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Nordkorea

Barrierefreiheit in Nordkorea? Fehlanzeige

Sie leben abgeschottet in einem abgeschotteten Land: In Nordkorea stehen Menschen mit Behinderungen am Rand der Gesellschaft. Doch es gibt Initiativen, die daran etwas ändern und ein Umdenken anregen wollen.

Feierliche Siegerzeremonie eines Tischtennisturniers. Das war eine der Stationen für Catalina Devandas-Aguilar während ihrer Nordkorea-Reise im Mai. Sechs Tage war die Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen vor Ort. Es war das erste Mal überhaupt, dass ein vom UN-Menschenrechtsrat entsandter unabhängiger Experte ins Land durfte. Das Tischtennisturnier – kein gewöhnliches: An der Platte standen sich Menschen mit und ohne Behinderungen gegenüber. Gelebte Inklusion sollte wohl die Botschaft sein. Doch davon ist Nordkorea in der Praxis eigentlich weit entfernt.

Offiziellen Angaben zufolge leiden 6,4 Prozent der Bevölkerung in Nordkorea an einer körperlichen oder geistigen Behinderung, so Devandas-Aguilar gegenüber der DW. Ob diese Zahlen wirklich belastbar sind, lässt sich nicht genau sagen. Im kommenden Jahr allerdings soll es nach einer landesweiten Volkszählung neue Statistiken geben. "Nordkorea steht noch ziemlich am Anfang. Aber wir  konnten auf Seiten der Regierung durchaus die Bereitschaft erkennen, die öffentliche Wahrnehmung für das Thema Behinderung an sich zu schärfen und die Lebensqualität für Betroffene zu verbessern."

Behinderung ist nicht gleich Behinderung

In den vergangenen 15 Jahren hat die Führung des international isolierten Staates einige Veränderungen auf den Weg gebracht.

Catalina Devandas-Aguilar (ohchr.)

Auch wenn sie sich nur ein bruchstückhaftes Bild von den Lebensumständen behinderter Menschen machen konnte, sei die Reise sehr wichtig gewesen, sagt Catalina Devandas-Aguilar

So wurde 2013 ein bestehendes Gesetz zum Schutz von Menschen mit Behinderungen überarbeitet und verabschiedet. Und seit knapp einem halben Jahr gibt es eine 'Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen'. Seit 2003 ist außerdem die koreanische Gebärdensprache offiziell als Sprache anerkannt, darüber hinaus  werden gehörlose Schüler zu Lehrern ausgebildet, um später selbst andere Betroffene zu unterrichten. Landesweit gibt es zwölf Schulen für gehörlose Kinder sowie drei Blindenschulen.

Für Kinder mit körperlichen Behinderungen gibt es dagegen keine spezielle Schule, sie besuchen nach Möglichkeit die Regelschule – auch wenn Barrierefreiheit in Nordkorea noch weitgehend ein Fremdwort ist. Kinder mit geistiger Behinderung sind fast komplett vom Zugang zu Bildung ausgeschlossen. Nur in einer einzigen Einrichtung, beim 'Korean Rehabilitation Center for Children with Disabilites", werden beispielsweise Schüler mit Down-Syndrom unterrichtet. Individuelle Lehrpläne gibt es dort aber nicht, berichtet Catalina Devandas-Aguilar. Wie es nach der Schule weitergeht? "Mir wurde mitgeteilt, dass es verschiedene Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen gibt, beispielsweise eine Berufsausbildung oder Fernlernen."

Passagiere in einer U-Bahn-Station in Pjöngjang (picture-alliance/dpa)

Der öffentliche Nahverkehr ist für viele körperbehinderte Menschen nicht zugänglich

Insgesamt, so kritisiert die Expertin, sei der Fokus sämtlicher bisherigen Maßnahmen aber sehr eng gefasst. "Die meisten Anstrengungen konzentrieren sich nur auf blinde und taubstumme Menschen. Ich hatte bei meiner Reise Gespräche mit dem Blinden- und dem Gehörlosen-Verband, habe eine Blindenschule besucht. Daneben habe ich Menschen mit leichten körperlichen Behinderungen getroffen -  aber nur einen einzigen Rollstuhlfahrer."

Recherche unter erschwerten Bedingungen

Kontakt zu Menschen mit geistigen oder psychosozialen Behinderungen hatte die UN-Sonderberichterstatterin gar nicht. "Ich hatte darum gebeten, eine psychiatrische Klinik besuchen zu dürfen. Diesem Wunsch wurde leider nicht entsprochen. Zur Lebenssituation dieser Menschen kann ich aufgrund der mangelnden Informationen, die ich bisher habe, keine angemessene Bewertung abgeben. "

Catalina Devandas-Aguilar vor nordkoreanischen Akkordeonspielern, hinter sich ein junger Mann im Rollstuhl (ohchr.)

