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Asien

Bangladeschs bitteres Erbe

In Bangladesch bleibt die Aufarbeitung der Geschichte schwierig. Vor 35 Jahren wurde der Staatsgründer ermordet. Bis heute beeinflusst das Verbrechen die Politik. Erst im Januar wurden fünf der Attentäter hingerichtet.

Am 15. August 1975 wurde der Staatsgründer Sheikh Mujibur Rahman ermordet (Foto:ap)

Am 15. August 1975 wurde Bangladeschs Staatsgründer Sheikh Mujibur Rahman ermordet

Heute ist es ein Museum: Das ehemalige Wohnhaus des ersten Präsidenten Bangladeschs liegt im Stadtteil Dhanmondi in Dhaka. Im Inneren können die Besucher Fotos des Präsidenten Sheikh Mujibur Rahman betrachten, auch Bücher, Pfeifen und andere Habseligkeiten. Die Gegenstände erzählen Geschichte, im Treppenhaus erzählt das Gebäude selbst: An der Wand finden sich Blutspritzer, geschützt unter einer Glasscheibe. Am frühen Morgen des 15. August 1975 stürmten Soldaten das Haus und schossen um sich. Sie töteten den Präsidenten und seine Familie. 16 Menschen starben. Zwei Töchter der Familie überlebten, da sie sich zu der Zeit in Deutschland aufhielten.

Eine von beiden ist Sheikh Hasina, die heutige Premierministerin des Landes. Sie machte sich die Verfolgung der Mörder zu ihrer Lebensaufgabe. Im Januar dieses Jahres wurden nach 35 Jahren fünf der 15 Täter erhängt. "Die breite Öffentlichkeit reagierte erleichtert", sagt Reaz Ahmad, Redakteur der englischsprachigen Tageszeitung "The Daily Star" in Dhaka. "Die Menschen hatten das Gefühl endlich den Fluch loszuwerden, dass die Mörder ungestraft davongekommen waren."

"Es war eine beispiellose Tat"

Bangladeschs Ministerpräsidentin Sheikh Hasina Wazed (Foto:dpa)

Bangladeschs starke Frauen: Ministerpräsidentin Sheikh Hasina Wazed...

Der Historiker Syed Anwar Hossain erinnert sich an den August 1975. "Die breite Öffentlichkeit war traumatisiert vom Geschehen. Es ging nicht allein um die Tötung eines einzelnen Mannes, sondern um diese beispiellose Tat: die Tötung einer Familie", so der renommierte Historiker der Universität Dhaka. Bis heute verdamme die breite Öffentlichkeit den Mord Mujibs, wie er genannt wird. Dieser hatte im März 1971 die Unabhängigkeit Bangladeschs ausgerufen und das Amt des ersten Präsidenten eingenommen. Nach der Teilung des indischen Subkontinents gehörte Bangladesch zunächst zu Pakistan. Es folgte ein blutiger Unabhängigkeitskrieg mit schätzungsweise drei Millionen Toten.

Mujib wurde zur gestaltenden Kraft im souveränen Bangladesch. Er genoss große Popularität. Doch es folgten chaotische Jahre: Vetternwirtschaft und ein autoritärer Politikstil sorgten für Unmut. Eine Hungersnot, infolge von Überschwemmungen und schlechter Logistik, forderte im Jahr 1974 rund 100.000 Tote; die innenpolitischen Kämpfe nahmen zu. Im Dezember 1974 rief Mujib den Notstand aus und vereinigte vorübergehend alle Parteien unter Zwang zu einer Einheitspartei.

Die Tochter und die Witwe

Bangladeschs Politikerin Khaleda Zia (Foto:DW)

...und ihre Gegenspielerin Khaleda Zia

Nach dem Putsch 1975 übernahm die Militärregierung unter General Zia-ur Rahman die Macht und ließ die Täter unbehelligt. Erst im Jahr 1996, als die Awami League unter Sheikh Hasina die Parlamentswahlen gewann, wurden erste Verdächtige festgenommen und ein Gerichtsverfahren eröffnet. Der Prozess dreht sich nicht allein um die Gerechtigkeit, sondern auch um den Anspruch auf politische Legitimation und die Deutung der Geschichte.

Das Land ist geprägt von der Rivalität Sheikh Hasinas und Khaleda Zias, der Witwe General Zia-ur Rahmans, der 1981 ebenfalls bei einem Attentat ums Leben kam. Seit 1991 regieren die beiden abwechselnd Bangladesch – mit Ausnahme einer Übergangsregierung von 2007 bis 2008. Beide verdanken ihre Macht ihren politischen Familiendynastien. Und beide beanspruchen für sich, das Erbe des jungen Staates Bangladesch zu verkörpern: Die eine als Tochter des Gründungsvaters Mujib, die andere als Witwe General Zias.

Blinde Flecken in der Geschichte

Bangladeschs ehemaliger Präsident Zia Ur Rahman

Welche Rolle spielte General Zia ur Rahman bei dem Putsch von 1975?

Sheikh Hasina und die Awami League stilisieren Mujib zum perfekten Vater der Nation. General Zia halten sie für mitverantwortlich am Putsch von 1975. "Es gibt einzelne Hinweise, dass General Zia im Hintergrund mitgewirkt hat. Bislang fehlen jedoch schlüssige Beweise. Fakt ist aber, dass General Zia Nutznießer war", sagt Ali Riaz, Bangladeschexperte der Illinois State University. Unter der Regierung von General Zias Witwe Khaleda wurde der Prozess gegen die Attentäter immer wieder verschleppt. Sie und ihre Partei, die "Bangladesh Nationalist Party" (BNP), erkennen in General Zia den Retter Bangladeschs, der das Mehrparteiensystem wieder einführte und Stabilität brachte. Beide politischen Lager pflegen blinde Flecken in der Geschichte – so bleibt Raum für Spekulationen und Vorwürfe.

Offen bleibt auch weiterhin, ob die Hinrichtung der Attentäter im Januar 2010 ein Kapitel der Geschichte wird schließen können. Nach sechs weiteren Verdächtigen wird gefahndet, vier gelten als verstorben. "Der Januar bedeutet eine Wende – ob zum Guten oder Schlechten wird sich zeigen", sagt Reaz Ahmad. "Schaut man sich die aktuelle politische Situation im Land an, dann ist der Prozess, der gesetzestreu geführt wurde, zumindest ein Schritt vorwärts für die Rechtssprechung." Die Regierung habe gezeigt, dass solch ein Verbrechen geahndet wird – auch Jahre danach.

Der Politologe Ali Riaz sieht hingegen ein Problem. "Die nun Hingerichteten haben den Abzug am Gewehr gedrückt, das ist sicher. Ich glaube aber nicht, dass sie den Putsch und das Attentat geplant haben. Diese Frage wurde während des Prozesses nicht gestellt. Doch was ist mit jenen, die im Hintergrund die Strippen gezogen haben?" Dieser Frage muss sich Bangladesch früher oder später stellen. Dann gäbe es in der Geschichte des Landes zumindest einen blinden Fleck weniger.

Autorin: Sonja Ernst
Redaktion: Thomas Latschan