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Fußball

Ballacks Abschied wird zur Farce

Nachdem Bundestrainer Joachim Löw seinen langjährigen Kapitän Michael Ballack nicht für die EURO 2012 berücksichtigt hat, verzichtet dieser auf ein Abschiedsspiel und attackiert Löw scharf. Der DFB kontert.

Montage mit Löw (l.) und Ballack (Foto: dpa)

Im Clinch: Löw und Ballack

Löw bei einer Pressekonferenz des DFB. Foto: dapd

Löw ließ sich viel Zeit

"Die vergangenen Monate haben gezeigt, dass viele junge Spieler in den Blickpunkt gerückt sind und gute Perspektiven besitzen", begründete Joachim Löw per Pressemitteilung seine Entscheidung gegen Michael Ballack. Vor dem Start der Europameisterschafts-Saison sei "der Zeitpunkt gekommen, hier klar Position zu beziehen". Damit bestätigte Löw das, was seit einiger Zeit die Spatzen von den Dächern pfiffen: Er setzt auf die Jugend und plant für die Euro 2012 in Polen und der Ukraine definitiv ohne den erfahrenen "Capitano" Ballack. Monatelang war bereits darüber spekuliert worden. Der Bundestrainer nahm sich mit seiner Entscheidung jedoch sehr viel Zeit.

"Wichtiger Führungsspieler"

Löw würdigte Ballacks Verdienste um den deutschen Fußball, vor allem bei den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 sowie bei der Europameisterschaft 2008. Ein Jahrzehnt lang, so der Bundestrainer, sei Michael Ballack ein sehr wichtiger Führungsspieler der Nationalmannschaft gewesen: "Seine spielerische und kämpferische Klasse sprechen ebenso für ihn wie seine Torgefährlichkeit und seine Nervenstärke gerade in wichtigen Spielen." Es sei selbstverständlich, dass Ballack "in attraktivem Rahmen verabschiedet werden soll". Löw hat Ballack angeboten, seinen Abschied am 10. August beim Freundschaftsspiel in Stuttgart gegen Rekordweltmeister Brasilien zu geben.

Ballack auf Krücken im WM-Trainingslager 2010 auf Sizilien. Foto: dpa

Verletzt verpasste Ballack die WM 2010 - nicht er, die "jungen Wilden" sorgten in Südafrika für Furore

Ohne internationalen Titel

Der 34 Jahre alte Mittelfeldspieler des Bundesligisten Bayer Leverkusen hat 98 Länderspiele auf dem Konto, in denen er 42 Tore erzielte. Der Traum vom 100. Länderspiel bleibt für Ballack nun ebenso unerfüllt wie jener von einem internationalen Titel. 2002 wurde er Vize-Veltmeister, 2006 WM-Dritter und 2008 Vize-Europameister. Auch mit seinen Vereinsmannschaften sammelte Ballack in seiner Karriere nur nationale Titel. Mit Bayer Leverkusen (2002) und dem FC Chelsea (2008) stand der Mittelfeldstar in Endspielen der Champions League, verließ den Platz aber zweimal als Verlierer. In der nächsten Saison spielt Ballack mit Vizemeister Leverkusen wieder in der europäischen Königsklasse.

Voll und ganz für den Club

Völler und Ballack halten Ballacks Leverkusener Trikot mit der Nummer 13. Foto: AP

Völler hofft auf Topleistungen Ballacks im Verein

Von seinem Verein erhielt der Routinier nach Löws öffentlicher Erklärung moralische Rückendeckung. "Wir bedauern diese Entscheidung, weil wir der Meinung sind, dass Michael Ballack nach wie vor ein wichtiger Bestandteil der Nationalmannschaft sein könnte", sagte Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser. "Aber es ist die Entscheidung des Bundestrainers. Auch wenn man über den späten Zeitpunkt diskutieren kann, respektieren wir sie." Sportdirektor Rudi Völler sieht auch etwas Positives im Ende von Ballacks Länderspiel-Karriere: "Nachdem diese Frage endgültig geklärt ist, kann sich Michael nun voll und ganz auf Bayer Leverkusen konzentrieren."

