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Wirtschaft

Banken sind kaum krisenfester geworden

Vor drei Jahren hat die Lehman-Pleite die Welt in Schockstarre versetzt und die Wirtschaft in eine tiefe Rezession gerissen. Nun kommen wieder beunruhigende Zeichen aus der Geldbranche.

Frankfurter Skyline (Foto: dpa)

Als die US-Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 in die Pleite rutschte, geriet das gesamte Finanzsystem aus den Fugen. Auch unzählige Kleinanleger verloren mit Lehman-Zertifikaten hohe Summen. Ein Teil der Gläubiger hat eine Entschädigung erhalten. Es laufen aber immer noch Klagen gegen Banken und Sparkassen wegen falscher Beratung bei Lehman-Papieren.

Die Bundesregierung ließ sich vor gut einem Jahr als der knallharte Regulierer der Finanzmärkte feiern. Sie verbot im Alleingang ungedeckte Leerverkäufe, also Geschäfte, bei denen Spekulanten Aktien verkaufen, die sie weder besitzen noch geliehen haben. Auf europäischer Ebene setzte sie Berlin mit dem Verbot bestimmter Kreditausfallversicherungen durch, den sogenannten Credit Default Swaps, kurz CDS. Für Thomas Heidorn, Professor an der Frankfurter School of Finance, ist vor allem das Verbot der CDS nicht zielführend, "weil sowohl die EZB als auch die Bundesbank in Studien festgestellt haben, dass es dort keinen spekulativen Zusammenhang gibt, was aber die Einsicht nicht erschütterte, dass es ein ganz schlechtes Produkt ist."

Von der neuen Weltfinanzarchitektur ist wenig zu sehen

Prof. Clemens Fuest, Direktor am Centre for Business an der Universität Oxford (Foto: Clemens Fuest)

Prof. Clemens Fuest, Direktor am Centre for Business an der Universität Oxford

Er sieht darin nichts anderes als politisch motivierten Aktionismus. Ähnlich denkt Clemens Fuest, Finanzwissenschaftler an der Universität Oxford. Auch drei Jahre nach der Lehman-Pleite kann seiner Meinung nach von einer neuen Weltfinanzarchitektur nicht die Rede sein. Zwar gehe Basel III, das Reformpaket des Basler Ausschusses der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und Kernstück der Finanzmarktregulierung, in einigen Aspekten in die richtige Richtung, dass man nämlich "Eigenkapitalregeln verschärft, dass man die Bedeutung der Risikogewichtung etwas zurückdrängt". Aber Basel III reiche nicht aus, weitere Reformen müssten folgen, so Fuest gegenüber DW-WORLD.DE.

Thomas Heidorn von der Frankfurter School of Finance ist auch für höheres Eigenkapital für die Banken, "aber was für mich ungeklärt ist, ist die Frage, woher das Eigenkapital beim jetzigen Marktumfeld, bei den jetzigen Kursen kommen soll?"

Banken und Staaten werden einander zu Geiseln

Eine gute Frage. Zwischen Ende Juli und Ende August dieses Jahres wurde ein Fünftel des weltweiten Aktienvermögens vernichtet. Europäische Bankenaktien verloren im Schnitt ein Drittel ihres Wertes. Schuld daran sind überschuldete Länder, deren Anleihen massenweise in den Büchern der Banken schlummern. Der Internationale Währungsfonds warnt daher europäische Banken vor einem Kapitalloch von 200 Milliarden Euro.

Dass Banken und Staaten eng miteinander verflochten sind, stellt für Finanzexperten Clemens Fuest das eigentliche Problem dar: "Wir müssen zu einem Zustand kommen, in dem Banken viel weniger Staatsanleihen halten." Es sei nicht einzusehen, warum Banken soviel Staatsanleihen haben. Das könnten nach Meinung von Fuest genauso gut Versicherungen oder Pensionsfonds machen. "Da hat man den Vorteil: wenn sie Verluste erleiden bei ihren Staatsanleihen, dann hat das nicht gleich systemische Auswirkungen."

Prof. Thomas Heidorn von der Frankfurter School of Finance & Management, FS (Foto: FS)

Prof. Thomas Heidorn von der Frankfurter School of Finance & Management

Doch noch hängt das Schicksal vieler europäischer Banken davon ab, ob einige Länder das Schuldenproblem in den Griff bekommen. Ähnlich wie nach der Lehman-Pleite verharren die Banken in Lauerstellung und misstrauen einander. Sie parken ihre überschüssige Liquidität lieber bei der EZB, statt sie gegen Zinsen anderen Banken zu leihen. Im Moment beträgt die geparkte Summe rund 170 Milliarden Euro. Kurz nach der Lehman-Pleite lag dieser Wert bei 300 Milliarden. Nicht nur deswegen sei die Lage nicht vergleichbar mit Herbst 2008, sagt Bankenexperte Thomas Heidorn zu DW-WORLD.DE: "Momentan haben wir Gott sei dank keine Subprime-bubble - also Hypothekenblase - im Markt. Wenn wir eine sinnvolle politische Lösung der Staatsverschuldung bekommen, haben die Banken auch keinen großen Stress."

Die Weltwirtschaft wird in Mitleidenschaft gezogen

Doch genau da wurden in der letzten Zeit Zweifel laut. Zuletzt haben sich die Aussichten für die Weltwirtschaft eingetrübt. Ohne ein ordentliches Wachstum wird es den hochverschuldeten Ländern noch schwerer fallen, die Zinslast zu bewältigen. Zuletzt wurde an den Finanzmärkten sogar die Zahlungsfähigkeit Italiens angezweifelt. Für die drittgrößte Volkswirtschaft in der Eurozone wäre der Euro-Rettungsschirm aber definitiv zu klein. Statt bei einem drohenden Bankrott den Staat zu retten, plädiert Wirtschaftswissenschaftler Fuest dafür, den Finanzsektor zu stabilisieren: "Das ist deshalb wichtig, weil man sich dann auch weniger erpressbar macht." Momentan aber seien die zahlenden Länder in der Eurozone leicht erpressbar. Die italienische Regierung beispielsweise wisse, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit Hilfen erhalte, wenn sie nicht aus eigener Kraft die Finanzen im Lande saniere. "Wenn man sich darauf konzentriert, den Finanzsektor zu stabilisieren, dann sind die Anreize für die Finanzpolitik deutlich größer, die notwendigen Maßnahmen durchzuführen."

Wenn die Staatsschulden durch die Bankenrettung abermals in die Höhe schießen und die Weltwirtschaft in die nächste Rezession hineinschlittert, solle man den Banken nicht allein die Schuld geben, sagt Fuest: "Es sind versäumte Reformen, es sind die Jahre langer Schuldenmacherei, die die Staaten in diese verletzliche Position gebracht haben."

Autorin: Zhang Danhong
Redaktion: Rolf Wenkel

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