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Kultur

Babel Europa

Ziel des Europäischen Tags der Sprachen ist es, die Wertschätzung von Sprache und Kultur auf dem Kontinent zu fördern. Keine leichte Aufgabe - sagt Dr. Wolfgang Schulze im Deutsche Welle-Interview.

Zwei Menschen im Gespräch, Quelle: Bilderbox

Wie sprechen in Europa?

Deutsche Welle: Herr Schulze, wieviele Sprachen gibt es in Europa?

Wolfgang Schulze: In Europa werden mehr als 200 Sprachen gesprochen, die sehr unterschiedlichen Sprachfamilien angehören. Die größte Gruppe, das Indogermanische, gliedert sich in das Germanische, Keltische, Romanische, Baltische, Slawische, Albanische, Griechische und Armenische. Die zweitgrößte Gruppe ist das Finno-Ugrische, also beispielsweise Finnisch und Ungarisch. Dann kommen die Turk-Sprachen mit Türkisch als wichtigster Sprache.

Wolfgang Schulze, Quelle: privat

Wolfgang Schulze ist Sprachwissenschaftler an der Universität München

Im West- und Südkaukasus finden sich weitere nicht-indogermanische Sprachen, darunter das Georgische und das Tscherkessische. Nicht zu vergessen sind die, die wir keiner Gruppe zuordnen können, wie etwa das Baskische oder das Grönländische.

Europa ist jedoch nicht die Region mit der größten Sprachenvielfalt - auf Papua-Neuguinea allein werden etwa 900 Sprachen gesprochen. Trotzdem ist die europäische Zahl beachtlich. Die Anzahl schwankt stark - zwischen 80 Millionen, die Deutsch sprechen und 100 oder weniger Sprechern einiger Ostsee-finnischen Sprachen.

Und wenn man die Dialekte dazu addiert?

Durch den Aspekt 'Dialekte' wird es noch unübersichtlicher. Natürlich hat nicht jede Sprache gleich viele. Der Mittelwert liegt vielleicht bei plus/minus zehn. In diesem Sinne gibt es rund 2000 Dialekte. Gegenüber den 23 Amtssprachen in der EU ist diese Zahl beachtlich.

Was unterscheidet eine Sprache von einem Dialekt?

Darüber gibt es in der Wissenschaft keine einheitliche Meinung. Ein Dialekt ist eine kleinräumige Sprache, die weniger den Wortschatz und die Lautung, aber mehr die Grammatik mit benachbarten Sprachräumen teilt und so ein Teil eines 'Dialektkontinuums' oder einer 'Gesamtsprache' ist.

All das, was einer bestimmten Zahl von Dialekten gemeinsam ist, kann man 'Sprache' nennen - nur dass diese natürlich auch wieder ihre Eigenheiten hat, also auch nur ein Dialekt neben anderen ist. Die Sprache wird aber gegenüber den Dialekten staatlich gefördert und soll so zur kollektiven Identität beitragen - was ich für höchst fragwürdig halte. Im Grunde ist die Unterscheidung keine sprachwissenschaftliche, sondern eine soziologische und auch historisch-politische Frage.

Welche sind die Länder Europas mit den meisten Sprachen und Dialekten?

Türkische Frauen auf einem Markt in Berlin-Kreuzberg, Quelle: AP

Durch die große Migrantenzahl gehört Deutschland zu den Ländern mit den meisten Sprachen

Frankreich und Italien sind die Regionen mit der größten Zahl an Dialekten, gefolgt von Deutschland und England. Die meisten Sprachen gibt es in Russland, das - nimmt man den asiatischen Teil hinzu - allein schon über 200 verfügt. In Westeuropa finden sich die meisten Sprachen in Großbritannien, Frankreich, der Schweiz, Italien und - bedingt durch die große Migrantenzahl - in Deutschland.

Was spricht man alles in Deutschland?

Wir haben in Deutschland etwa 15 'Altsprachen', die schon vor der in den 1960er Jahren einsetzenden Migration präsent waren. Hierzu zählen zum Beispiel Dänisch und Sorbisch. Hinzu kommen etwa elf 'Hauptdialekte' wie Bayerisch oder Kölsch. Nimmt man die Migrantensprachen hinzu, müssen wir rund 50 Sprachen hinzufügen.

Sterben Sprachen in Europa aus?


Sorben in Trachten

Sorben in Trachten: Ihre Sprache ist in Ostdeutschland fast ausgestorben

Sicher sterben Sprachen aus, das ist in Europa schon in klassischen Zeiten geschehen. Denken Sie an die vielen Sprachen Italiens, die unter den Römern durch Latein ersetzt worden sind. Die massenhafte Präsenz einer anderen Sprache in der Öffentlichkeit, und sei es im Internet, kann eine Sprache gefährden. Ideologischen Muster spielen auch eine Rolle: Eine Minderheitensprache zu sprechen kann ein Stigma sein - Zeichen einer Provinzialität und somit weniger 'modern'.

Die erhöhte Mobilität vieler Europäer erzwingt eine Mehrsprachigkeit, die sogar zum Sprachersatz führen kann. Man darf außerdem das politische Moment nicht vergessen. Staat und Nationalsprache werden oft gleichgestellt. Mit der Folge, dass Minderheitensprachen als potenzielle Bedrohung der staatlichen Einheit gesehen werden.

Das kann zum Verbot einer Sprache in der Öffentlichkeit führen, wie in Frankreich einst in Bezug auf das Baskische, Bretonische oder Elsässische. Das führt zu einem Sprachwechsel, da sie sich die Sprecher den entsprechenden Sanktionen entziehen möchten. Medien und Unternehmen haben in ihrer praktischen Haltung zur Sprache auch einen Anteil am Sprachenverlust.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie es um den Gesundheitszustand der europäischen Sprachen steht.

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