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Afrika

Bürgerwehr gegen Rebellen im Ostkongo

Seit 16 Jahren terrorisieren ruandische Hutu-Rebellen den Ostkongo. Jetzt gehen Bewohner mit Macheten gegen die Eindringlinge vor. Überall im Dschungel entstehen Bürgerwehren.

Bürgerwehr Raia Mutomboki mit Totenschädeln in Nduma, Ostkongo (Foto: Simone Schlindwein)

Bürgerwehr Raia Mutomboki mit Totenschädeln von Angehörigen

Shabunda - eine Region tief im ostkongolesischen Dschungel, weit abgelegen von allen Straßen und nur mit dem Hubschrauber zu erreichen. Jedes Stück Seife, jedes Reiskorn, das die Menschen hier benötigen, muss über den Luftweg herangeschafft werden.

In den Wäldern rund um Shabunda verstecken sich seit 1996 die ruandischen Hutu-Rebellen der FDLR - der Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas. Sie suchen die Unzugänglichkeit der Region und die Goldminen, die sich hier im Dschungel befinden.

Bürgerwehr gegen Rebellen-Miliz

Abgebrannte Häuser in Nduma, Ostkongo (Foto: Simone Schlindwein)

Viele Häuser in Nduma haben die FDLR-Rebellen abgebrannt

Nahe des Dschungeldorfes Nduma hatten die FDLR-Rebellen über zehn Jahre lang ihr Hauptquartier für die Süd-Kivu-Provinz eingerichtet. Dort lebten Tausende Frauen und Kinder der Kämpfer. Sie nannten das Dorf "Kigali Zwei". Die fruchtbare Landschaft hier wirkt wie der Garten Eden - Ananas, Bananen, Guaven, Zitronen, Mangos hängen an den Bäumen. Doch im vermeintlichen Paradies regiert der Schrecken: Was noch bis vor kurzem die Hütten der Einwohner waren, ist heute nur noch schwarze Asche im sonst weißen Sand. Vier Mal ist Nduma in den vergangenen Jahren abgebrannt.

Hinter den noch stehenden Hütten erhebt sich der Wald wie eine undurchdringliche Wand - hier hausten bis vor kurzem die Kämpfer der FDLR. Doch jetzt sind die ruandischen Hutu-Rebellen auf der Flucht. Der Grund: In unzähligen Dörfern haben die Männer beschlossen, sich gegen feindliche Eindringlinge zu wehren. Mit Macheten, Lanzen und Spitzhacken gehen sie gegen FDLR-Rebellen vor. Nduma sei der Gründungsort der Bürgerwehr, die sich "Raia-Mutomboki" nennt und inzwischen in zwei Provinzen aktiv sei, berichtet Priester Maurice Sambamba. "Raia Mutomboki heißt 'wütendes Volk' - wenn dich jemand ausraubt, dann wirst du wütend. Und wir sind wütend!", erklärt der Priester.

Macheten zur Selbstverteidigung

Raia Mutomboki-Anführer Kikuny mit Totenschädeln (Foto: Simone Schlindwein)

Will Rache üben: Raia-Anführer Kikuny

Diese Wut hat eine Geschichte: Als die FDLR-Rebellen nach dem Völkermord in Ruanda aus ihrer Heimat in die Wälder des benachbarten Kongo flüchteten, haben die Kongolesen hier in Nduma sie beherbergt wie Brüder, obwohl sie in ihrer Heimat grausame Verbrechen an den Tutsi begangen hatten. Nun ist Sambamba enttäuscht: "Wir haben ihnen Land überlassen, auf dem sie ihr eigenes Dorf errichtet haben. Doch dann haben sie angefangen, sich gegen uns zu wenden."

Während des Völkermordes in Ruanda im Jahr 1994 töteten aufgehetzte Hutu-Milizen in rund 100 Tagen über 800.000 Tutsi. Danach flüchteten die Täter in die Wälder des Ostkongo und formierten eine Miliz: die FDLR. Sie galt bisher als die brutalste Miliz in der Region, weil sie systematisch die Bevölkerung ausbeutete. Auch hier in Nduma, berichtet Priester Sambamba. Kurz nach dem Abzug der Soldaten seien sie nachts gegen 23 Uhr in Nduma eingefallen. Sie hätten die Häuser geplündert, die Einwohner seien geflohen und hätten sich tagelang im Wald versteckt. Eine Woche später seien sie wieder gekommen und hätten befohlen: Jeder Haushalt müsse von nun an zahlen. "Viele mussten ihre Ziegen, Schweine und Hühner abgeben", berichtet Sambamba. "Im Juli brannten sie erneut unser Dorf nieder. Nach all diesen Problemen haben wir uns beraten - wir haben entschieden, die Raia Mutomboki als Verteidigungsmiliz zu gründen."

Totenschädel im Sand

Priester Maurice Sambamba aus Nduma (Foto: Simone Schlindwein)

Priester Maurice Sambamba: "Wir sind wütend!"

Die Dorfbewohner, die sich um den Priester versammelt haben, nicken. Es ist auffällig, dass sich unter ihnen nur eine Handvoll junger Männer befindet. Die Jungen, die den harten Kern der Raia-Kämpfer ausmachen, leben im Wald. Ihre Anführer nennen sich selbst "die Juristen" - zwei Männer, die einst in Süd-Kiwus Provinzhauptstadt Bukavu Jura studiert hatten. Doch für das Examen hatte das Geld nicht ausgereicht. Sie kehrten in ihr Heimatdorf Nduma zurück, um auf ihre Art für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Am nächsten Morgen erklingt der Rhythmus der Trommeln. Eine Gruppe junger kräftiger Männer tritt aus dem Unterholz des Regenwaldes hervor und bringt sich in Stellung - wie Soldaten, die ihren Kommandeur beschützen. Dann kommt ein Mann mit einem Sack auf dem Rücken. Behutsam setzt er ihn auf den staubigen Boden. Er öffnet ihn. Plötzlich verbreitet sich ein fauliger Geruch. Was der Mann herausholt, sind Totenschädel. Vizekommandeur Kikuny verneigt sich vor den Schädeln. "Ich will die Schädel zeigen, damit die ganze Welt die Wahrheit sieht, welches Leid wir erdulden", brüllt er. Dies seien die Schädel ihrer Angehörigen, Freunde und Nachbarn, die von der FDLR massakriert wurden. "Wir bewahren sie auf, weil sie uns mahnen, Rache zu üben", sagt Kikuny.

Frau aus Nduma (Foto: Simone Schlindwein)

Frauen singen Lobeslieder auf die Raia-Kämpfer

Die Leute hätten bereits vor langer Zeit um Hilfe geschrien. Sie hätten an die internationale Gemeinschaft und an die kongolesische Regierung appelliert - vergeblich. Kikuny ist wütend: "Die Regierung sagte dann zu uns: 'Verteidigt euch selbst'. Und genau das tun wir jetzt. Wir sind gegen die FDLR gezogen, um selbst für unsere Sicherheit zu sorgen." Als Kikuny aufsteht und sich aufmacht, in das Hauptquartier im Dschungel zurückzukehren, singen die Frauen des Dorfes ein Loblied auf die Raia-Anführer: "Gott behüte sie, denn sie schützen uns vor Vergewaltigungen und Plünderungen", heißt es in dem Lied. Immerhin: Seitdem die Raia Mutomboki angefangen hat, gegen die FDLR zu kämpfen, sind die Rebellen auf der Flucht.

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