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Amerika

Baltimore-Unruhen: "Es wird noch schlimmer werden"

Die gewalttätigen Ausschreitungen nach dem Tod von Freddie Gray haben Baltimore erschüttert. Es müsse sich etwas ändern, sagen viele Menschen. Doch nur wenige glauben daran. Aus Baltimore berichtet Gero Schließ.

Baltimore zeigt sich nach den jüngsten Unruhen von seiner freundlichsten Seite: Wo kürzlich noch Häuser brannten und Protestierer in den Straßen randalierten, halten nun die Autofahrer an und lassen die Fußgänger großzügig die Straße passieren. Brandspuren, mit Holz vernagelte Fenster, eingetretene Haustüren und kleine Trümmerhaufen am Straßenrand sind nur noch blasse Spuren von dem, was sich hier ereignet hat. Khali Green war Tag und Nacht mit dabei in der Masse der Demonstranten.

Khali Green (Foto: DW)

Khali Green

Wut im Bauch

Der 19-jährige Student hat auch jetzt wieder Wut im Bauch: "Meine Brüder und Schwestern sind der Polizeibrutalität überdrüssig", brüllt er fast ins Mikrofon. "Diese Polizisten töten uns und kommen davon. Wir werden so lange protestieren, bis sie schuldig gesprochen werden", verspricht er trotzig und reckt dabei die Hand zur Faust. Ob er selber gewalttätig geworden ist, sagt er nicht. "Meine Leute sind einfach nur wütend, wir wollen endlich Gerechtigkeit", empört er sich und weicht einer klaren Antwort aus.

Khali Green kauft sich gerade ein Sandwich in einem winzigen Tante-Emma-Laden an der North-West Avenue. Der Laden ist mit Gitterstäben vollständig gesichert. Die beiden Verkäufer lassen jeden Kunden einzeln herein und geben ansonsten die Ware durch ein kleines Glasfenster heraus. Sie wollen nicht reden über die gewalttätigen Proteste und den bisher unaufgeklärten Tod von Freddie Gray.

Polizisten und Journalisten

Nicht weit von ihrem Laden liegt die CVS-Drogerie, die traurige TV-Berühmtheit erlangt hat, nachdem sie von Randalierern gestürmt und ausgeraubt wurde. Türen und Fenster sind mit Holzverschlägen vernagelt. Vor der Drogerie vertreiben sich junge Afro-Amerikaner die Zeit mit ihren Freunden - und mit Journalisten, die in großer Anzahl angerückt sind. Zahlenmäßig werden sie nur noch übertroffen von Polizisten, die den gegenüberliegenden Bürgersteig abriegeln. Warum sie das tun, können die Beamten auch auf Nachfrage nicht beantworten. Sie gehören zur Polizei des County von Baltimore, die ihre Kollegen in der Stadt unterstützen. Gemeinsam mit ihnen haben sie mehr als 200 Protestierende festgenommen, mehr als ein Dutzend Beamte wurden verletzt.

Misstrauen gewachsen

Detective Tremaine Harvey ist seit Samstag im Einsatz, als die Gewalt losging. An diesem Vormittag ist er mit der Sicherung des Bürgersteigs beauftragt. Zwölf Stunden lang ist die Schicht. Man könne das Misstrauen der Schwarzen gegenüber der Polizei deutlich spüren, sagt der Vater von zwei Kindern, der selber Afro-Amerikaner ist. "Ich hoffe, dass es diesmal ruhig bleibt", fügt er hinzu.

Nicht weit von ihm auf der anderen Straßenseite steht Tony Burks, der seit einiger Zeit arbeitslos ist. Alles ist ruhig, bestätigt er, "die Leute gehen arbeiten, sie gehen ihren Beschäftigungen nach". Alles werde fast so wieder wie vorher, glaubt er. Und doch müsse sich etwas ändern. Es müssten endlich genug Gelder in den schwarzen Gemeinden investiert werden, fordert Burks vehement: Bessere Ausbildung, Gemeindezentren, eine kompetentere Polizei. Doch bisher sei nichts passiert. "Richter und Staatsanwälte sollen ihre Hintern in die Community bringen und sehen, wie stark die Menschen unter Armut leiden", schimpft er.

