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Wirtschaft

Bacau und die kleinen chinesischen Schneiderinnen

In Rumänien arbeiten inzwischen Hunderte von chinesischen Näherinnen abgeschottet in Textilfabriken - Arbeit, für die nur schwer Einheimische zu finden sind.

Exportgut Mensch: Chinesische Näherinnen

Exportgut Mensch: Chinesische Näherinnen

Erinnern Sie sich an die chinesische Schneiderin, die aus den Klassikern des 19. Jahrhunderts lesen lernte und dann durch die Welt reiste und verschwand? Wer das Buch "Balzac und die kleine chinesische Schneiderin" gelesen hat, dürfte diese Geschichte nicht so schnell vergessen. Der leicht autobiografische Roman von Dai Sijie gibt Einblicke in die Kulturrevolution der 1970er Jahre und endet zwei Jahrzehnte später. Am Schluss bleibt der Aufenthaltsort der kleinen chinesischen Schneiderin ein Mysterium. Man könnte glauben, sie in Rumänien zu entdecken.

Bacau, eine Stadt in Nordost-Rumänien. Es fehlen Arbeitskräfte. Viele Frauen und Männer sind in Spanien oder sonst wo in Westeuropa, arbeiten dort am Bau oder helfen beim Erdbeerpflücken. Die Menschen, die geblieben sind, nehmen nur noch oberflächlich Notiz von den asiatischen Frauen, die gelegentlich das Stadtbild prägen. Die meisten haben sich mit der Präsenz einer asiatischen "Community", mit Klein-Chinatown im südlichen Gewerbegebiet der Stadt arrangiert, obwohl man über die Frauen und ihre Arbeit in der Konfektionsfabrik nur wenig weiß. Nur soviel ist bekannt: Die Frauen aus China wollen erst in ihre Heimat zurückkehren, wenn sie genügend Geld gespart haben. Solange spielen sich Arbeit und Leben der chinesischen Schneiderinnen fast ausschließlich auf dem Fabrikgelände in Bacau ab, im Herzen der rumänischen Provinz Moldova.

Textilarbeiter in Huaibei

Textilarbeiter in Huaibei

Die Näherinnen verlassen nur selten die Fabrikmauern, um sich auf dem nahe gelegenen Markt mit dem Nötigsten zu versorgen. Noch seltener passiert es allerdings, dass ein fremdes Auge Einblick in das Innerste von Klein-Chinatown bekommt. Sorin Nicolaescu, Direktor der Firma "Wear Company", in der die chinesischen Gastarbeiterinnen beschäftigt sind, reagiert äußerst zurückhaltend gegenüber Journalisten. "Genug", zischt er am Telefon. "Der Zoo ist geschlossen. Ich werde in ein paar Wochen etwas zu sagen haben, wenn die nächsten 500 Frauen aus China da sind" - und legt auf.

500 mehr

500 weitere chinesische Schneiderinnen sollen also kommen, zusätzlich zu den 120, die schon jetzt hier arbeiten und wohnen. Anfang des Jahres waren es noch mehr, um die 200 mehr. Da aber die Geschäftsleitung die in China versprochenen Bedingungen nicht eingehalten hatte, waren viele Frauen, bewaffnet mit Gabeln aus der Kantine, auf die Fabrikbesitzer von "Wear Company" losgegangen, um eine Lohnerhöhung zu erzwingen. Am Ende mussten die aufmüpfigen Schneiderinnen das Land wieder verlassen.

Cornelia Barbu, Leiterin des Arbeitsamtes in Bacau, erzählt, dass die Geschäftsleitung der Konfektionsfabrik nichts unversucht gelassen hat, möglichst viel Personal anzuwerben, um die anstehenden Aufträge bewältigen zu können: Ein Jahr lang seien sie immer wieder in Bukarest beim zentralen Arbeitsamt und beim Ministerium gwesen, um eine Lösung für diese Krise zu finden. "China war vermutlich das einzige Land, in dem sie ausreichend Personal rekrutieren konnten", sagt Barbu. "Dort verdienen die Schneiderinnen sowieso nicht so gut wie in Rumänien - hier sind es etwa 300 bis 400 Euro im Monat."

Der Lohn und die Agentur

Dies ist die Summe, die den Näherinnen nach Abzug sämtlicher Kosten noch übrig bleibt. Ein gewisser Prozentsatz - keiner weiß, wie viel das ist - geht an eine italienische Agentur, die die Arbeiterinnen aus China nach Rumänien vermittelt hat. Nach rumänischem Arbeitsrecht darf ein Ausländer in Rumänien nur leben und arbeiten, wenn sein Einkommen wenigstens drei Mindestlöhne beträgt. Drei Mindestlöhne - ein schönes Sümmchen für Rumänien. Dennoch finden sich auch unter diesen Bedingungen kaum noch arbeitslose Rumänninen, die stundenlang vor einer Nähmaschine sitzen wollen. "Selbst mit dem Risiko, ihr Arbeitslosengeld zu verlieren, möchten die einheimischen Frauen nicht Textilarbeiterinnen werden”, sagt Cornelia Barbu.

Hinzu kommt die unterschiedliche Leistungsstärke der Arbeiterinnen, glaubt Frau Barbu. Die chinesischen Schneiderinnen seien produktiver, da sie sich ausschließlich auf die Arbeit konzentrieren könnten. So müssten sie sich zum Beispiel nicht um den eigenen Haushalt oder die Familie kümmern. Dank der höheren Produktivität sei es den Firmen sogar möglich, die Frauen aus China besser zu bezahlen, so dass die Arbeit sich auch für sie lohnt und sie ihrem Ziel, mit dem angesparten Geld möglichst bald wieder nach Hause zurückkehren zu können, schneller näher kommen.