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Politik

Baden im Eiswasser - für Glauben und Gesundheit

Was treibt tausende Russen, von Smolensk bis Wladiwostok, in einer kalten Januar-Nacht ins eisige Wasser? Ganz einfach: Der orthodoxe Glaube, die russische Tradition und der den Russen ganz eigene Hang zum Extremen.

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Tanja, Mitte 40, ist Durchschnittsrussin und wie viele von ihnen eine Banja-Fanatikerin. Mindestens ein Mal pro Woche geht sie ins Dampfbad. Der Sprung ins eiskalte Wasser nach dem Schwitzen ist nicht nur das Tüpfelchen auf dem "i", sondern untrennbarer Teil der russischen Banja- und Schwitzkultur.

In der Nacht vom 18. zum 19. Januar

Doch in der Nacht vom Sonntag auf Montag, steht sie wie viele andere Russen in Badelatschen am Ufer eines Moskauer Tümpels, entschlossen, in das etwa vier Grad kalte Wasser zu springen und drei Mal mit dem Kopf unterzutauchen. In dieser Nacht vom 18. auf den 19. Januar gehen russisch-orthodoxe Gläubige, die etwas auf sich halten, unbedingt zum Eisbaden.

Denn nach dem orthodoxen Kirchenkalender wurde am 19. Januar Jesus im Jordan getauft. Obwohl trotz Klimakatastrophe die Temperaturen am Jordan immer noch nicht mit denen am Fluss Moskwa zu vergleichen sind, treibt es nicht nur Gläubige in dieser Nacht ins eisige Wasser.

Drei Mal abtauchen

Obwohl sich Tanja nicht zu den Strenggläubigen zählt, steht auch sie in einer Reihe von Russen, die über eine kleine Leiter in den von Kerzen und Fackeln beleuchteten Tümpel steigen. "Mütterchen Quellwasser, wasche ab vom Sklaven Gottes alle Sünden, alle Leiden", murmelt Tanja, und steigt ins Wasser. "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes", sagt sie und taucht, so will es der Brauch, drei Mal in dem Eisloch unter.

Mit krebsrotem Körper entsteigt sie dem Gewässer, kein bisschen durchgefroren, sondern ganz entspannt und voller Energie. Nach russischem Glauben soll der Sprung ins Eiswasser die Sünden abwaschen und die Körperkräfte stärken. "Man fühlt sich wie neugeboren", sagt Tanja hochzufrieden.

Unerschrockene "Walrösser"

Während in dieser Moskauer Nacht verhältnismäßig milde minus zwei Grad Außentemperaturen herrschen, sind es im sibirischen Omsk, rund 3000 Kilometer östlich der Hauptstadt, immerhin knackige minus 20 Grad. Doch dies kann die echten Sibirier nicht davon abhalten, um Mitternacht ins kalte Wasser zu springen.

Unabhängig vom Tauffest hat das Eisbaden in Russland eine feste Tradition. Die Eisschwimmer nennen sich "Morschi", zu Deutsch "Walrösser". Bereits ab Oktober, wenn in Sibirien und im hohen russischen Norden die ersten Flüsse und Seen zufrieren, finden sich überall die Anhänger des Eisbadens, um Löcher ins Eis zu hacken, um in den kalten Gewässern unterzutauchen. Manch Hartgesottene verbringen sogar eine halbe Ewigkeit im Wasser und stellen Rekorde im Dauer-Eisschwimmen auf.

Gut für die Abwehrkräfte

Die "Walrösser" sind Gesundheitsfanatiker. Unter den Eisschwimmern gilt das Eisbaden sogar als bewährte Therapie, um eine Erkältung zu ertränken. Ob diese Art der Heilung ratsam ist, mag dahingestellt sein. Klar ist jedoch, dass der Sprung ins eiskalte Wasser die Abwehrkräfte und damit das Immunsystem stärkt. Und während im Winter jedes Jahr zahlreiche Eisangler, die sich auf zu dünnes Eis wagen, den grausigen Kältetod erleiden, sind kaum Fälle von Eisschwimmern bekannt, denen der freiwillige Sprung ins kalte Wasser zum Verhängnis wurde.

Und um sich von der wohltuenden Wirkung des eisigen Bades zu überzeugen, tauchte der Autor dieses fern.schreibers ebenfalls in der Nacht zu Montag im Moskauer Tümpel unter. Das Urteil: Ein wahrlich einmaliges und belebendes Erlebnis.