Bajc: ″Wir suchen weiter nach der Wahrheit″ | Asien | DW | 05.03.2015
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Bajc: "Wir suchen weiter nach der Wahrheit"

Auch ein Jahr nach seinem Verschwinden bleibt das Schicksal von Flug MH 370 ein Rätsel. Sarah Bajc, deren Partner an Bord war, schildert im DW-Interview, wie die Angehörigen mit der Ungewissheit umgehen.

Ein schmerzvolles Jahr liegt hinter den Familien und Freunden der Opfer von Flug MH 370. Trotz der teuersten Such- und Rettungsaktion aller Zeiten konnte das internationale Ermittler-Team bis jetzt keine Spur des abgestürzten Flugzeuges entdecken.

Einige Angehörige wollen die Erklärung der malaysischen Behörden nicht wahrhaben, dass die Passagiermaschine durch einen Unfall zerstört wurde und alle Menschen an Bord dabei umgekommen sind. Sie sind darüber verärgert, wie die Fluglinie und die Behörden sich nach dem Verschwinden des Flugzeugs verhalten haben, als sie argumentiert hatten, es gebe es keine Beweise für einen Unfall. Jetzt befürchten sie, dass die Suche nach dem flugzeug abgebrochen wird.

Über das Schicksal der Passagiermaschine, die auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Peking war, wird spekuliert, seit das Flugzeug in den frühen Morgenstunden des 8. März mit 239 Menschen an Bord verschwand. Ermittler gehen davon aus, dass in einem Gebiet westlich von Perth in Australien – in einem langen, schmalen Korridor im südlichen Indischen Ozean – der wahrscheinlichste Ort liegt, an dem das abgestürzte Flugzeug zu finden ist.

Ein Jahr nach dem mysteriösen Verschwinden des Passagierjets, schildert Sarah Bajc, deren Partner Philip Wood an Bord von Flug MH 370 war, in einem DW-Interview, wie das Ereignis ihr Leben verändert hat, warum die Angehörigen der Opfer den Behauptungen der Behörden misstrauen, und wie der Vorfall zu positiven Entwicklungen in der Luftfahrtindustrie geführt hat.

Flug MH370 Philip Wood und Sarah Bajc (Foto: privat)

Philip Wood und Sarah Bajc

DW: Ein Jahr danach – wie hat das Schicksal von Flug MH 370 ihr Leben verändert?

Sarah Bajc: Das Verschwinden von Philip hat mein gesamtes Leben verändert. Mein tägliches Leben und meine Zukunft haben sich dramatisch verändert. Auf der persönlichen Ebene haben wir, außer der Zeit, die wir am Arbeitsplatz verbracht haben, alles zusammen gemacht: am Morgen haben wir auf dem Balkon Kaffee getrunken, wir haben Yoga gemacht , Abendessen gekocht, die Stadt erkundet, unsere Gedanken und Gefühle geteilt

Wir sind ausgiebig gereist, haben dabei viel Zeit mit den Kindern, der Familie und den Freunden des anderen verbracht. Jetzt bin ich allein. Ich bin außerdem ständig völlig durcheinander und abgelenkt, bei meiner Suche nach der Wahrheit. Ich habe Stunden mit Recherchen verbracht, mit Experten diskutiert, mich mit anderen Familienmitgliedern ausgetauscht und den Medien Interviews gegeben. Es ist so, als hätte ich zwei Vollzeit-Jobs: an der High School unterrichten und Philip zu finden.

Wie haben die Freunde und Familien der übrigen Opfer auf das Verschwinden des Flugzeugs reagiert?

Die meisten Angehörigen hatten die Möglichkeit, die anderen zu treffen, entweder persönlich oder über Soziale Medien. Im Allgemeinen ist es eine tolle Gruppe, in der man sich gegenseitig stützt. Allerdings sind unsere Bemühungen untereinander Informationen auszutauschen und sich zu helfen, erheblich gestört worden durch Interventionen der chinesischen und malaysischen Behörden. Beide Regierungen haben Angehörige aktiv daran gehindert, sich formell - etwa in einem Verein - zusammenzuschließen. Trotzdem sind einige von uns mittlerweile eng befreundet und wir werden weiter aktiv bei der Suche nach der Wahrheit zusammen arbeiten.

Inwiefern haben die Behörden die Angehörigen daran gehindert sich organisatorisch zusammenzuschließen?

Protest von Angehörigen der Passagiere Flug MH370 in Peking 29.01.2015

Von den Behörden massiv eingeschüchtert? Protest chinesischer Angehöriger in Peking

Die chinesische Regierung hat Familientreffen regelrecht gesprengt, indem sie behauptet hat, die Treffen seien illegal. Einigen Angehörigen wurde mit Strafverfolgung gedroht oder sie wurden eingeschüchtert. Die Malaysier sind subtiler. Sie haben versucht öffentliche Diskussionen zu verhindern, indem sie eine betreute Gruppe für die nächsten Verwandten in Aussicht gestellt haben, dann aber nichts getan haben, so dass die Menschen noch immer warten und auf Hilfe hoffen.

