Barocke Schätze in Tschechien gerettet | DW Reise | DW | 20.12.2017
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Reise

Barocke Schätze in Tschechien gerettet

Die Sanierung der barocken Anlage Kuks in Tschechien ist ein preisgekröntes Musterbeispiel des Denkmalschutzes. Nun soll das wenige Kilometer entfernte "Bethlehem von Kuks" aus dem Dornröschenschlaf erwachen.

Riesenskulpturen im Fels, eingewachsen und überzogen von Moosen und Flechten. Seit drei Jahrhunderten schon kauert der Einsiedler auf dem Waldboden, den Blick in Richtung Himmel gewandt. Das bärtige Gesicht ist von den Stürmen der Jahre verwittert, rings um ihn erheben sich Birken. "Ist das nicht verrückt?", fragt Libor Svec und zeigt auf die Figur aus Sandstein: "Das ist so, als hätte Michelangelo mitten im Wald eine Galerie angelegt."

Teschechien - Steinstatuen von Matthias Bernard Braun (Teschechien, Steinstatuen, Matthias Bernard Braun, Kuks,)

Steinfigur des Einsiedlers Juan Garinus, darüber das Wappen von Graf Sporck

Letzte Rettung durch Denkmalschutz

Libor Svec ist Denkmalschützer, ein zupackender Mann in Fleecejacke, und verantwortlich für eines der ungewöhnlichsten Monumente in Tschechien: Im böhmischen Elbtal erheben sich entlang eines Waldweges dutzende biblische Figuren, meisterhaft gemeißelt in die Sandsteine, die sich aus dem Boden erheben.

Matthias Braun (1684-1738) hat den Skulpturengarten zu Beginn des 18. Jahrhunderts angelegt - ein gefeierter böhmischer Barockbildhauer. Eremiten knien auf dem Waldboden, andere Steine verwandelte er in Lämmer. Aber das imposanteste Werk ist in einen Felsvorsprung gemeißelt, meterhoch aufsteigend: Den Zug der drei heiligen Könige hat er dargestellt, dazu die Hirten, die sich an der Krippe verbeugen - ein Wunderwerk mit zahlreichen Figuren, gesäumt von Birken und Fichten. "Braun'sches Bethlehem" wird das Ensemble genannt. "Schon als die Skulpturen entstanden, wurden sie angestaunt", sagt Libor Svec. Auf ihn wartet hier im Wald eine große Herausforderung: Bevor die Witterung die Sandstein-Skulpturen endgültig verwäscht, will er sie retten.

Tschechien - Barockes Gebäude in Kuks (picture-alliance/dpa/CTK/D. Tanecek)

Preisgekröntes Barockensemble von Kuks in Tschechien

Mit Rettungsaktionen hat Libor Svec Erfahrung. Ein paar Kilometer entfernt ist ihm eine bemerkenswerteste Erfolgsgeschichte des Denkmalschutzes gelungen: Das Hospital Kuks, eine gewaltige barocke Anlage, die zeitgleich mit der Skulpturengalerie im Wald entstand, verwandelte er in nur zwei Jahren vom verfallenden Juwel in einen Besuchermagneten. Die Renovierung wurde im Mai 2017 mit dem Europa-Nostra-Preis ausgezeichnet; der höchsten Denkmalschutz-Auszeichnung, die es in Europa gibt. "Seitdem", sagt Libor Svec, "laufen uns die Besucher hier die Türen ein." 

Das Hospital Kuks geht zurück auf eine Idee des Grafen Franz Anton von Sporck - er stammt aus einem westfälischen Adelsgeschlecht und sammelte Meriten in der Armee der österreichisch-ungarischen Kaiser. Kuks, etwa anderthalb Stunden östlich von Prag, war eine seiner Liegenschaften im idyllischen Elbtal. Hier richtete er ein Hospital für alte Soldaten ein, die bis zum Ende ihres Lebens gepflegt wurden. Zu der Anlage gehören auch ein Kloster, die zweitgrößte Barockapotheke im heutigen Tschechien und ein Heilkräutergarten gewaltigen Ausmaßes.

"Hier in Kuks kann man in der Architektur erkennen, wie die Menschen in der Barockzeit gedacht haben", erklärt Libor Svec. Die Gebäude orientieren sich entlang einer Achse - auf der einen Elbseite stand früher das inzwischen abgebrannte Schloss, um das sich ein Kurbetrieb entwickelte. "Das war das Symbol für die Freuden des Lebens", erklärt Svec. Über eine kleine Elbbrücke hinweg geht es zum Hospital, dem Symbol des Alters und Siechtums. Und dann, am Ende der Achse, findet sich ein Friedhof. Der drohende Tod war im Denken des Barock allgegenwärtig.

Teschechien - Steinstatuen von Matthias Bernard Braun (picture-alliance/CTK/A. Hampl)

"Die Vision des Hl. Hubertus" im Wald von Kuks

Barocke Vergangenheit trifft modernes Leben

Graf Sporck ließ die Anlage überreich verzieren mit Statuen von Matthias Braun. Sein Hauptwerk, monumentale Allegorien der Tugenden und der Laster, sind heute im einstigen Krankensaal aufgebaut - sicher vor der Witterung. "Als ich die Anlage vor 15 Jahren übernommen habe, mussten wir erstmal stückweise renovieren, für mehr gab es kein Geld", erinnert sich Libor Svec: "Was fehlte, war eine Vision, wie sich so ein Haus im 21. Jahrhundert sinnvoll nutzen lässt." Europäische Fördermittel in Höhe von 16 Millionen Euro gaben den Startschuss für die grundlegende Sanierung. Heute nutzt die pharmazeutische Fakultät einer Universität die alte Barockapotheke und einen Übernachtungsflügel, es gibt Konzerte, Sportveranstaltungen, Festivals. Von 40.000 Besuchern pro Jahr vor der Renovierung schnellte die Zahl auf 140.000 hinauf.

Viele von ihnen kommen auch wegen der Außenanlagen: Der Kräutergarten, der in der kommunistischen Zeit überwuchert war, ist nach historischem Vorbild wieder neu angelegt worden. "Er ist in 16 Quadrate aufgeteilt, in denen insgesamt 144 Beete angelegt sind", erläutert Gärtner Jiri Perner die barocke Geometrie: "Die Quadrate im Eck sind für die Zucht von Gemüse, Ziergewächsen und Küchenkräutern vorgesehen, in den Quadraten dazwischen wachsen Heilkräuter." Wie früher werden sie getrocknet oder zu Tinkturen verarbeitet.

Wenn es nach den Denkmalschützern geht, werden auch die barocken Figuren im Wald bald wieder nach historischem Vorbild aufleben. "Graf Sporck ließ sie errichten, damit die Kurgäste dorthin Ausflüge unternehmen können", erzählt Libor Svec, "je nach Konstitution zu Fuß, per Pferd oder mit der Kutsche." Nach einer Renovierung soll der Besuch in der Freiluft-Galerie für die Gäste von heute wieder genauso selbstverständlich werden wie vor 300 Jahren.

is/ks (epd)