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Sprachbar

Ballhörner

Werbeslogans arbeiten damit, mit "Verballhornungen". Auch Redensarten bieten sich an. Wörtlich darf man den Begriff nicht nehmen. Namensgeber war ein deutscher Buchdrucker, rechtschaffen, aber nicht ganz so korrekt.

Neulich im Fischrestaurant: Die Laune war nicht besonders gut nach der Mahlzeit, man hatte schon besser gegessen, aber immerhin hatte der Magen etwas zu tun. Es heißt ja, der Hunger treibt’s hinein; in diesem Fall waren es Schollenfilets gewesen, die tief gefroren auf den Grill geknallt worden waren und dann auf dem Teller ihre vorletzte Ruhestätte gefunden hatten.

Ausgelassene Slogans

Was nach den Schollenfilets versöhnlich stimmte, war die Rechnung. Keineswegs wegen des Preises, sondern auf Grund des Aufdrucks ganz unten auf dem Zettel. Da stand zu lesen: "WE FISH YOU A MERRY CHRISTMAS!". Ob man das nun witzig oder nur doof findet, bleibt jedem selbst überlassen. Raffiniert ist es alle Mal. Auch über die Tragetaschen, die in dieser Fischrestaurantkette gereicht wurden, hatte sich ein Werbetexter so seine Gedanken gemacht: "Fisch verliebt" prangte es auf diesen in großen Lettern.

Da wurde einfach ein Buchstabe weggelassen und schon war ein Slogan geboren, der – ob man will oder nicht – im Gedächtnis bleibt und somit seinen Zweck erfüllt. Außerdem: Er wird verstanden. Nicht zuletzt deshalb, weil er gewissermaßen automatisch von uns korrigiert wird. Es heißt natürlich richtig: "Frisch verliebt" und "WE WISH YOU A MERRY CHRISTMAS!".

Herr Ballhorn war's

Man nennt solche willkürlichen Veränderungen in sprachlichen Ausdrücken "Verballhornungen". Nun verbirgt sich hinter diesem holprig klingenden Wort kein Begriff aus der Sprachwissenschaft. Die "Verballhornung" stammt von einem Eigennamen und zwar von einem Herrn namens Johann Ballhorn. Herr Ballhorn lebte im 16. Jahrhundert, war Buchdrucker und überhaupt ein rechtschaffener Mann.

Die Anekdote will, dass er eine Ausgabe des Lübecker Stadtrechts verlegte, deren ältere Fassung er fehlerhaft korrigiert hatte, so dass die neue Fassung nicht nur die alten Fehler, sondern zusätzlich neue enthielt. Wir würden heute sagen, Herr Ballhorn hat "verschlimmbessert". Zur Ehrenrettung des braven Buchdruckers muss erwähnt werden, dass die Wissenschaft davon ausgeht, zwei Juristen des Lübecker Stadtrats hätten zumindest einen Großteil der "Verschlimmbesserungen" im Wortlaut des Stadtrechts zu verantworten.

Arme Redensarten!

Wie auch immer; Ballhorn hatte den Schwarzen Peter und wir wissen ja. "Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung". Oder wie es richtig heißt: "Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen."

Redensarten bieten sich geradezu an für Verballhornungen. Oft genügen geringfügige Veränderungen: "Was lange gärt, wird endlich Wut" oder "Fliegen haben kurze Beine", und schon ist der zugrunde liegende Ausdruck völlig sinnentstellt. Aber die Verballhornung ist nicht nur gewolltes oder ungewolltes Sprachspiel.

Sturmwind in der Hechtsuppe

Wenn beispielsweise ein Wort aus einer Sprache in eine andere übergeht, zum Beispiel durch lautliche Angleichung oder Verschiebung, können ebenfalls Verballhornungen das Ergebnis sein. "Es zieht wie Hechtsuppe", sagen wir ganz selbstverständlich, wenn der Wind durch Tür- und Fensterritzen pfeift und natürlich hat dies nicht das Geringste mit Hechtsuppe zu tun; aber mit dem jiddischen Wort "hech supha", das "Sturmwind" bedeutet.

Wer kommt so ohne weiteres drauf, dass "Hokuspokus" auf das Lateinische "hoc est enim corpus meum – denn dies ist mein Leib" zurückzuführen ist. Natürlich nicht, was die Bedeutung angeht, sondern die Lautung, die oft nicht genau verstanden und so im Laufe der Zeit verschliffen wiedergegeben wurde.

F(r)isch verliebt

Die Hechtsuppe bringt uns wieder ins Fischrestaurant zurück, wo sich gerade zwei "fisch Verliebte" einen Meeresimbiss geholt haben und zielstrebig das Lokal verlassen. "Wo ein Wille ist, ist auch ein Gebüsch" fällt uns da ein, aber das wissen die beiden selber.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Beatrice Warken

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