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Alltagsdeutsch – Podcast

Barbier und Bader – Ein Friseur erzählt

Vom Barbier und Bader zum Friseur: Der Beruf blickt auf eine mehrtausendjährige Geschichte zurück. Und der Werkstoff der Friseure, das Haar, hat in mehr als 100 Redewendungen seine Spuren hinterlassen. Haargenau!

Sprecher:
Wer erinnerte sich nicht an die Hippies. Sie ließen sich nie die Haare schneiden und verbreiteten die Parole "Traue keinem über 30". So hieß es auch in dem Hippie-Musical "Hair", das Ende der 60er Jahre nicht nur in Amerika die Gemüter erhitzte.

Musik:

Hair: "Aquarius"

"… This is the dawning of the age of Aquarius
The age of Aquarius
Aquarius!
Aquarius! …"

Sprecher:
Die Über-30 ließen kein gutes Haar an "Hair", das heißt, sie lehnten das Stück in Bausch und Bogen ab. Aber auch in der jungen Generation gab es kritische Stimmen, fand man ein Haar in der Suppe. Vielen war das Musical einfach zu kommerziell, nicht radikal, nicht revolutionär genug. Die zum Teil recht lautstarken Auseinandersetzungen brachten den Inhaber eines Münchner Frisiersalons auf einen witzigen Werbespruch. Der forderte nachdrücklich, wenn auch im Reim nicht ganz sauber "Vertraue beim Hair nur dem Friseur".

Sprecherin:
Das war 1968. Nur wenig später begann Manfred Aussem, unser heutiger Sprachzeuge mit den Vorbereitungen zu einer Prüfung, aus der er nach dreijähriger Lehre und mehreren Gesellenjahren schließlich als Meister des Friseurhandwerks hervorging. Manfred Aussem ist der Eigentümer eines privaten Friseurmuseums in der Bundesrepublik. Beinahe aber, um ein Haar, wäre aus all dem nichts geworden. Denn der Vater wehrte sich gegen den Wunsch des Sohnes, die lange Tradition der Friseurfamilie Aussem fortzusetzen. Und warum? Damals mussten alle handwerklichen Berufe um ihr gesellschaftliches Ansehen fürchten. Manfred Aussem:

Manfred Aussem:
"Daher sagte mein Vater immer, das Arbeitsmaterial darf nicht schwerer sein wie ein Bleistift und du wirst kein Friseur. Er verbot mir, Friseur zu werden. Ich war 14 Jahre alt und habe mir eine Lehrstelle selbst gesucht und habe diesen Beruf erlernt und mache ihn eigentlich bis zum heutigen Tage sehr gerne. Und wenn sie mich heute fragen würden, ob ich wieder Friseur werden würde. Ich würde es wieder lernen."

Sprecherin:
Die Geschichte dieses Berufs reicht bis in die graue Vorzeit zurück. So haben Ausgrabungen in China, Kleinasien und Mittelamerika bewiesen, dass dort schon um 4000 vor Christus kunstfertige Hände am Werke waren, die den kultivierten Zeitgenossen das Haupthaar schoren, glätteten, wellten, wohlhabende Damen schminkten und rasierten und die modebewussten Herren vom Bart befreiten oder ihn auf die richtige Länge stutzten. Im alten Europa war es nicht anders. Hier erwuchsen aus dem Urberuf des Friseurs später noch zahlreiche weitere Gewerbe.

Manfred Aussem:
"Mein Vater sagte immer, der Beruf Zahnarzt kommt aus dem Friseurberuf, der Beruf Chirurg. Es wurden Medikamente beim Friseur hergestellt, Haarwuchsmittel, Haarwässer – all diese Dinge machte früher der Barbier."

Sprecherin:
Barbier? Barbier war das nicht der …

Manfred Aussem:
"Barbier war der Rasierer, war der Bader. Es wurde im vorigen Jahrhundert auch noch gebadet im Friseurgeschäft. Die Leute kamen zum Baden, zu Kompressen, zur Hautpflege und Haarpflege. Mein Großvater hatte ein Friseurgeschäft und es kamen Kunden jeden Morgen zum Rasieren. Arbeitslose bezahlten fünf Pfennig und Arbeitende bezahlten zehn Pfennig für die Rasur."

Sprecher:
Barbier und Bader sind heute aus der Umgangssprache verschwunden, leben freilich in mehreren gängigen Redensarten jedoch weiter. So in der Wendung etwas ausbaden müssen, das heißt für einen Fehler gerade stehen zu müssen, den ein anderer gemacht hat. Wie ist es zu diesem Ausdruck gekommen? Nun die Bader von einst hatten keine Ahnung von Hygiene und waren zudem noch überaus geschäftstüchtig. Darum steckten sie ihre Kunden einen nach dem anderen immer in dasselbe Bad, bis das Wasser endgültig kalt war. Wer als Letzter das Bad verließ, musste nicht nur wie seine Vorgänger bezahlen, sondern auch die schmutzige Brühe ausgießen und die Wanne – oder besser – den Bottich säubern. Damit hatte er den Dreck der anderen ausgebadet.

