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Wirtschaft

Bahnindustrie im Wechselbad der Gefühle

In Zeiten knapper Kassen stehen Investitionen auf dem Prüfstand und das spürt auch die Deutsche Bahnindustrie: Nach einem Umsatzrekord folgt ein dramatischer Auftragseinbruch.

Schienen fuehren zum Hauptbahnhof in Frankfurt/Main ( Foto: AP)

Pflege des Schienennetzes wird vernachlässigt

Die Meldung ist nicht mehr ganz neu, doch ihr Nachhall ist noch lange nicht verklungen. Die Deutsche Bahn möchte in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein ganzes Schienennetz bauen und betreiben. Ein Milliardengeschäft, das auch deutschen Zug- und Bahntechnikherstellern satte Geschäfte bescheren könnte. Das tut gut in Zeiten der Wirtschaftskrise, die auch an der Bahnindustrie nicht spurlos vorübergegangen ist.

Der Präsident des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland e.V. (VDB), Klaus Baur im Porträt (Foto: dpa)

VDB-Chef Klaus Baur

Zwar konnte die Branche im vergangenen Jahr erstmals die Marke von 10 Milliarden Euro Umsatz übertreffen und damit eine Steigerung von rund fünf Prozent verbuchen, doch in diesem Jahr sieht es nicht so rosig aus, wie Klaus Baur, der Präsident des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland (VDB) erklärt: "Jetzt werden, erwartungsgemäß und zeitversetzt, die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise auch bei uns spürbar." Es gebe Kurzarbeit und auch betriebsbedingte Kündigungen. Daher seien jetzt Investitionen für die Bahnen wichtig und auch dringend notwendig, um die Arbeitsplätze und das Know-how in der Branche zu sichern.

Arbeitsplätze in Gefahr

Knapp 45.000 Menschen sind in der Bahnindustrie beschäftigt. Während sie im vergangenen Jahr noch von gut gefüllten Auftragsbüchern profitieren konnten, sind die Bestellungen nun um fast 20 Prozent eingebrochen. Besonders rückläufig sind die Aufträge für Schienenfahrzeuge, die Nachfrage nach Güter- und Rangierlokomotiven ist im vergangenen Jahr fast zum Erliegen gekommen.

Weltweite Technologieführer

Gefragt ist die deutsche Bahnindustrie hingegen nach wie vor bei der Einrichtung von Infrastruktur und das vor allem im Ausland. Nicht nur auf der arabischen Halbinsel wird der Ausbau des Schienenverkehrs vorangetrieben. Noch massiver wird in Ländern wie China und Indien, aber auch in Südamerika investiert und auch hier kommen die Deutschen zum Zuge.

Ein U-Bahnzug von Bombadier Görlitz wird in den Frachtraum eines Frachtflugzeuges des Typs Antonov 124-100 am auf dem Flughafen Leipzig/Halle in Schkeuditz geschoben (Foto: dpa)

Für die Metro in Neu Delhi: Ein U-Bahnzug von Bombadier Görlitz wird auf dem Flugplatz Leipzig zum Transport nach Indien fertig gemacht

"Die deutsche Bahnindustrie", betont Baur, "ist eigentlich die mit Abstand größte Industrie im weltweiten Vergleich und wir sind auch sehr erfolgreich." Es gebe große Aufträge für Bombardier, für Siemens und andere Beteiligte in diesen Ländern. Ein großer Anteil dieser Auslands-Aufträge werde in den deutschen Werken entworfen und gefertigt. Baur ist sich sicher: "Wir sind als deutsche Unternehmen Technologieführer und im Ausland gut positioniert."

Forschung und Entwicklung

Zu verdanken ist dies sicherlich auch den hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung. Mehr als 660 Millionen Euro, also 6,4 Prozent des Umsatzes, wurden 2009 dafür ausgegeben. Bereits seit 2006 macht die deutsche Bahnindustrie mehr Umsatz im Ausland, als in Deutschland. Im vergangenen Jahr ist die Exportquote auf 57 Prozent gestiegen. Trotzdem soll das Geschäft in Deutschland nicht vernachlässigt werden. Hier gebe es inzwischen einen regelrechten Investitionsstau, sagt der Hauptgeschäftsführer des VDB, Ronald Pörner. Vor allem bei den kommunalen Bahnen, also U-, S- und Stadtbahnen, sei die Erhaltung und Modernisierung des Schienennetzes sträflich vernachlässigt worden.

Alleine bis zum Jahr 2008 beliefe sich der Investitionsstau auf etwa 2,35 Milliarden Euro. Knappe Kassen der öffentlichen Hand lässt Pörner nicht als Ausrede gelten: "Eine Infrastrukturpolitik nach Kassenlage ist volkswirtschaftlicher Unsinn und schadet am Ende den Menschen und der Wirtschaft in unserem Land."

Investitionsbedarf

Auch im überregionalen Bahnverkehr sieht Pörner hohen Investitionsbedarf. Für die Finanzierung allein der wichtigsten Neu- und Ausbauprojekte in Deutschland würden pro Jahr 1,85 Milliarden Euro benötigt. Im Bundeshaushalt sind ab 2011 aber nur 1,3 Milliarden Euro pro Jahr veranschlagt. Geld fehlt auch für den Ausbau der europäischen Schienenkorridore mit dem grenzüberschreitend wirksamen Leit- und Sicherungssystem ETCS. Während die Schweiz, die Niederlande und auch Italien einer Vereinbarung aus dem Jahr 2003 folgend ihre Trassen bereits ausgerüstet haben oder dies zumindest planen, hinkt Deutschland bei seinen Ausrüstungs- und Finanzierungsverpflichtungen hinterher. Die Bahnindustrie fürchtet, dass sich die Finanzierungslage im Zuge der anstehenden Haushaltsverhandlungen für 2011, die nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen im Mai beginnen sollen, noch verschlechtern könnte.

Autorin: Sabine Kinkartz

Redaktion: Klaus Ulrich

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