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Kirchenfürst

Bartholomaios in Berlin: Patriarch trifft Präsident

Er ist der ranghöchste orthodoxe Geistliche: Niemand steht länger an der Spitze einer Kirche als der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomaios. An diesem Donnerstag trifft er Bundespräsident Steinmeier in Berlin.

Der Deutschland-Besuch des Patriarchen ist einer formellen Einladung von kirchlicher und politischer Seite geschuldet. Am Dienstag zeichnete die Universität Tübingen das Oberhaupt aller orthodoxen Christen weltweit mit der Ehrendoktorwürde aus. Die Evangelisch-Theologische Fakultät würdigt damit sein langjähriges Engagement für den Dialog der Religionen sowie für Umweltschutz, Frieden und Freiheit. Dekan Michael Tilly nannte den Patriarchen einen "ökumenischen Brückenbauer". 

Dass eine der wichtigsten evangelischen Fakultäten in Europa das orthodoxe Oberhaupt ehrt und er diese Auszeichnung gerne annimmt, spricht für sich. Bartholomaios warb bei der Feier für Gespräche der christlichen Kirchen "mit theologischem Ernst und theologischer Fantasie" und warnte vor theologischem Fundamentalismus. Der sei "Ausdruck krankhafter Religiosität".

Bei Weizsäcker, Gauck, jetzt Steinmeier

Bartholomaios war bereits zweimal offiziell in Deutschland zu Gast, 1993 in der damaligen Hauptstadt Bonn bei Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Kanzler Helmut Kohl, 2014 bei Joachim Gauck, Bundestagspräsident Norbert Lammert und Kanzlerin Angela Merkel in Berlin. Zu Deutschland hat er eine lange persönliche Beziehung; er studierte in den 1960er-Jahren in München und spricht neben diversen anderen Sprachen langsam, aber fast akzentfrei Deutsch. 2014 verwies er darauf, dass in Deutschland "mehr als eine Million orthodoxer Christen unterschiedlicher nationaler Herkunft leben, die seit 50 Jahren auf ihre Art und Weise die deutsche Gesellschaft bereichern"  - eine Zahl, die durch die Verfolgung in Nahost und die Flucht mancher Christen weiter gestiegen sein dürfte.

Deutschland Berlin Schloß Bellevue Gespräch von Bundespräsident Joachim Gauck mit Seiner Allheili (imago/C. Thiel)

Bartholomaios mit Steinmeiers Vorgänger Joachim Gauck

Der 77-jährige, in der Türkei geboren, ist seit 1991 griechisch-orthodoxer Patriarch und gilt damit als 270. Nachfolger des Apostels Andreas (so wie - in der Kirche des Westens - Papst Franziskus der 266. Bischof von Rom in der Nachfolge des Apostels Petrus ist). Bartholomaios ist damit länger im Amt als alle wichtigen Kirchenführer weltweit; bald erreicht seine Amtszeit die von Papst Johannes Paul II. (1978-2005). Und bald nach seiner Wahl ging er auf Johannes Paul II. zu; West- und Ostrom stabilisierten ihr Miteinander. Bereits 1994 formulierte der Patriarch die Gebete des jährlichen Kreuzwegs des Papstes in Rom - damals fast eine Sensation.

Internationale Wertschätzung...

Das zeigt, wie rasch Bartholomaios international Wertschätzung genoss, die bis heute uneingeschränkt andauert. Denn der ausgesprochen intellektuell gebildete und doch wie ein Seelsorger wirkende Patriarch ist ein beständiger Mahner für Frieden und Umweltschutz. Seit mehr als 20 Jahren mahnt er zur "Bewahrung der Schöpfung" mit Fachkenntnis und einem Engagement, wie es auf katholischer Seite erst mit Franziskus üblich wurde. Bei der Umweltfrage genießt der Patriarch weltweites Ansehen. Die "drohende ökologische Katastrophe unseres Planeten" bedrohe die gesamte Menschheit. Ursache dieses Übels sei "die unersättliche Habgier von Personen und Völkern". Und er steht für bessere Beziehungen zwischen den getrennten Kirchen im Westen und Osten, die bis vor 50 Jahren kaum einen ernsthaften Dialog führten.

Der internationalen Wertschätzung stehen jedoch komplizierte Verwerfungen innerhalb der griechischen Orthodoxie gegenüber. Der Vorsitzende der Gesellschaft für das Studium des Christlichen Ostens, der Marburger Kirchenhistoriker Karl Pinggera, sieht sogar die akademische Ehrung in Tübingen kritisch. Man müsse sich "schon fragen, inwieweit solche ökumenische Jubelfeiern wie die in Tübingen irgendwie repräsentativ sind für den heutigen Zustand der östlichen Orthodoxie".

...und Schwierigkeiten daheim

Ja, meint Pinggera, Bartholomaios persönlich stehe für einen Kurs der Aufgeschlossenheit. Das sage aber nicht so viel aus. Seine "Kirche" bestehe im strengen Sinne aus einigen wenigen tausend Orthodoxen in der Türkei und auf einigen griechischen Inseln, die ihm direkt unterstehen. Schon die orthodoxe Kirche in Griechenland sei selbständig, gehöre damit nicht zum Patriarchat von Konstantinopel, und "die große Mehrheit derjenigen Griechen, die etwas aktiver am kirchlichen Leben teilnehmen", sei "radikal anti-ökumenisch eingestellt". Das dürfe man auch für die Orthodoxen in den anderen Ländern Südosteuropas vermuten, meint Pinggera und verweist auf einen "fundamentalistischen Kurs der Klöster, namentlich auf dem Athos, die mit Bartholomaios auf Kriegsfuß stehen". Mancher auf dem berühmten Athos halte ihn sogar für eine Häretiker.

Türkei Papst Franziskus und Patriarch Bartholomaios I. (picture alliance/dpa/epa/T. Bozoglu)

Kollegen unter sich: Papst Franziskus (l.) und Patriarch Bartholomaios

Schuld daran ist gewiss auch der enge, brüderliche Kurs, den Bartholomaios gegenüber Franziskus pflegt. Schon dessen Vorgänger Benedikt war er mehrmals begegnet. Bei Franziskus kann man bald schon von häufigen Treffen sprechen. Bartholomaios war bei dessen Amtseinführung, sie begegneten einander in Istanbul, kamen im März 2016 zum Thema Flüchtlinge auf Lesbos und vor wenigen Wochen in Kairo zum Dialog mit dem Islam zusammen. Auf der obersten Ebene haben sich - da kann man nun die evangelische Seite durchaus einschließen - Respekt und Vertrautheit entwickelt, die an der Basis längst noch nicht so üblich sind. Nach Einschätzung des Ostkirchen-Experten Pinggera genieße der Patriarch bei Griechen in Deutschland "hohe Popularität". Aber leider nehme "auch hierzulande der aus Griechenland importierte anti-ökumenische Fundamentalismus unter den Gläubigen zu".