Sprecherin:
Wenn unser Gewährsmann aus der Geschichte seines Berufs erzählt, kommt er immer wieder auch auf die alten Friseurutensilien zu sprechen, die den Bestand seines kleinen, aber feinen Privatmuseums ausmachen. Uns interessiert das Museum. Wie ist der Familienvater Manfed Aussem zu all diesen Antiquitäten gekommen?

Manfred Aussem:
"Not macht erfinderisch. Wir haben uns selbstständig gemacht vor 17 Jahren und hatten eigentlich nicht sehr viel Geld. Und sind dann durch Deutschland gereist und haben versucht, antike Friseureinrichtungen preiswert zu bekommen. Das spielte sich auch ganz gut ein. Ich habe heute insgesamt 488 antike Teile, so dass ich also einen kompletten Salon um die Jahrhundertwende habe, wo ich drin arbeite."

Sprecherin:
Natürlich werden nicht mehr alle Utensilien der Sammlung benutzt. Die Rasiermesser, namentlich aber die Seifenschalen, die früher einmal das Aushängeschild eines jeden Barbiers waren, sind heute nur noch Schaustücke. Auch die Rasur selbst, die noch vor einem Menschenalter zu den alltäglichen Dienstleistungen eines Friseurs gehörte, ist inzwischen völlig aus der Mode gekommen.

Sprecher:
Nicht so die Redewendung jemanden einseifen, die zunächst nur die Anfangsphase des Rasierens oder Barbierens bezeichnete, dann aber auch die Bedeutung jemanden übervorteilen oder betrügen an sich zog. Von windigen Kaufleuten sagt man, dass sie die Kundschaft einseifen. Aber auch Politiker im Wahlkampf müssen sich diesen Ausdruck gefallen lassen.

Musik:
Hair "Let the sunshine in"

"Let the sunshine
Let the sunshine in
The sunshine in
Let the sunshine
Let the sunshine in
The sunshine in
Let the sunshine …"

Sprecherin:
Kommen wir wieder aufs Haar zu sprechen. In Galt MacDermots Musical "Hair" wird es als Flagge des friedlichen Protests gegen eine unmenschliche Gesellschaft himmlisch gefeiert. Aber soweit hat Mutter Natur natürlich noch nicht gedacht, als sie den Menschen ebenso wie viele andere Lebewesen mit Haaren ausstattete. Es fragt sich nur, wozu sind Haare eigentlich gut?

Manfred Aussem:
"Die Haare sind als Schutz gedacht. Sie können das feststellen, wenn Sie mal in die Richtung Dortmund fahren, wo die Leute früher in den Stollen gearbeitet haben. Da haben die Leute sehr viele Haare in den Ohren und in den Nasen. Dicke Augenbrauen. Das liegt einfach daran, dass der Körper einen Schutz entwickelt und deswegen sagt man vielleicht Haare auf den Zähnen."

Sprecher:
Wer Haare auf den Zähnen hat, der lässt sich nichts gefallen, gibt jedem die passende Antwort und nimmt dabei auch in Kauf, dass man ihm ein loses Mundwerk oder eine spitze Zunge bescheinigt.

Sprecherin:
Früher waren in den Frisiersalons die Damen- und Herrenabteilungen räumlich voneinander getrennt. Das ist heute natürlich nicht mehr so. Frauen und Männer, Männlein und Weiblein, sieht man einträchtig nebeneinander sitzen, in Zeitschriften blättern und Kaffee trinken, während der Kundin etwa eine Dauerwelle gelegt, dem Kunden daneben aber das Haar auf Streichholzlänge gestutzt wird. Ist das eigentlich noch modern?

Manfred Aussem:
"Der Streichholzschnitt – auch Bürstenhaarschnitt genannt – den gibt es gerade heute wieder. Die jungen Leute haben heute extrem kurze Haare. Lange Haare sind eigentlich nicht mehr so sehr gefragt, außer die aus den 60er Jahren Übriggebliebenen, die haben heute noch lange Haare. Alle anderen haben die Haare kurz."

Sprecherin:
Wie steht es mit kosmetischen Anwendungen, mit Spezialbehandlungen für den Teint oder für die Gesichtshaut?

