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Fokus Osteuropa

Baku – Ceyhan: Kaspisches Öl für den Westen

Am Mittwoch (25.5.) wurde die Öl-Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan in Betrieb genommen. Sie gilt als eine der wichtigsten der Welt. Wer sind Gewinner und Verlierer des geostrategisch bedeutsamen Großprojekts?

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Großes Medieninteresse bereits bei Baubeginn in Aserbaidschan (2002)

Mike Bilbo, Sprecher von British Petroleum in der Türkei, sitzt auf einer Terrasse am Bosporus, der Meerenge mitten in Istanbul. Alle paar Minuten fährt ein Öltanker hinter ihm vorbei: leer in Richtung Schwarzes Meer, voll beladen zurück ins Mittelmeer. Der Bosporus ist das Nadelöhr für den Export von Öl aus dem Ural und aus der Kaspischen Region, und er ist längst überlastet. Nicht zuletzt deshalb wurde die Pipeline von Baku durch Georgien und die Türkei ans Mittelmeer gebaut, erläutert Unternehmenssprecher Bilbo: "Jeder gewinnt irgendwie. Die Anrainerstaaten haben sich auf eine Route geeinigt und Verträge miteinander abgeschlossen. Sie alle sind an den Erlösen aus der Pipeline beteiligt. Aserbaidschan profitiert außerdem davon, dass dort das Rohöl gewonnen wird. Auch der Verbraucher wird profitieren, weil neues Rohöl aus dem Kaspischen Meer auf den europäischen Markt kommt - und das zu einer Zeit, in der die Reserven unter der Nordsee bald aufgebraucht sein werden."

Amerikanische Unterstützung

Das Pipeline-Projekt wurde massiv von der US-Regierung unterstützt. Der damalige Präsident Bill Clinton reiste 1999 persönlich zur Vertragsunterzeichnung an. Die USA erhoffen sich mehr Unabhängigkeit vom arabischen und vom russischen Öl. Und sie wollen die jungen Südkaukasus-Republiken gegenüber Russland stärken. Seit dem Machtwechsel in Georgien haben die USA in dem jungen georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili einen verlässlichen politischen Partner, der sich immer weiter von Russland entfernt. Saakaschwili kommen die Einnahmen aus dem Transitgeschäft sehr gelegen, denn er hat seinen Wählern einen schnellen wirtschaftlichen Aufschwung versprochen. Saakaschwili meint: "Georgien entwickelt sich jetzt viel schneller als früher. Unser Haushalt ist dieses Jahr dreieinhalb mal so hoch wie unter (Ex-Präsident Eduard) Schewardnadse, und er vergrößert sich ständig. Wir werden in diesem Jahr viel mehr Investitionen in Georgien haben als bisher. Zum Beispiel unterzeichnen wir gerade einen Vertrag über eine halbe Milliarde Dollar für eine Ölraffinerie in Adscharien am Schwarzen Meer."

Regionale Konflikte

Georgiens Nachbarland Armenien hingegen wurde von der Pipeline ausgeschlossen, obwohl die Route durch Armenien die kürzeste gewesen wäre. Eine Konsequenz daraus ist, dass Armenien sich strategisch noch mehr an Russland orientiert. Dass die Route der Pipeline um Armenien herum führt, liegt vor allem an dem Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach. Die Staaten befinden sich quasi im Kriegszustand, auch wenn an der Grenze nicht scharf geschossen wird; Kooperationen gibt es nicht. In Aserbaidschan geht der Gewinn aus dem Ölgeschäft in einen staatlichen Ölfonds. Kritiker befürchten jedoch, dass das Regime in Aserbaidschan das Geld nutzen wird, um die von Armeniern besetzten Gebiete um Berg-Karabach zurück zu erobern. Und tatsächlich: Der Direktor des Ölfonds, Samir Sharifov, ein guter Bekannter des aserbaidschanischen Präsidenten, schließt das nicht aus: "Ich kann nicht bestätigen, dass Geld des Ölfonds benutzt wird, um Waffen zu kaufen und uns auf einen Krieg vorzubereiten. Aber andererseits können wir nicht ausschließen, dass wir dafür Geld brauchen könnten. Das ist die offizielle Position der aserbaidschanischen Regierung. Und ich denke, die Geduld der Menschen in Aserbaidschan ist nicht unbegrenzt."

Russische Einsicht

Mit der Eröffnung der Pipeline Baku-Ceyhan verliert vor allem Russland - wirtschaftlich und strategisch. Denn bisher wurde kaspisches Öl vorwiegend durch russische Pipelines exportiert. Weil der Export durch die Türkei läuft, entgehen Russland Transitgebühren in Millionenhöhe. Die Atmosphäre habe sich inzwischen jedoch merklich entspannt, meint Unternehmenssprecher Bilbo: "Transneft, die staatliche russische Pipelinegesellschaft, hat die Pipeline von Baku nach Ceyhan angeschaut - besonders die Technik, denn sie geht weit über die russischen Standards hinaus. Die haben von uns gelernt - und jetzt wollen sie weitere Transitpipelines bauen, entweder durch die Türkei oder durch Bulgarien und Griechenland. Russland will sein Rohöl sicher und umweltverträglich exportieren. Und die Russen haben begriffen, dass dies besser ist, als noch mehr Tanker durch den Bosporus zu schicken."

Auch BP denkt bereits über eine Erweiterung der Baku-Ceyhan-Pipeline nach. Im Schwarzen Meer finden zur Zeit Probebohrungen statt. Wird dort Öl gefunden, ist ein weiteres Ölrohr durch die Türkei nötig. Auch soll die Pipeline nach Osten erweitert werden. Dann könnte nicht nur kaspisches Öl, sondern auch solches aus Kasachstan nach Westen fließen.

Thomas Franke
DW-RADIO, 24.5.2005, Fokus Ost-Südost

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