auf Förderprogramme, die Wohnungen schaffen, in denen niemand wohnen will. Auf der anderen Seite ist das Bildungsniveau an öffentlichen Schulen weiterhin sehr niedrig, eine Gesundheitsversorgung nach deutschem Standard ist nur Wohlhabenden zugänglich und seit viele Menschen einer geregelten Beschäftigung nachgehen, kollabiert der Personentransport in den Städten - Tag für Tag.

Knackpunkt Personentransport

Das Bild zeigt Protestierende in Sao Paulo mit der brasilianischen Flagge am 18/06. (Foto: Marcelo Camargo/ABr)

Brasilianer fordern ein, was ihre Flagge verspricht: "Ordnung und Fortschritt"

Mit dem Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2014 verbanden viele Menschen die Hoffnung auf eine Verbesserung des Nahverkehrs. Doch während die Stadionkosten von zwei auf drei Milliarden Euro stiegen, wurden wichtige Bauvorhaben im Transportsektor eingestampft. Von den ursprünglich vorgesehenen elf Milliarden Euro flossen am Ende nur neun in die Infrastruktur.

Anwalt Feller würde zu seinem Arbeitsplatz in São Paulo mit Bus und Bahn fast 1,5 Stunden brauchen, mit dem Pkw durch die ständig verstopften Straßen benötigt er 30 Minuten. Die Situation in Rio de Janeiro beschreibt der Soziologe Grzybowski so: "Manche unserer Mitarbeiter brauchen für denselben Weg zur Arbeit heute doppelt so lang wie vor fünf Jahren."

Der Funke hat gezündet

Dies ist der Moment, in dem die Verkehrsunternehmen beschließen, die Fahrpreise anzuheben. Doch offenbar ist das Maß voll: Die Brasilianer gehen auf die Straße.

Und zwar nicht "wegen sieben Cent", wie internationale Medien zuspitzten: "Die Demonstranten sagen selbst, das sei nichts", berichtet Grybowski. Es gehe um all die Missstände, die die Regierung nicht in den Griff bekomme. "Bis gestern hat sich deswegen niemand vom Sofa erhoben", sagt der Anwalt Feller, "aber jetzt ist Brasilien erwacht."

Vage Rücktrittsforderungen

Präsidentin Dilma Rousseff bei ihrer Rede an die Demonstranten (Foto: AFP/Getty Images)

Präsidentin Dilma Rousseff zeigt sich solidarisch mit den Demonstranten

Das letzte Mal, als das Land erwachte, zwangen die Brasilianer ihren korrupten Präsidenten Fernando Collor de Mello zum Rücktritt. Das war 1992. Nun haben Aktivisten über die Internetplattform "Avaaz" mehrere hunderttausend Stimmen gegen Dilma Rousseff gesammelt.

Die Präsidentin aber lobt das Ausmaß der Proteste als Beweis für die Stärke der brasilianischen Demokratie und stellt sich - im Gegensatz zu ihrem türkischen Amtskollegen Erdogan - auf die Seite der Demonstranten. Eine akute Gefahr für Rousseff sehen weder Grzybowski noch Feller. Dass sich die Brasilianer mit warmen Worten beruhigen lassen, glauben sie aber auch nicht.

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