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Projekt Zukunft

Babys Lächeln – Offenbarungen aus anderen Kulturen

Eltern-Kind-Interaktion heißt bei uns lächeln, Blickkontakt, übertriebene Mimik. Doch andere Kulturen, andere Sitten. Eltern aus dem Stamm der Bara auf Madagaskar setzen statt dessen auf ausgeprägten Körperkontakt. Gabriel Scheidecker, Ethnologe an der Freien Universität in Berlin, hat das Kommunikationsverhalten dort genauer untersucht.

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DW:

Viele Forscher sind sich einig darüber, dass Babys sich besonders gut entwickeln, wenn ihre Eltern lebendig und ausdrucksstark mit ihnen kommunizieren. Sie haben das Kommunikationsverhalten zwischen Eltern und Babys auf Madagaskar bei dem Stamm der Bara untersucht. Welche Unterschiede konnten Sie feststellen?

Gabriel Scheidecker:

Während meines Forschungsaufenthalts auf Madagaskar habe ich erlebt, dass die Mütter und Väter des Stammes der Bara wesentlich weniger emotional ausdrucksstark mit ihren Kindern interagieren, als wir das von unserer Kultur ausgehend erwarten würden.


In Alltagssituationen wirken die Eltern scheinbar recht teilnahmslos im Umgang mit ihren Kindern. Warum ist das so?

Das ist ganz üblich in dieser Kultur. In den vielen Gesprächen, die wir dort geführt haben, haben uns die Bara das bestätigt, dass sie genau diese Art von Interaktion für richtig halten. Man kann das auf die soziale Hierarchie zurückführen. Die Hierarchie zwischen Eltern und kleinen Kindern ist bei den Bara wesentlich ausgeprägter, deshalb gehen die Eltern nicht so sehr auf das emotionale Verhalten ihrer Kinder ein.

Im Vergleich dazu ist die westliche Kultur deutlich kindzentrierter?


Ja, man könnte sagen, die Kultur der Bara ist eher erwachsenenzentriert. Die Kinder sollen lernen, sich an den Erwachsenen zu orientieren, statt, wie bei uns, die Erwachsenen an den Kindern. In kleinen Feldexperimenten haben wir außerdem untersucht, in welchen Situationen Kleinkinder lächeln. Wir haben die Mütter beispielsweise gebeten, ihren Kindern das Spielen auf einem Xylophon vorzuführen. In der westlichen Kultur würde man erwarten, dass die Kinder lächeln, wenn sie das dann erfolgreich nachmachen. Die Kinder der Bara hingegen lächelten nicht.

Warum nicht?


Das liegt daran, dass auch die Mütter während dieser Interaktion nicht lächelten, um das Kind etwa zu motivieren oder zu loben, wenn es gezeigt hat, dass es spielen kann. In unserer Kultur wird dieses Lächeln für sehr wichtig erachtet, es dient als Leistungsmotivation. Das Kind erbringt eine Leistung und bekommt in Form des Lächelns Anerkennung dafür.


Bei den Bara geht es offensichtlich nicht so sehr um Leistung oder Anerkennung. Fehlt den Kindern nicht so etwas wie emotionale Nähe?




Nein, diesen Eindruck hatte ich überhaupt nicht. Diese Gesellschaft ist einfach ganz anders aufgebaut. Soziale oder emotionale Nähe wird unter Geschwistern und Cousins ausgelebt, sie sind die vorrangigen Interaktionspartner. Die Kinder entwickeln untereinander sehr enge emotionale Bindungen, die die Beziehung zu den Eltern ersetzen. Darüber hinaus gibt es von Seiten der Eltern andere Interaktionsformen, die wiederum bei uns nicht mehr so stark ausgelebt werden. Es gibt beispielsweise sehr viel mehr Körperkontakt zwischen Eltern und Kindern und die Babys werden viel häufiger gestillt als bei uns.


(Interview: Maria Grunwald)