Tony Burks (Foto: DW)

Tony Burks

Armut und Verbrechen

Burks arbeitet mit jungen Leuten, sagt ihnen was los ist in der Gesellschaft. "Viele junge Leute hier leiden unter der Armut", betont er. "Als Konsequenz unterscheiden sie nicht wirklich zwischen gut und böse" Deswegen sage er jedem jungen Schwarzen: "Junger Mann, wenn du ein Verbrechen begehst, dann wirst du bestraft. Die Leute werden dich nicht am amerikanischen Traum teilhaben lassen, du kriegst keinen Job, kannst deine Miete und deine Rechnungen nicht bezahlen."

Burks ist nach eigenen Angaben selber ein verurteilter Straftäter. "Ich leide noch heute darunter, aber ich gebe nicht auf."

Arbeit mit der Community

Melvin und Kimberly Harvey geben Butterbrote und Wasserflaschen aus. Sie arbeiten als Pastoren für die Salvation Army, ihre Gemeinde liegt nur wenige Straßenzüge entfernt. "Gestern war es chaotisch, ganz verrückt, die Straße war mit Leuten gefüllt. Heute ist es ruhiger", so Melvin Harvey. "Wir bewegen uns wieder hin zur Normalität." Die Menschen hier seien wütend gewesen, weil sie fühlten, dass sie nicht gehört werden. Nach den Zusammenstößen seien sie und ihr Mann mit der Community zusammengekommen, erzählt Kimberly. "Hier haben wir mit allen gesprochen: mit den Helfern, den Protestierenden, den Steinewerfern und denen, die dagegen waren."

Kimberly Harvey (Foto: DW)

Kimberly Harvey

Alle blicken auf Freitag

Der kommende Freitag wird ein entscheidender Tag. Dann wird die Polizei von Baltimore bekanntgeben, ob die sechs Polizisten unter Anklage gestellt werden, gegen die im Zusammenhang mit dem Tod von Freddy Gray ermittelt wird. "Es hängt von dem Urteil ab, ob die Menschen hier wieder Vertrauen fassen oder sagen: Siehste, das habe ich doch gewusst!", so Kimberly Harvey. In Baltimore gebe es eine lange Tradition des Misstrauens zwischen Polizei und den Afro-Amerikanern. "Aber jetzt, wo alle hierhin blicken, werden sie sich zweimal überlegen, wie sie sich verhalten."

Im Fernsehen hat Kimberly das inzwischen berühmte Video gesehen, in dem eine Mutter ihren Sohn aus der Gruppe der Demonstranten herausprügelt und nach Hause schickt. "Ich habe einen Sohn im gleichen Alter und ich hätte das genauso gemacht", sagt Kimberly. "Meine Familie hat darüber gelacht, denn ich bin genau derselbe Typ Mutter."

Solidaritätskonzert

Die gewalttätigen Unruhen haben auch das Baltimore Symphony Orchestra auf den Plan gerufen. Gemeinsam mit seiner Chefdirigentin Marin Alsop lädt es zu einem Solidaritätskonzert unter freiem Himmel ein. Während die Hymne "Baltimore, Our Baltimore" die Stadt und ihre Menschen in den höchsten Tönen preist, wird Margaret Byrd im Publikum nachdenklich: "Das ist hart. Wir haben eine Tradition der Gewalt. Dieses Land versucht seine Probleme mit Gewalt zu lösen." Die USA seien stolz auf ihre Filmindustrie. "Die großen Western und alles, aber das ist auch eine Verherrlichung der Gewalt."

Margaret Byrd ist Erzieherin und eben erst nach Baltimore gezogen. "Wir haben die große Chance, es mit jungen Menschen anders zu machen", glaubt sie. "Ich sehe wirklich die Möglichkeit, dass wir ihr Leben ändern können."

Wie viele in Baltimore blickt auch sie gespannt auf den Freitag, wenn die Polizei erste Untersuchungsergebnisse über den Tod von Freddie Gray präsentieren wird. "Ich glaube nicht, dass wir am Freitag eine definitive Auskunft bekommen. Das wird viele bestimmt aufbringen."

Benita Henson ist der gleichen Meinung. Die Taxifahrerin hat ihren Mann im Jahr 2009 auf ähnliche Weise verloren wie die Eltern von Freddie Gray ihren Sohn. Er starb in Polizeihaft. Sie glaube nicht, dass der Gerechtigkeit jetzt Genüge getan werde. "Ich gehe davon aus, dass die Polizisten davonkommen", sagt die Mutter von drei erwachsenen Kindern mit großer Bestimmtheit. "Es wird noch schlimmer werden am Freitag. Denn ich denke, sie werden nicht die richtige Entscheidung treffen."