Nur einem einzigen Rollstuhlfahrer begegnete die UN-Sonderberichterstatterin während ihres Besuchs - Menschen mit schweren körperlichen Behinderungen oder geistig behinderte Menschen traf sie gar nicht

Die Reise nach Nordkorea sei geplant worden wie jede andere auch, berichtet die UN-Sonderberichterstatterin. "Wir haben dieselben Anträge und dieselben Fragen gestellt wie sonst." Vor Ort allerdings war es in Nordkorea dann doch etwas anders. "Die Umstände sind natürlich speziell. Wir mussten mit offiziellen, von der Führung ausgewählten Übersetzern arbeiten, die immer bei uns waren. Wir konnten unsere Fragen zwar frei stellen, aber wir waren mit unserem Gegenüber niemals allein." Jeder Kontakt mit Koreanern lief ausschließlich über diese Begleiter. Nur bei Gesprächen mit Vertretern ausländischer NGOs sei es möglich gewesen, direkt und auf Englisch zu kommunizieren. Außerdem konnte Devandas-Aguilar nicht alle Orte besuchen und nicht alle Gesprächspartner treffen, die sie angefragt hatte. Das Bild, das sie sich während ihrer Reise machen konnte, sei also bei weitem nicht vollständig, sondern nur ein kleiner Ausschnitt, sagt sie selbst.

Eine Schande für die Familie?

Organisiert und durchgeführt wurde der Besuch der UN-Sonderberichterstatterin vom 'Koreanischen Verband für den Schutz von Menschen mit Behinderungen' (Korean Federation for the Protection of the Disabled, KFPD). Der Verband arbeitet derzeit an einem nationalen Aktionsplan, der in den kommenden zehn Jahren umgesetzt werden soll und durch den sich die Lebensbedingungen behinderter Menschen deutlich verbessern sollen.

Im Verband sei man sich bewusst über die Vorurteile, mit denen behinderte Menschen in Nordkorea tagtäglich zu kämpfen haben. "Da ist sehr viel Stigma, was dieses Thema betrifft", sagt Devandas-Aguilar. "Die Menschen gelten als unproduktiv, es herrscht die Meinung vor, dass sie nicht fähig wären, zu arbeiten. Oft werden sie auch als Belastung empfunden." Dieses Denken sei in den Köpfen vieler tief verwurzelt. "Ich habe auch mitbekommen, dass Familien sich scheuen, Kinder oder Verwandte mit Behinderungen in der Öffentlichkeit zu zeigen." Stattdessen würden sie einfach zu Hause betreut – und sich selbst überlassen, ohne fachliche Unterstützung, ohne jede Förderung.

Tanzende Menschen in Pjöngjang (picture-alliance/dpa)

Glückliche, gesunde Menschen - das ist das Bild, das die nordkoreanische Führung gern nach außen abgibt

Auch der allgemeine Sprachgebrauch im Zusammenhang mit dem Thema Behinderung sei oft diskriminierend, hat Devandas-Aguilar während des sechstägigen Besuchs beobachtet.  Selbst in verschiedenen Gesetzen stieß sie wiederholt auf den Begriff "dumm", wenn es um Menschen mit Behinderungen ging. "Ich habe außerdem der Regierung geraten, nicht-behinderte Menschen nicht mit Attributen wie 'zurechnungsfähig' oder 'normal' zu bezeichnen." Im Umgang mit Behinderungen liege der Fokus in Nordkorea insgesamt mehr auf Heilung und Rehabilitation. So, als wäre eine Behinderung eine Krankheit. Hier gelte es, den Kenntnisstand und auch die öffentliche Wahrnehmung zu verändern und ein Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen zu schaffen.

Treppen – unüberwindbare Hindernisse

Dazu gehört beispielsweise auch, dass behinderte Menschen am sozialen Leben teilnehmen können. Das scheitert aber oft schon an den Gegebenheiten – was in Anbetracht der politischen und wirtschaftlichen Gesamtsituation in Nordkorea nicht verwundern kann. Es fehlt an vielem: nicht nur an behindertengerechten Einrichtungen oder gezielter Förderung, sondern auch an grundlegender Ausrüstung wie beispielsweise Prothesen oder Rollstühlen, sagt Catalina Devandas-Aguilar.

Catalina Devandas-Aguilar in ihrem Rollstuhl auf einer Rampe (ohchr.)

Rampen wie hier gab es auch für die UN-Sonderberichterstatterin nicht überall

Dazu kommt: U-Bahnen, Busse oder öffentliche Gebäude sind in vielen Fällen nicht barrierefrei. Pjöngjang erlebt seit Jahren einen regelrechten Bauboom, die Hauptstadt versteht sich als "Schaufenster" des Landes. Doch selbst bei neuen Bauten wird nicht behindertengerecht geplant. "Die Mehrheit ist für körperbehinderte Menschen schlicht nicht zugänglich." Das gilt auch für das 2015 erbaute Forschungszentrum ("Sci-Tech-Complex") in der Hauptstadt, das die nordkoreanischen Gastgeber der UN-Sonderberichterstatterin stolz präsentierten. Offenbar ohne daran zu denken, dass es auch dort am Eingang nur Treppen und keine Rampen gibt. Das aber ist für Catalina Devandas-Aguilar ein Problem. Denn sie sitzt selbst auch im Rollstuhl.