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Filme

"B-Movie" zeigt die Subkultur im Berlin der 1980er Jahre

"B-Movie: Lust & Sound in West Berlin 1979-1989" war ein Riesenerfolg auf der Berlinale. Jetzt kommt die filmische Reise mit dem Musiker und Manager Mark Reeder durch die Musik- und Kunstszene West Berlins in die Kinos.

"B-Movie" ist eine bemerkenswerte Momentaufnahme einer lang vergessenen und kaum dokumentierten Zeit. Die Stadt West-Berlin war aufgrund ihrer Insellage in den 1970er und '80er Jahren Anzugspunkt für viele Künstler, Aktivisten und Hausbesetzer. Es war eine Zeit, in der alles möglich schien.

Zu sehen gibt es in "B-Movie" vielfach unbekanntes Filmmaterial. Es ist aber auch die Geschichte von Mark Reeder, der 1978 im Alter von 20 aus Manchester in der geteilten Stadt ankommt und schnell zu einer Schlüsselfigur in der einzigartigen Subkultur West-Berlins wird. Er wird Bandmusiker und Manager, vertritt das englische Platten-Label "Factory Records" in Deutschland und organisiert den einzigen Auftritt von Joy Division in Berlin. Später ist er mit dabei, als Techno die Musikszene revolutioniert.

Filmfestival Achtung! Berlin Neues Deutsches Kino aus Berlin in Brasilien B-Movie

Mark Reeder und Muriel Gray vor dem "SO 36" in West-Berlin 1983

Mit Reeder, der schon Anfang der '80er Jahre Dokumentationen über West-Berlin für das englische Fernsehen produzierte, haben die "B-Movie"-Regisseure Jörg A.Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange den perfekten Protagonisten für die Geschichte jener wundervoll verrückten Ära gefunden.

Deutsche Welle: Mark, als Sie in West-Berlin ankamen, waren schon viele Ausländer wie Iggy Pop und David Bowie gekommen und gegangen. Warum sind Sie geblieben?

Mark Reeder: Ich fühlte mich hier zuhause. Ich konnte es mir damals nicht erklären und kann es immer noch nicht. Ich kam hierher und fühlte mich unmittelbar als Teil der Stadt, als würde ich hierher gehören. Es passte einfach. Ich war verrückt genug, zu den anderen Verrückten zu passen. In Manchester spielte ich nur eine Nebenrolle.

West-Berlin war damals wie eine Insel. Die Szene wurde subventioniert, damit die Leute blieben und die Stadt lebendig hielten. Wer hier lebte, brauchte keinen Wehrdienst zu leisten. Wie wichtig waren diese Umstände für die besondere Atmosphäre in der Stadt?

Sie mussten Berlin attraktiv machen, ansonsten wäre sie voll von kleinen, alten Mütterchen und den Soldaten der Alliierten gewesen. Niemand sonst hätte hier im Westen gelebt – warum sollte man im Niemandsland leben? Wohnen war billig: Es gab billige Mieten, billige Taxis, man bekam sogar Geld zum Leben. Obendrein wurde hier niemand zum Wehrdienst einberufen. Das lockte jene vom Rand der Gesellschaft an und gab ihnen die Gelegenheit nach Berlin zu flüchten. Das alles wurde zu einem fruchtbaren Boden für jene alternative Gesellschaft.

Deutschland B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin

Mark Reeder organisierte die einzige Show von "Joy Division" in der Stadt

Was war das Einzigartige am kreativen Umfeld von Berliner Bands wie "Einstürzende Neubauten"?

Wir haben es einfach getan. Das ist der Unterschied zwischen jetzt und damals. Es gab mehr Spontanität. Man machte einfach Musik. Für mich war das sehr aufregend, weil es überhaupt keinen Gedanken an Kommerzialität gab. Man drückte sich selbst aus. In Manchester wollte man Hits machen, um Manchester zu entkommen und nach London oder sonstwo hinzugehen. Die Leute, die aus Westdeutschland nach Berlin flüchteten, hatten das schon hinter sich. Da gab es keinen kommerziellen Druck, man machte einfach, was man wollte.

Wie passte da die von dir gemanagte Frauenband "Malaria!", die mit Nick Caves Band "The Birthday Party" auf Tour war, in diese Nonkonformität von West-Berlin?

Sie klammerten sich nicht an die Regeln von Rock'n'Roll. Sie machten ihr eigenes Ding. "Malaria!" waren keine Musikerinnen; sie waren an ihren Instrumenten nicht ausgebildet. Sie spielten einfach drauf los und machten das Beste daraus. Das gab ihnen ihren Charme und die Spontanität – das war aufregend.

Viele dieser sogenannten Musiker waren auch Künstler und Filmemacher.

Richtig. Christine Hahn von "Malaria!" führt heute eine Kunstgalerie in New York. Sie hat auch zusammen mit dem deutschen Künstler Martin Kippenberger Musik gemacht.

Deutschland B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin

Mark Reeder vor dem Brandenburger Tor 1984

Die Hausbesetzer-Szene und die damit verbundenen Unruhen und gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei um die besetzten Häuser Anfang der 1980er Jahre stehen für dich sehr im Mittelpunkt.

Man muss diesen Leuten dankbar sein. Ohne sie hätten wir nicht diese wunderschöne Stadt, wie sie heute ist. Man wollte damals in den 1980ern all die alten Gebäude abreißen; die Stadt sähe heute sehr hässlich aus. Ich war beim ersten Hausbesetzer-Protest auf dem Kurfürstendamm dabei. Ohne es zu wissen, war ich einer der ersten Hausbesetzer. Als ich nach Berlin kam, wohnte ich in einer Sechs-Zimmer-Wohnung mit einem Treppenhaus aus Marmor. Das Haus sollte abgerissen werden und wurde dann von Hausbesetzern aus Kreuzberg besetzt. Sie verbarrikadierten sich und mauerten sich ein. Jetzt ist das Gebäude wunderschön renoviert.

Während der 1980er Jahre wurden offensichtlich viele Ausländer von dieser "Insel der Freiheit" angezogen – so auch Nick Cave, den Sie schon kannten, bevor er von London hierher zog.

London war unverschämt teuer. Als ich Nick erzählte, dass meine Wohnung 80 D-Mark im Monat kostete, konnte er es nicht glauben. Auf einer Tour hat er mich über Berlin ausgefragt, und ich habe ihm angeboten, er könne kommen und bei mir solange wohnen, bis er was eigenes gefunden hätte. Und eines Tages stand er dann vor meiner Tür.

Deutschland B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin

Heiko Lange, Klaus Maeck, Jörg A. Hoppe, Wieland Speck and Mark Reeder (v.l.) bei der Premiere auf der Berlinale

Und die anderen aus der Band sind dann nachgekommen?

Als Nick sich eingerichtet hatte und erzählte, wie fantastisch hier alles wäre – frei trinken, freie Drogen, jeder heißt dich willkommen -, da hieß es plötzlich, alles ist umsonst, ihr könnt kommen.

Vermissen Sie diese Zeit?

Was damals geschah, wird wohl so nie wieder passieren. Aber es sollte ja auch kein Nostalgie-Film werden. Hauptsächlich wollten wir die Jüngeren inspirieren. Heute kommen immer noch Leute aus denselben Gründen wie damals nach Berlin. Sie glauben, sie könnten teilhaben an der Lebensart, wie wir sie damals hatten.

"B-Movie" kommt am 21. Mai in die deutschen Kinos.

Das Gespräch führte Stuart Braun

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