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Welt

Bartels: "Für Kohle darf nicht der Tod von Menschen in Kauf genommen werden"

Nach dem verheerenden Grubenunglück in der Türkei gibt es Kritik an den Sicherheitsstandards im Unglücksbergwerk. Gewerkschafter Ralf Bartels spricht im DW-Interview über die mangelnde Sicherheit im weltweiten Bergbau.

DW: Bei dem Grubenunglück im türkischen Soma sind mehr als 200 Bergleute ums Leben gekommen. Als Grund wird eine Explosion in einem Umspannwerk genannt. Ist so etwas eine Gefahr, die im Bergbau einfach besteht?

Ralf Bartels: In der Tat ist das eine Gefahr, die im Bergbau immer besteht und der deswegen durch einen Explosionsschutz für elektrische Anlagen unter Tage sehr gründlich entgegengewirkt werden muss.

Welche besonderen Gefahren drohen bei einem Feuer unter Tage?

Sauerstoff wird verzehrt und kann nicht ersetzt werden. Es kann zu Atemnot kommen. Explosionen sind ebenfalls eine große Gefahr - genauso wie bei einem Feuer in geschlossenen Räumen über Tage. Allerdings ist man in dem Fall zwei Kilometer unter der Erde und nicht in der Lage, den Ort der Verwüstung zu verlassen.

Wie funktioniert die Kommunikation mit eingeschlossenen Bergleuten?

Über Kabelverbindungen, Telefonleitungen von über Tage nach unter Tage. In wie weit diese Kommunikation jetzt noch besteht, weiß ich nicht.

Gibt es Schutzräume für die Bergleute?

Es muss unter Tage Sicherungen geben, was die Ausbreitung von Explosionsquellen angeht und Schutzräume. Ob es Schutzräume in Soma gibt, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Es ist noch zu früh, um das Unglück in Soma von hier aus zu untersuchen. Das muss selbstverständlich dringend geschehen. Viel besser wäre es gewesen, die Sicherheit in der Grube wäre vor dem Unglück richtig überprüft worden. In vorliegenden Fall ist die Diskussion von unseren türkischen Kollegen bis ins Parlament getragen und dort unterbunden worden.

Die Sicherheitsstandards in dem Unglücksbergwerk sollen sehr schlecht gewesen sein. Ist das typisch für den Bergbau in der Türkei?

Die Sicherheitsstandards und vor allem die Sicherheitspraxis sind weit entfernt von den Sicherheitsstandards des deutschen Steinkohlebergbaus und denen, die wir weltweit fordern. Sicherheitsmängel sind leider typisch für den türkischen Bergbau.

Haben Sie genauere Informationen zu den Bedingungen im Bergwerk Soma? In ersten Meldungen hieß es, man habe dort sehr junge, billige und schlecht ausgebildete Bergleute eingesetzt.

Unser Vorsitzender Michael Vassiliadis steht in Kontakt mit dem Vorsitzenden der dortigen Gewerkschaft, um über genau diese Fragen zu sprechen - vor allem aber darüber, wie wir jetzt helfen können und was jetzt konkret getan werden kann. Der nächste Schritt ist dann die Untersuchung der Ursachen und die Aufklärung genau dieser Fragen, die Sie ansprechen - zum Beispiel was die Sicherheitsausrüstung und die Ausbildung der Bergleute angeht. Es geht nicht nur um technische Fragen, sondern auch um ein grundsätzliches Verständnis von Sicherheit. Sicherheit und Produktivität sind zwei Seiten einer Medaille und es kann nicht sein, dass für die Förderung von Kohle der Tod von Menschen in Kauf genommen wird.

Ich erinnere mich an meinen Besuch in der türkischen Bergbaustadt Zonguldak am Schwarzen Meer, wo es 1992 das zuletzt schwerste türkische Grubenunglück gab. Dort gibt es eine große Gedenktafel, auf der all die Namen der toten Bergleute stehen, so wie wir das von Kriegerdenkmälern kennen. Dieser Verehrung der Toten steht leider keine ausreichende Prävention solcher Unglücke in der Zukunft gegenüber. Es kann nicht sein, dass man sich damit abfindet, dass im Bergbau Menschen sterben, statt alles zu tun, damit das in Zukunft nicht mehr geschehen muss.

Gibt es schon konkrete Überlegungen, wie man von Deutschland aus helfen kann?

Wir sprechen zurzeit mit unseren türkischen Kollegen und gucken, ob es konkretere Möglichkeiten als die selbstverständliche Unterstützung durch Geldspenden gibt. Da wird auch die Frage sein, in wie weit es eine technische Zusammenarbeit mit dem Bergbaukonzern RAG in Herne gibt. Dazu kann ich aber noch nichts Konkreteres sagen.

Dr. Ralf Bartels ist Leiter des Ressorts Bergbau und Energiepolitik der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE).

Das Interview führte Marcus Lütticke.

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