Ballack attackiert Löw heftig

Die Bildkombo zeigt Joachim Löw (l) und Michael Ballack (r). (Fotos: Daniel Karmann (l), Achim Scheidemann / dpa)

Löw und Ballack: Das Tischtuch ist zerrissen

Einen Tag nach dem durch Joachim Löw verkündeten Aus im DFB-Team trat Michael Ballack nach. Mit einer massiven Attacke auf den Bundestrainer und einem klaren Nein zu einem Abschiedsspiel reagierte der 34-Jährige auf seine Nichtberücksichtigung für die EURO 2012. Damit ist das Tischtuch zwischen dem "Capitano" und seinem Coach endgültig zerschnitten. "Wenn jetzt so getan wird, als sei man mit mir und meiner Rolle als Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft jederzeit offen und ehrlich umgegangen, ist das an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten", ließ Ballack im Auftrag seines in New York weilenden Beraters Michael Becker über eine Hamburger Anwaltskanzlei verbreiten.

Er scheint tief verletzt. Der langjährige Führungsspieler, der nach einem Familienurlaub beim Trainingsauftakt seines Vereins Bayer Leverkusen erwartet wird, sieht keine Veranlassung mehr dafür, eine Offerte des DFB und dessen Präsidenten Theo Zwanziger anzunehmen. Ballack bezeichnete es als "Farce", dass "ein längst vereinbartes Freundschaftsspiel jetzt als Abschied" deklariert werde. Seine Konsequenz ist eindeutig: Deutschland muss am 10. August in Stuttgart gegen Rekordweltmeister Brasilien auf ihn verzichten: "Ich weiß, dass ich meinen Fans dieses Spiel eigentlich schuldig bin, aber ich kann dieses "Angebot" nicht annehmen."

DFB hat kein Verständnis für Ballack-Kritik

Während Löw auf eine weitere Reaktion verzichtete und bei seinen Kernaussagen blieb, reagierte der DFB indessen irritiert auf Ballacks Kritik. Er habe dafür überhaupt kein Verständnis, sagte Generalsekretär Wolfgang Niersbach. "Schon gar nicht für Begriffe wie 'Scheinheiligkeit' und 'Farce', die er in diesem Zusammenhang gewählt hat." Aus seiner Sicht seien alle Gespräche absolut korrekt und fair verlaufen. "Es ist schade, dass er jetzt so reagiert. Wir haben in den vergangenen Wochen wirklich gute und offene Gespräche geführt", sagte Niersbach. Demnach sei der DFB davon ausgegangen, dass Ballack durchaus noch einmal als Kapitän der Nationalmannschaft auflaufen wolle. Man habe Ballack sogar angeboten, sowohl gegen Uruguay Ende Mai als auch gegen Brasilien zu spielen, um somit auf 100 Länderspiele zu kommen. Das habe Ballack abgelehnt, denn diese Zahl sei Ballack nicht so wichtig gewesen, berichtete Niersbach.

Kein Ende der Diskussion

Auch am Sonntag (19.6.2011) gingen die Auseinandersetzungen zwischen Ballack und dem DFB weiter. In einer "persönlichen" schriftlichen Erklärung stellte Ballack die Erläuterungen des DFB als falsch dar. Er warf darin Löw unter anderem Hinhaltetaktik vor und teilte mit, es habe nie eine Frist für die Rücktrittserklärung gegeben. Löw habe ihn im Gegenteil geradezu dazu aufgefordert, weiter zu machen. Nach dem Auftakt-Training in Leverkusen gab er vor den wartenden Journalisten allerdings erneut keine Erklärung ab. Joachim Löw teilte daraufhin nur mit, er bliebe bei seiner Erklärung.

Autoren: Stefan Nestler / Calle Kops / Olivia Fritz (mit sid und dpa)
Redaktion: Wolfgang van Kann

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