1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

"Bali ist nicht das Maß aller Dinge"

Die Erwartungen vor der UN-Klimakonferenz in Bali sind hoch. Energie-Experte Hermann Scheer, Träger des alternativen Nobelpreises, warnt vor zu großen Hoffnungen. Er schlägt andere Wege für den Klimaschutz vor.

Von oben sehen die gar nicht so gefährlich aus: Industrieabgase über dem Atlantik

Von oben sehen die gar nicht so gefährlich aus: Industrieabgase über dem Atlantik

DW-WORLD.DE: Was erwarten Sie von den Verhandlungen auf Bali?

Hermann Scheer

Hermann Scheer

Hermann Scheer: Dass wieder ein Beschluss zu einer Folgekonferenz herauskommt. Es gibt viele Absichtserklärungen und Appelle, aber wenig Konkretes. Es werden insgesamt zu viele Erwartungen in diese Konferenzen projiziert, umso größer sind anschließend die Enttäuschungen. Für viele Regierungen sind diese Treffen eine Art Handlungsersatz nach dem ungeschriebenen Motto: Global reden, national aufschieben. Es wird alles auf die Verhandlungen geschoben, obwohl man weiß, dass dort ein Beschluss, der einen Durchbruch bedeuten würde, nicht zustande kommt. Die Frage muss gestellt werden: Ist das die richtige Ebene für die Lösung des Problems?

Warum so skeptisch? Der Druck zur Einigung ist groß, und die Vorzeichen waren schon schlechter.

Diese Konferenzen sind auf eine Konsensbildung angewiesen. Das Konsensprinzip steht aber im Widerspruch zur Notwendigkeit, etwas zu beschleunigen. Und wir müssen den Kampf gegen den Klimawandel dringend beschleunigen. Es ist also Zeit darüber nachzudenken, dass man diese Konferenzen nicht zum Maß aller Dinge machen darf, von denen alle weiteren Entscheidungen abhängig gemacht werden.

Welchen Stellenwert haben die UN-Klimakonferenzen denn überhaupt?

Diese Konferenzen haben den Sinn, weshalb sie auch durchgeführt werden sollten, das Problembewusstsein aufrecht zu erhalten und weltweit in der Öffentlichkeit der Staaten Handlungsdruck zu erzeugen. Ihr Stellenwert ist, das Thema auf der politischen Agenda hochzuhalten. Man darf hier aber nicht die nötigen praktischen Lösungen erwarten. Gehandelt werden muss später - und zwar in den Ländern selbst.

Wo gibt es kein Problembewusstsein? Was muss in Bali auf den Tisch?

Eine Initiative für den verstärkten Ausbau der Atomkraft wird in Bali wohl auf den Tisch kommen. Man darf aber nicht in die Falle laufen, dass die Atomenergie eine Lösung des Klimaproblems sei. Denken wir nur an die Folgeprobleme der Atomenergie, die damit verbundenen Kosten und die Risiken. Man müsste auch kritisch diskutieren, dass die angeblichen C02-freien Kraftwerke eine Sackgasse sind. Dass man diesen Ansatz so in den Vordergrund rückt, hängt damit zusammen, dass es eine Überlebensgarantie für die Betreiber der Großkraftwerke geben soll.

Weshalb ist die CO2-Abscheidung eine Sackgasse?

Das Konzept kann nicht aufgehen, C02 abzuscheiden und einzulagern. Es darf der Erde ja nie wieder entweichen. Das ist letztlich ein Problem vergleichbar mit dem des Atommülls. Und es wird unglaublich teuer werden. Das wird alles beiseite gewischt. Viel besser wäre es, von den Großkraftwerksstrukturen wegzukommen, um sie durch dezentrale Formen der Energieversorgung zu ersetzen. Und wir müssen auch international endlich zu der Überzeugung kommen, dass der Kampf gegen den Klimawandel kein wirtschaftlicher Schaden ist. Im Gegenteil: Er bedeutet einen großen wirtschaftlichen Nutzen und eine Investition in die Zukunft, die Energieeffizienz zu steigern und zu den erneuerbaren Energien zu wechseln.

Was müssen die zentralen Inhalte des Post-Kyoto-Abkommens sein?

Man müsste die billigste Maßnahme zur Klimaentlastung in den Vordergrund stellen: ein weltweites Aufforstungsprogramm, um das Übermaß an CO2 in der Atmosphäre zu erheblichen Teilen wieder zu binden. Bahnbrechend wäre es, einen Technologietransfer in die Schwellen- und Entwicklungsländer zu organisieren. Ein Ansatz, für den es in Bali aber zu viele Widerstände gibt, ist die Einrichtung einer internationalen Agentur für erneuerbare Energien. Diesen Ansatz verfolge ich seit 17 Jahren, er ist mittlerweile zum deutschen Regierungsbeschluss geworden. Im UN-Konsensprozess ist die Gründung wahrscheinlich nicht möglich. Man müsste die Agentur als Regierungsorganisation von Staaten gründen, die dazu bereit sind.

Gibt es andere Wege, die Schwellen- und Entwicklungsländer einzubinden?

Wir müssten darüber diskutieren, wie wir vorhandene Institutionen mit mehr Kapazität und Finanzkraft ausstatten, um Ländern zu assistieren. Das wäre ein Thema solcher Konferenzen, das im Mittelpunkt stehen sollte. Das geht an die Adresse der UNESCO, wenn es um die Ausbildung von Fachkräften geht. Das gilt für die UNIDO, die UN-Sonderorganisation für industrielle Entwicklung, die helfen müsste, in den Schwellenländern Industrien für die Entwicklung erneuerbarer Energien aufzubauen. Und das gilt für die Welternährungsorganisation FAO, die Staaten hilft, Bioenergie-Strukturen aufzubauen, um von Energieimporten wegzukommen.

Die Redaktion empfiehlt