In der ersten Phase der Krise haben wir um Unterstützung gebeten, um die Angehörigen von Passagieren ausfindig zu machen, die sich noch nicht über andere Verwandte oder auf anderem Wege kennengelernt hatten. Wir wollten alle an unseren Diskussionen beteiligen. Aber die Behörden weigerten sich, zentrale Kontaktlinks zu veröffentlichen oder unseren Zusammenschluss "Voice370" anzuerkennen.

Wie bewerten Sie das Verhalten der Behörden beim Krisenmanagement?

Es gibt nur eine Erklärung für zwei unangenehme Möglichkeiten: Entweder handelt die malaysische Regierung grob fahrlässig, was auf Inkompetenz und Korruption zurückzuführen wäre, und haben deshalb sogar mit den einfachsten Aspekten dieser Situation nicht umgehen können von Anfang bis heute. Oder sie vertuschen absichtlich das, was wirklich passiert ist. Entweder, weil sie selbst dafür verantwortlich sind oder auf Druck einer anderen Macht.

Hat sich irgendein Mitglied der malaysischen Regierung jemals mit den Angehörigen der Opfer getroffen?

Malaysia Airlines MH370 PK in Canberra 26.06.2014

Welche Rolle spielt die australische Regierung? Vize-Premier Warren Truss mit der Karte des Suchgebiets

Es gab einige sehr oberflächliche Treffen. Meistens gab ein Regierungsvertreter vor Angehörigen eine Erklärung ab. Eine ehrliche, wechselseitige Diskussion gibt es nicht. Die meisten Emails, Briefe und Bitten um Information wurden einfach ignoriert. Ich bin nie von einem Regierungsmitarbeiter wegen Philip oder Flug MH 370 kontaktiert worden.

Sie haben eine private Ermittlung in Auftrag gegeben, um das Verschwinden der Maschine zu klären. Gibt es bereits Ergebnisse?

Das einzige, was wir bis jetzt eindeutig in Erfahrung gebracht haben, ist, dass man aktiv Zeugen zum Schweigen gebracht, Beweise zerstört hat oder sie verschwinden ließ. Dutzende von Menschen, die in die Sache verwickelt sind, wurden bedroht, um nichts zu sagen.

Wichtige Hinweise, die normalerweise bei einer Ermittlung über das Verschwinden eines Flugzeugs veröffentlicht werden sollten, werden zurückgehalten: die komplette Frachtliste, die gesamten Aufzeichnungen und Mitschnitte der Flugüberwachung, die Daten der militärischen Radaranlagen und der Einsatzentrale der Fluglinie. Falls es wirklich ein Unfall war, müssten all diese Daten freigegeben werden, um diese Diagnose zu bestätigen. Stattdessen werden sie geheim gehalten. Warum?

Wie schätzen Sie die Rolle Australiens ein und wie zuversichtlich sind Sie, dass die Maschine gefunden wird?

Ich glaube nicht an die offizielle Version der Ereignisse, dass Flug MH 370 im südlichen Indischen Ozean zu finden ist. Damit sind in meinen Augen auch die Anstrengungen Australiens eine totale Verschwendung von Resourcen und verdienen keine öffentliche Aufmerksamkeit. Die australische Regierung ist entweder dumm, dort unter Wasser zu suchen, ohne stichhaltige Beweise, dass das Flugzeug auch dort abgestürzt ist – oder sie macht bei der Vertuschung mit.

Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) der Vereinten Nationen setzt sich seit dem Verschwinden von Flug MH 370 für einen neuen Standard ein, der vorsieht, dass Verkehrsflugzeuge künftig alle fünfzehn Minuten ihre Position durchgeben müssen. Wie denken Sie über dieses Vorhaben?

Es ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung, obwohl ich denke, dass ein Abstand von fünf Minuten viel sinnvoller und technisch wohl auch kein großer Aufwand wäre. Man hätte so etwas schon vor vielen Jahren einführen sollen.

Weitere dringend benötigte Änderungen sind eine größere Anzahl von sicheren Transpondern, die nicht abgeschaltet werden können und viel stärkere Signalgeber wie die Black Box an verschiedenen Stellen des Flugzeugs mit deutlich länger haltenden Batterien.

Sarah Bajcs Lebenspartner Philip Wood ist einer von 239 Passagieren der verschwundenen Malaysia Airlines Maschine mit der Flugnummer MH 370. Weil sie sich durch die Ermittlungsbehörden getäuscht fühlte, sammelt sie zusammen mit anderen Betroffenen Geld, um einen Mitwisser dazu zu bringen, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die Redaktion empfiehlt