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Wirtschaft

Banken hätten Griechen mehr Schulden erlassen

Die deutschen Banken und Versicherungen wären offenbar zu einem weitaus stärkeren Schuldenschnitt für Griechenland bereit gewesen. Die Deutsche Bank hätte auch 50 Prozent zugestimmt, berichtet die "Welt am Sonntag".

Gebäude der Deutschen Bank (Foto: picture-alliance/dpa)

Sind bis zu 50 Prozent Abschlag in Ordnung?

Ein Abschlag von 50 Prozent auf Griechenland-Anleihen, damit wäre die die Deutsche Bank einverstanden gewesen. Es habe dazu einen Konsens im Vorstand gegeben, berichtet die "Welt am Sonntag" (24.07.2011) unter Berufung auf Finanzkreise. Der Versicherungskonzern Allianz und die Commerzbank hatten im Vorfeld des Euro-Sondergipfels am Donnerstag 30 Prozent vorgeschlagen.

Ein Schuldenschnitt von 50 Prozent hätte die Deutsche Bank rund 300 Millionen Euro gekostet. Bei einem Schuldenschnitt von lediglich 21 Prozent, wie ihn die Regierungschefs der Euroländer auf dem Gipfel vereinbart haben, erziele die Bank voraussichtlich sogar einen kleinen Gewinn. Sie habe zuvor die Papiere stark im Wert berichtigt. Ein Sprecher der Bank wollte die Informationen nicht kommentieren.

Das Volumen der Anleihen, mit dem deutsche Banken, Versicherungen und Fonds am Rettungspaket für Griechenland teilnehmen sollen, beläuft sich nach Informationen der Tageszeitung "Die Welt" (Samstagsausgabe) auf 4,5 Milliarden Euro. Dabei handele es sich um jene Anleihen Athens im Besitz deutscher Investoren, die bis 2020 auslaufen werden. Bei einem Abschlag von 21 Prozent würden die privaten Investoren unterm Strich mit rund 945 Millionen Euro zur Griechenland-Hilfe beitragen.

Kritik von der EZB

Lorenzo Bini Smaghi (Foto: AP)

Lorenzo Bini Smaghi, einer der Direktoren der EZB

Unterdessen kritisierte Lorenzo Bini Smaghi, italienisches Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank (EZB), den Gipfel-Beschluss. Die Debatte über eine Umschuldung habe die Währungsunion geschwächt und dramatische Ansteckungsgefahren ausgelöst, sagte er mit Blick auf die erstmalige Beteiligung des privaten Sektors an Griechenland-Hilfen. "Der Versuch, die Banken an den Kosten der Rettungspakete zu beteiligen, wird unausweichlich dazu führen, dass dem europäischen Steuerzahler noch mehr Risiken aufgebürdet werden", sagte er der "Welt am Sonntag". Die Vereinbarung müsse ein Einzelfall bleiben.

Die EZB hatte bislang verlangt, die Feststellung eines - auch teilweisen - Zahlungsausfalls eines Euro-Landes durch die Ratingagenturen auszuschließen. Ein Mitarbeiter der Rating-Agentur Fitch kündigte aber bereits an, Griechenland während des Umtausches seiner Anleihen wohl nur für kurze Zeit auf "beschränkt zahlungsfähig" zu setzen. Durchgesetzt hatte sich die EZB mit den Forderungen, die Beteiligung des Privatsektors nicht obligatorisch zu gestalten.

Bundesbankpräsident Jens Weidmann warnte vor einer Transferunion und schwindender Haushaltsdisziplin in Europa. "Indem umfangreiche zusätzliche Risiken auf die Hilfe leistenden Länder und deren Steuerzahler verlagert werden, hat der Euroraum einen großen Schritt hin zu einer Vergemeinschaftung von Risiken im Falle unsolider Staatsfinanzen und gesamtwirtschaftlicher Fehlentwicklungen gemacht." Künftig werde es noch schwieriger, Anreize für eine solide Finanzpolitik aufrechtzuerhalten, so Weidmann.

Frank-Walter Steinmeier, Fraktionschef der Sozialdemokraten (SPD)im Bundestag, kritisierte das neue Rettungspaket als "unvollständig". "Die Maßnahmen zum Wiederaufbau der griechischen Wirtschaft und zur Initiierung von Investitionen sind bestenfalls vage", sagte er dem "Tagesspiegel am Sonntag". Dennoch kündigte SPD-Chef Sigmar Gabriel laut Medienberichten an, dass seine Partei dem Paket im Bundestag zustimmen werde.

Ökonomen uneins

Peter Bofinger (Foto: AP)

Wirtschaftsweise Peter Bofinger - Berater der Bundesregierung

Mehrere Wirtschaftsexperten zeigten sich am Wochenende unzufrieden über den Kompromiss zur Griechenland-Rettung. Während der Wirtschaftsprofessor Max Otte die Euro-Rettung im Magazin "Focus" nicht ausreichend nannte, bezeichnete der Wirtschaftsberater der EU-Kommission, Stefan Collignon, die Beteiligung des Privatsektors als "Enteignung". Dennoch sei das beschlossene Rettungspaket eine "gute Entscheidung", weil die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB) dadurch gestärkt werde.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger verlangte derweil die Schaffung einer europäischen Bankenaufsicht. Es sei "völlig fahrlässig", dass es für den Euro-Währungsraum unterschiedliche nationale Bankaufsichtsbehörden gebe, sagte er dem Radiosender MDR Info. Nötig seien auch stärkere Kontrollen der Staatshaushalte. Der Stabilitäts- und Wachstumspakt habe sich "in seiner bisherigen Form dafür nicht als geeignet" erwiesen, so Bofinger.

Autor: Andreas Becker (dapd, rtr, dpa)

Redaktion: Nicole Scherschun

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