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Wissen & Umwelt

Baake: "Gute Chancen für eine erfolgreiche Energiewende"

Die Energiewende in Deutschland ist beschlossene Sache. Trotzdem streitet die Regierung vehement über den richtigen Weg und das richtige Tempo. "Jetzt nur nicht abbremsen!", warnt Energieexperte Rainer Baake.

Deutsche Welle: Herr Baake, als Staatsekretär im Bundesumweltministerium waren Sie von 1998 bis 2005 für den ersten Atomausstieg in Deutschland mit verantwortlich und schufen Gesetze zur Förderung der Erneuerbaren Energien. Jetzt wollen Sie die Energiewende mit einer NGO unterstützen. Wie bewerten Sie das erste Jahr der Energiewende?

Rainer Baake: Es war durchwachsen. Voran geht die Planung für den Netzausbau. In anderen Bereichen hapert es ganz gewaltig. So brauchen wir zum Beispiel zukünftig flexible Gaskraftwerke. Und hier sind wir nicht vorangekommen.

Warum brauchen wir denn Gaskraftwerke?

Der Strom aus Erneuerbaren Energie wird in Deutschland zu 90 Prozent aus Wind- und Sonnenkraft gedeckt werden müssen, da wir nicht die Möglichkeit für mehr Strom aus Wasserkraft und Biomasse haben. Aber die Sonne scheint nicht nachts und der Wind weht nicht immer.

Wenn wir in den nächsten zehn Jahren den Anteil der Erneuerbaren noch einmal verdoppeln, dann bedeutet das, dass wir manchmal Zeiten haben, wo wir mehr Erneuerbare Strom produzieren, als wir brauchen. Aber es gibt dann auch andere Zeiten, zum Beispiel im November, wo relativ wenig Sonnenenergie und auch manchmal wenig Windenergie zur Verfügung stehen. Und unser Stromsystem muss diese Herausforderung meistern. Das heißt, dass wir neue flexible Kraftwerke für diese Zeit brauchen. Hier hat die Politik noch nicht das Instrumentarium gefunden.

Gibt es neben flexiblen Gaskraftwerken noch andere Maßnahmen, um die Schwankungen von Wind- und Sonnenstrom aufzufangen und auszugleichen?

Die Stromnetze sind wichtig, weil sie einen Ausgleich schaffen. Der Wind weht nicht in allen Teilen von Deutschland und Europa zur selben Zeit und die Sonne scheint auch nicht gleichmäßig. Das heißt, je besser wir die Regionen mit Netzen verbinden, umso mehr werden sich auch die schwankenden Einspeisungen der Erneuerbaren ausgleichen.

Dann brauchen wir ein Lastmanagement. Wir müssen nicht für den Spitzenbedarf zusätzlich teuere Kraftwerke bauen, wenn wir in derselben Zeit auch durch das Senken der Stromnachfrage dasselbe Ergebnis erzielen können. Das heißt, wenn die Industrie vor die Frage gestellt wird: 'Möchtet ihr gegen Geld den Strombedarf zu bestimmten Zeiten drosseln und auf andere Zeiten verschieben?' und wir dadurch Kraftwerkinvestitionen einsparen, dann kann das eine – auch für die Unternehmen – interessante finanzielle Möglichkeit sein. Dafür muss ein Markt geschaffen werden und hier ist die Politik gefordert.

Dann brauchen wir ab 2020 viele neue Speicherkapazitäten. Dafür muss jetzt geforscht werden und wir müssen anfangen zu planen. Und wir müssen marktwirtschaftliche Suchprozesse organisieren, damit die wirtschaftlichsten Lösungen gefunden werden. Der derzeitige Strommarkt in Deutschland ist nicht geeignet für die Zukunft und braucht ein neues Marktdesign.

Intelligentes Stromnetz (DW-Grafik: Olof Pock)

Eine preisgünstige und sichere Stromversorgung mit Erneuerbaren Energien braucht eine intelligente Steuerung

Kommt die Regierung hier voran?

Sie geht sehr langsam voran. Es gibt noch nicht diese übergreifende Betrachtung. Es wird viel an einzelnen Baustellen gearbeitet, aber wir brauchen jetzt eine Optimierung des Gesamtsystems.

Man hat den Eindruck, dass einige Kräfte die Energiewende abbremsen wollen. Wie bewerten Sie das?

Es gibt diese Kräfte. Und wenn diese Kräfte die Energiewende an die Wand fahren wollen, um damit etwas anderes zu erzwingen, kann ich alle Beteiligten nur vor dieser Strategie warnen. Dies wäre ein Schaden für den Wirtschaftstandort Deutschland.

Zudem blickt die Welt auf Deutschland und so haben wir eine Riesenverantwortung. Wir sind eine der größten Volkswirtschaften der Welt. Wenn wir diese Energiewende auch ökonomisch zu einer Erfolgsgeschichte machen, dann wird das möglicherweise eine der größten Einflüsse, die wir auch klimapolitisch global ausüben können.

Sie warnen die Kräfte, die die Energiewende abwenden wollen. Aber wie stark schätzen Sie diese ein?

Sie sind natürlich vorhanden, aber ich sehe ja auch, wie in den Unternehmen die Diskussionen stattfinden. Und einige, die gestern noch gesagt haben, das kann alles gar nicht funktionieren, sind heute dabei, sich zu beteiligen. Das sind auch interne Auseinandersetzungen in den Unternehmen und in der Politik. Es ist ganz wichtig, dass jetzt die richtigen politischen Konzepte auf den Tisch kommen und dass Allianzen geschmiedet werden zwischen denen, die die Energiewende zum Erfolg führen wollen. Dann werden diejenigen, die das Gegenteil wollen, sich nicht durchsetzen.

Sie wollen die wichtigsten Akteure regelmäßig zusammenbringen, damit die Energiewende vorankommt. Wäre das nicht die Aufgabe der Regierung?  

Dass es jetzt diese Initiative aus der Zivilgesellschaft gibt, beschreibt gewisse Defizite in der Politik. Das ist richtig. Aber wir wollen konstruktiv sein und deshalb leisten wir einen Beitrag.

Wie reagiert die Regierung auf Ihre Initiative?

Positiv. Die Ministerien der Bundesregierung beteiligen sich genauso wie die Opposition. Auf der Landesebene beteiligen sich sogar mehrere Minister. Die Wirtschaft hat großes Interesse bekundet, die Gewerkschaften, die Umweltverbände, die Branche der Erneuerbaren. Alle haben ein großes Interesse, dass es mit der Energiewende voran geht.

Wird Deutschland die Energiewende schaffen?

Ich glaube, dass wir sogar sehr gute Chancen haben. Es gibt eine große Unterstützung in der Bevölkerung dafür. Es gibt  zwei große Risiken. Das eine ist die Versorgungssicherheit, das andere sind die Preise. Diese Risiken müssen wir ausschalten, dass heißt, die Versorgungssicherheit weiterhin gewährleisten und dafür sorgen, dass die Preise nicht durch die Decke gehen. Diese beiden Herausforderungen müssen wir im Griff haben. Und wenn uns dies gelingt, so habe ich keine Sorge.

Der Energieexperte und Volkswirt Rainer Baake war 7 Jahre Staatssekretär im Bundesumweltministerium und 6 Jahre Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe. Seit April 2012 ist er Direktor der "Agora Energiewende",  einer neuen NGO, die mit Dialog die Energiewende in Deutschland voranbringen will.

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