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Kultur

Bagdad sucht den Superstar

Ein Deutscher macht Radio für Bagdad - mit Geld vom Auswärtigen Amt. Am 10. Juli geht Telephone FM auf Sendung, ein Format für die junge, irakische Mittelschicht, moderiert von Irakern in Berlin.

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"Guten Morgen Bagdad, hier Berlin."

Klaas Glenewinkel kann auf einige Erfahrung zurückgreifen, wenn es darum geht, unter schwierigen Bedingungen Öffentlichkeit zu schaffen. In früheren Tagen schaute schon mal die Polizei bei ihm vorbei, um seinen Berliner Piratensender "Twen FM" dicht zu machen. Der Medienkämpfer machte legal weiter, mit einer Art Radio-TV aus dem Internet.

Heavy Metal in Bagdad

Es muss also schon eine Herausforderung darstellen, wenn der 33-jährige Berliner ein neues Projekt angeht. Im Juni letzten Jahres, kurz nach Kriegsende, besuchte Glenewinkel einen befreundeten Journalisten in Bagdad. "Mir schien die Situation dort so wie in Berlin nach dem Mauerfall", schwärmt Glenewinkel. "Es herrschte Aufbruchstimmung, es machten Cafés und Bars auf. Die Sicherheitslage hat sich inzwischen verschlechtert. Aber nichtsdestotrotz gibt es auch in Bagdad Plattenläden, Galerien, eine Heavy-Metal- und Hip-Hop-Szene, Uni-Parties und DJs."

Und weil sich die irakische Jugend zwischen Party und Karriere nicht so sehr von der hiesigen unterscheidet, sah der Medienmann sofort die Marktlücke: Service, Lifestyle und Popkultur für die junge Mittelschicht Bagdads. Zwar senden allein dort etwa 30 Radiostationen, aber letztendlich kann man lediglich zwischen ideologischem Fundi-Funk und trockener Politikberichterstattung aus dem Westen wählen. Also wird Glenewinkel selber aktiv. "Wenn der Krieg den Jugendlichen im Irak überhaupt etwas gebracht hat, dann ist es Meinungsfreiheit."

Letzte Station Auswärtiges Amt

Mit seiner Idee eines neuen Radioformats für den Irak geht Glenewinkel bei allen hausieren, doch der UNO fehlen die Mittel, die amerikanische Zivilverwaltung ist unentschlossen, der US-Medientycoon Haim Saban antwortet nicht einmal. Zurück in Deutschland unternimmt er einen letzten Versuch und wird erhört. Das Auswärtige Amt in Berlin ist von seinem Konzept angetan und spendiert 83.000 Euro für ein sechswöchiges Pilotprojekt. Einzige Bedingung: Gesendet wird aus Berlin, im Irak sei dies momentan viel zu gefährlich.

Glenewinkel und seine Projekt-Partnerin Anja Wollenberger schicken den Verbindungsmann und Bagdad-Korrespondenten Dawud auf Moderatorensuche im Irak. Nach beinharten Castings fliegen im Juni zwei Männer und eine Frau nach Berlin, alle mit Medienerfahrung. Zusammen mit Redakteuren des Berliner Senders Radio Multikulti entwickeln sie Formate und recherchieren Interviewpartner, um damit ab 10. Juli fünf Mal die Woche eine 90minütige Sendung zu füllen. Das ist nicht ungefährlich. Viele Iraker, die für westliche Medien arbeiten, werden in ihrer Heimat bedroht. Deswegen vermeiden die Drei auch hartnäckig jede Kameralinse.

Telephone FM

Der Name des neuen Formats ist Programm. Interviews mit Irakern via Telefon bilden den Schwerpunkt. Inhaltlich stehen Alltagserfahrungen von jungen Irakern an erster Stelle: Berufswahl, Kulturtipps, Portraits. Politik und Religion sollen nicht ausgeblendet werden, müssen aber in personalem Kontext und möglichst in breiter Meinungsvielfalt präsentiert werden. Moderiert wird auf Arabisch. Die Sendung geht über das Internet per MP3-Streaming nach Bagdad und wird dort vom einem privaten Partnersender ausgestrahlt.

Sowohl Musik der Region als auch westliche Charthits werden über den irakischen Äther dudeln. "Ich bin ja nicht so ein Britney Spears-Fan", meint Klaas Gleenwinkel, "aber die Iraker sind das und deshalb wird das da auch laufen." "Bagdad sucht den Superstar", heißt ein Programmfenster, indem der Song der Sendung, der Woche, des Monats und - wenn es Telephone FM so lange gibt - des Jahres gekürt werden soll.

"Unser Traum wäre es, mindestens bis zu den Wahlen Anfang 2005 zu senden", hofft der Initiator. Wovon hängt das ab? "Vom Geld", kommt es lapidar zurück. Denn mehr Mittel lässt das Auswärtigen Amt nur dann springen, wenn das Projekt in Bagdad ein Erfolg wird. Weil es in Bagdad keine Messung von Quoten gibt, wird der Anklang von Telephone FM anhand von Rückmeldungen per Telephone, Post und Internet beobachtet werden. Klaas Glenewinkel träumt schon von Höherem. Wenn die Sicherheitslage sich irgendwann verbessert, möchte er den Sender vor Ort, das heißt Bagdad, aufmachen. Oder mit Telephone FM auf Tour gehen und aus den Städten der Welt nach Bagdad senden.