Manfred Aussem:
"Es kommt auf Gesichtsmassagen und Draining. Diese Dienstleistungen sind heute letztendlich wie Rasur so teuer geworden, dass wir sie eigentlich nicht mehr machen können. Der Kunde kann sie uns nicht mehr bezahlen."

Sprecherin:
Die Klagen, dass die Kosten für die Haarpflege ständig steigen, kennen wir schon aus dem alten Rom. Damals und später noch mehrfach im Mittelalter, trieben verschiedene Luxussteuern die Preise in die Höhe. Heute sind es vor allem die Arbeitslöhne und die damit verbundenen Nebenkosten wie der so genannte Arbeitgeberanteil bei der Kranken- und der Sozialversicherung. Selbstverständlich ärgert es die Kunden, dass sie Jahr für Jahr berappen, immer tiefer in die Tasche greifen, immer Haare lassen müssen.

Sprecher:
So kann es denn auch passieren, dass sich Friseur und Kunde oder Kundin in die Haare geraten, will sagen zerstreiten. Diese Wendung ist nur eine von den rund 100 Redensarten, mit dem das Alltagsdeutsch dem Haar die gebührende Referenz erweist. Wenn sich zwei in die Haare geraten, in den Haaren liegen, geht es gewöhnlich nicht leise zu. Mitunter landet eine solche Sache auch vor dem Richter, zumal wenn es dabei zu Handgreiflichkeiten kommt. In der Vergangenheit war das wohl öfter der Fall, wie ein Gesetz aus dem Jahre 1563 beweist, das haargenau, also präzise vorschreibt, was an Strafe zu zahlen hat, wer seinem Gegner ins Haar greift. Wer nur mit einer Hand zugepackt hatte, büßte pro Finger fünf Mark ein. Ein Batzen Geld für unsere Vorfahren. Waren beide Hände im Spiel gewesen, kostete der Fall das Doppelte. Doch zum Glück gab es auch mildernde Umstände, denn – wir zitieren aus dem Gesetzestext – "der Daumen wird beim Haare ziehen nicht als Tatwerkzeug betrachtet und daher auch nicht berechnet".

Sprecherin:
Wenn er an die Zukunft seines Berufsstandes denkt, stehen Manfred Aussem die Haare zu Berge. Denn es gibt kaum noch Lehrlinge. Woran liegt das? Hat der Beruf des Friseurs an Attraktivität verloren oder ist es vielleicht nur eine vorübergehende Erscheinung?

Manfred Aussem:
"Der Bart mit den Lehrlingen wird sicherlich ab sein. Es gibt keine Lehrlinge mehr heute. Und vor allen Dingen, das ist ein Beruf, den muss man ganz jung anfangen."

Sprecher:
Die Redensart der Bart ist ab besagt, dass ein Unternehmen gescheitert, eine Sache endgültig vorbei ist. So sehr dieser Ausdruck auch nach Friseur oder Barbier klingt – er hat mit dem Barthaar nicht das Geringste zu tun. Denn auch der untere, auf und zuschließende Teil eines normalen Schlüssels heißt Bart. Und wenn der Bart ab ist, kann man den Schlüssel so lange drehen wie man will, das Schloss geht weder auf noch zu.

Sprecherin:
Der Schlüssel zum Lehrlingsproblem bei den Friseuren liegt nach Ansicht unseres Sprachzeugen in den Schulen. Da immer mehr Jugendliche das Abitur oder einen gehobenen Schulabschluss anstreben, werden sie für diese Berufsausbildung leicht zu alt.

Sprecher:
Manfred Aussem liebt eben sein Handwerk, ist Friseur durch und durch, oder um mit einer entsprechenden Redewendung zu schließen, er ist Friseur mit Haut und Haar.


Fragen zum Text

Wenn jemand für einen Fehler gerade stehen muss, den ein anderer gemacht hat, dann …
1. muss jemand etwas ausbaden.
2. schüttet er das Kind mit dem Bade aus.
3. badet er in Wohlstand.

Hat jemand umgangssprachlich eine Bürste auf dem Kopf, dann …
1. stehen jemandem die Haare zu Berge.
2. trägt jemand die Haare sehr kurz.
3. hat jemand einen Minipli.

Streiten sich Menschen um etwas, dann …
1. stehen ihnen die Haare zu Berge.
2. finden sie ein Haar in der Suppe.
3. liegen sie sich in den Haaren.


Arbeitsauftrag
Es gibt insgesamt mehr als 100 Redewendungen rund um das Haar. Suchen Sie sich mindestens 20 weitere und erklären Sie deren Bedeutung. Verfassen Sie anschließend eine kleine, sinnvolle Geschichte, in der alle diese Redewendungen vorkommen.

Autor: Franz-Josef Michels

Redaktion: Beatrice Warken

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