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Europa

Bangen um Tourismus in Griechenland

Griechenland hat für diesen Sommer auf einen Besucherrekord gehofft. Doch die politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen trüben die Prognosen. Der Streit um Milliarden-Kredite trifft auch den Tourismus.

So viele Touristen wie noch nie haben 2014 ihren Urlaub in Griechenland verbracht: Mit 24 Millionen Besuchern konnte sich das Krisenland im vergangenen Jahr über einen Besucherrekord freuen. Damit sorgte allein die Tourismusbranche für 50.000 neue Arbeitsplätze in Hellas und bescherte dem Krisenland ein kleines Wirtschaftswachstum nach sechs aufeinanderfolgenden Rezessionsjahren. Zudem hat das florierende Geschäft dazu beigetragen, dass Griechenland zum ersten Mal seit 1948 einen Überschuss in seiner Leistungsbilanz erzielen konnte. Für 2015 hofften die Griechen auf einen neuen Besucherrekord von 25 Millionen. Gerade deutsche Veranstalter handelten das Mittelmeerland in den vergangenen Monaten als Top-Reiseziel für den Sommer.

Doch der anhaltende Streit um die Milliarden-Kredite für das hochverschuldete Land trübt die Prognosen, mahnt Andreas Andreadis, Chef des Verbands der griechischen Tourismusindustrie (SETE). "In den letzten beiden Monaten verzeichnen wir einen gewissen Buchungsrückgang, auch und gerade in Deutschland", sagt der Tourismusmanager im Gespräch mit der DW. Auf Jahresbasis gerechnet gingen die Buchungen aus Deutschland derzeit um zwei Prozent zurück, beruft sich Andreadis auf jüngste Erhebungen der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Wirtschaftliche Instabilität beeinträchtige das Tourismusgeschäft. Damit könne Griechenland sein Potenzial als Top-Reiseziel in Europa leider nicht voll ausschöpfen. Immerhin stehe das Mittelmeerland bei britischen Touristen dank günstiger Wechselkurse weiterhin ganz oben auf der Beliebtheitsskala, erklärt der SETE-Chef.

Ärger um geplante Mehrwertsteuererhöhung

Andreas Andreadis, Chef des Griechischen Verbands der Tourismusunternehmen (Foto: SETE/Pressebild)

Andreadis: Mehrwertsteuer darf nicht höher liegen als bei den Konkurrenten

Für Verwirrung sorgen Spekulationen über eine baldige Erhöhung der Mehrwertsteuer in der Tourismusbranche. Angeblich hätten die internationalen Kreditgeber dies vehement gefordert, damit neue Finanzlöcher im griechischen Staatshaushalt gestopft würden. Die Aussagen erscheinen allerdings widersprüchlich: Mal denkt die Regierung laut über eine höhere Mehrwertsteuer auf Luxus-Inseln nach, mal wird dies dementiert. Nach Informationen der Athener Zeitung "Ta Nea" würden angeblich auch weniger gut besuchte Inseln wie Leros oder Ikaria aus unerklärlichen Gründen als Luxus-Reiseziele eingestuft, während etwa für das kosmopolitische Korfu keine höhere Mehrwertsteuer vorgesehen sei. Im Gespräch sei zudem eine Steuer auf Luxusherbergen - möglicherweise noch in diesem Sommer.

Natürlich müsse die Tourismusbranche dazu beitragen, dass die Krise so schnell wie möglich überwunden wird, meint Andreadis. Er warnt aber auch: Die Mehrwertsteuer in Griechenland dürfe nicht höher liegen als die entsprechende Steuerbelastung der direkten Konkurrenz im Tourismusgeschäft: "Italien, Spanien und Frankreich haben derzeit eine Mehrwertsteuer von zehn Prozent in der Tourismusbranche, die Türkei und Zypern sogar noch weniger - ganz zu schweigen von den Kanarischen Inseln, wo gar keine Mehrwertsteuer bezahlt wird. Wenn wir also die Mehrwertsteuer auf 13 bis 14 Prozent erhöhen, wären wir praktisch aus dem Geschäft", betont Andreadis. Davon wären nicht in erster Linie Luxushotels oder große Hotelketten betroffen, sondern eher kleinere und mittlere Betriebe, die heute das Rückgrat der heimischen Tourismuswirtschaft bildeten, meint Andreadis, der selbst ein Nobelhotel auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki führt.

Der Verband der Schnellgastronomie fordert gar eine Minderung der Mehrwertsteuer. Über 6.500 Kleinbetriebe seien in Konkurs gegangen, nachdem 2011 die damalige Koalitionsregierung die Steuerlast erhöhte, beklagt Verbandschef Thanassis Papanikolaou in einer Stellungnahme für die Athener Zeitung "Kathimerini". Dadurch hätten 40.000 Menschen ihren Job verloren.

Tourismus in Griechenland (Foto: DW/I. Anastassopoulou)

Streit um Milliarden-Kredite trübt die Prognosen im Tourismus-Sektor

Grexit wäre "schwerer Schlag"

Auch für die griechische Tourismusindustrie lautet allerdings die Frage aller Fragen, ob eine Einigung mit den Gläubigern Athens bevorstehe. Stichtag sei der 5. Juni, erklärt Andreas Andreadis: Dann müsse Griechenland eine weitere Kredittranche in Höhe von rund 300 Millionen Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen. Bis dahin müsse auch eine Vereinbarung mit den Geldgebern unter Dach und Fach sein. "Dass keine Einigung zustande kommt, ist schlicht unmöglich und in niemandes Interesse. Es wäre eine Katastrophe - nicht nur für Griechenland", meint der SETE-Chef.

Besonders empfindlich reagiert Andreadis auf die Frage, ob eine Rückkehr zur Drachme der griechischen Tourismusindustrie einen Preisvorteil bringen würde. "Der Grexit wäre keine Krisenhilfe, sondern - ganz im Gegenteil - ein schwerer Schlag für uns", erklärt der Tourismusmanager. "Urlaub in Griechenland" bedeutet für Andreadis nicht zuletzt, dass sich Einheimische und Besucher treffen und frei austauschen. Daher müsse Griechenland weniger über den Preis und eher über die Qualität mit anderen Reisezielen konkurrieren. Es hätte überhaupt keinen Sinn, "Touristenghettos" für Wohlhabende in einem ansonsten verarmten Land einzurichten, gibt der Hotelmanager zu bedenken.

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