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Welt

Bahrains Ringen um Richtung

Politische und religiöse Unterschiede spalten Bahrains Sunniten und Schiiten. Eine Aktivistin will ihr Heimatland wieder einen.

Jihan Kazerooni sitzt auf einem gemütlichen Stuhl in ihrem großen Wohnzimmer und erklärt, wie es kam, dass sie Teil des Arabischen Frühlings wurde. "Als die Revolution anfing, habe ich nicht teilgenommen." Sie habe die Regierung unterstützt, "weil ich nicht wusste, dass es arme Menschen in Bahrain gibt", sagt sie, in ihrem Haus in einer der teuersten Wohngegenden in Manama, der Hauptstadt von Bahrain.

Damals war Kazeroon Investmentbankerin und lebte in Luxus. Die schiitische Mulsima entstammt einer reichen Familie, die zur Elite des Landes gehört. Viele Schiiten unterstützen die Opposition, die sich gegen das Königshaus auflehnt. Anfang Januar erst hat der Oberste Gerichtshof lange Haftstrafen gegen 13 schiitische Oppositionelle bestätigt, die 2011 an den Protesten gegen das sunnitische Königshaus teilnahmen.

Jihan Kazerooni Menschenrechtsaktivistin in Manama, Bahrain. (Foto: DW/Reese Erlich)

Jihan Kazerooni: Glaubte den Lügen der Regierung

Kazerooni sagt, dass ihre Herkunft zu Beginn eine viel größere Rolle gespielt habe als ihre religiöse Zugehörigkeit. "Ich habe Bahrain TV geglaubt, dass die Demonstranten Waffen besitzen. Habe geglaubt, dass sie Blutkonserven aus dem Krankenhaus stehlen, um es sich zu Propagandazwecken zu übergießen." Aber dann habe sie eines Tages beschlossen, mit eigenen Augen sehen zu wollen, was eigentlich geschieht.

Sie besuchte den Pearl Square, ein großer Platz in Manama, der schnell zum Zentrum der Proteste wurde. Zehntausende demonstrierten hier - sowohl Schiiten als auch Sunniten. "Ich sah dort etwas, dass ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen werde", sagt sie. Drei Tage lang habe sie nicht schlafen können. "Ich habe gesehen, wie die Polizei unbewaffnete Demonstranten attackierte." Aus Kazerooni, der Investmentbankerin, wurde eine Menschenrechtsaktivistin. Sie wurde Forscherin am "Bahrain Center on Human Rights", dem wichtigsten Menschenrechtszentrum des Landes.

Strategie des Teilen und Herrschen

Während der ersten Demonstrationen herrschte Solidarität zwischen Sunniten und Schiiten. Dann aber, sagt Kazerooni, habe die Regierung damit begonnen, das Land in zwei konfessionelle Lager zu trennen. Viele Sunniten seien sich zwar im Klaren darüber, dass die Regierung eine korrupte Diktatur sei. Aber sie befürchteten eine schiitische Machübernahme, sagt auch Farida Ghulam von der Oppositionspartei Waad. Die Regierung habe sie überzeugt, die Schiiten wollten einen religiösen Staat nach iranischem Vorbild errichten.

Farida Ghulam (Foto: DW/Reese Erlich) Bild geliefert von DW/Nancy Isenson.

Farida Ghulam: Keiner traut keinem

Ghulam sagt, die Regierung habe eine Atmosphäre geschaffen, in der Sunniten nicht einmal schiitischen Freunden trauen würden. "Sie haben vergessen, dass sie Nachbarn waren und haben ihnen vorgeworfen, die Opposition zu unterstützen." Die Politikerin vergleicht die Stimmung mit der McCarthy-Ära in den USA.

Ali Salman, Chef der Al-Wefak Islamgesellschaft, der größten Gruppe innerhalb der Opposition, sagt, auf beiden Seiten herrschten Vorurteile. Er wirft der Monarchie vor, eine Strategie des Teilen und Herrschen zu verfolgen. Wenn die Regierung es schaffe, die Gesellschaft zu teilen, "dann bleibt als einziges verbindendes Element nur die Königsfamilie".

Dem widerspricht Abdul-Azziz al-Khalifa: "Wir haben kein Problem damit, welche islamische Strömung die Regierung unterstützt oder nicht", sagt der Regierungssprecher und Mitglied des Herrscherhauses. "Das Problem ist vielmehr, wenn Gruppen zu Gewalt greifen, um ihre Meinung kund zu tun. Das Problem ist, dass diese Meinung politisch und religiös ist." Schiiten seien oft ihren religiösen Führern verpflichtet. Es sei sehr schwierig für Schiiten, "die Anweisungen von einem religiösen Führer von denen einer politischen Bewegung zu unterscheiden". Er fügt hinzu, dass viele Menschen ein System wollten, wie es im Iran herrscht. "Es gab schon in der Vergangenheit Rufe nach einer islamischen Republik. Ich glaube, dass sich viele insgeheim diese Art der Regierung wünschen."

Vorbild Iran?

Ali Salman von al-Wefak (Foto: DW/Reese Erlich) Bild geliefert von DW/Nancy Isenson.

Salman sieht im Iran nicht unbedingt ein Vorbild

Es gibt historische Verbindungen zwischen Schiiten in Bahrain und im Iran, schließlich trennt beide Länder nur der Persische Golf. Al-Wefak, die größte Oppositionsgruppe in Bahrain,wurde von der iranischen Revolution gegen den Schah im Jahr 1979 inspiriert. Allerdings glaubt Al-Wafak-Anführer Salman nicht, dass das iranische Regime ein Vorbild für Bahrain ist. "Es wäre besser für den Iran, wenn es mehr Freiheit gäbe", sagt er. Die Al-Wafak unterstützt außerdem die Aufstände gegen das syrische Regime, Teheran Bashar Al-Assad. Während viele Schiiten die Unterschiede zwischen der iranischen Regierung und der Opposition in Bahrain kennen, tun viele Sunniten das nicht.

Menschenrechtsaktivistin Jihan Kazerooni tut was sie kann, den konfessionellen Graben zu überbrücken. Einen Graben, von dem viele denken, er wird immer tiefer wird. Sie hat geholfen, eine Organisation zu gründen, die Folteropfern hilft. Die Bahrain "Rehabilitation and Anti-Violence Organization" unterstützt Sunniten und Schiiten. Kazerooni sagt, dass sie mit ihrer Arbeit ein neues Bahrain schaffen will, in dem konfessionelle Unterschiede keine Rolle mehr spielen.

Reese Ehrlichs Reise nach Bahrain wurde vom Pulitzer Center on Crisis Reporting unterstützt.

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