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Politik

Bürgerwehr gegen illegale Einwanderer

In den USA versucht eine selbst ernannte Bürgerwehr, illegale Einwanderer aus Lateinamerika abzuschrecken. Freiwillige bewachen Tag und Nacht einen Grenzstreifen in Arizona. Daniel Scheschkewitz war vor Ort.

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Minute Men: Einsatz gegen Einwanderer

Tom Du Shane trägt Revolver und einen weißen Schnurrbart. Mit seinen 67 Jahren könnte er an einem Frühlingstag wie heute gut fischen gehen. Stattdessen steht der Vietnamveteran und ehemalige Sheriff zusammen mit ein paar Dutzend anderen Freiwilligen acht Stunden lang unter der sengenden Wüstensonne Arizonas vor seinem Pick-up-Truck und hält den Feldstecher gen Mexiko gerichtet. Sein braunes T-Shirt weist Du Shane als Unofficial Border Guard - als inoffiziellen Grenzschützer - aus.

Wie alle der bis zu 400 Minute Men gibt er vor, Amerika gegen unerwünschte Eindringlinge verteidigen zu müssen. Doch während die eigentlichen Minute-Men-Milizen Amerika in seinen Gründerjahren gegen die englischen Kolonialherren verteidigen mussten, baut sich die neue Bürgerwehr an der Wohlstandsgrenze zu Mexiko auf. "Sie überschwemmen unser Land. Sie sind in fast in allen Bundesstaaten. Sie saugen unser System und unsere Wirtschaft aus. Die Hälfte ihres Geldes schicken sie nach Mexiko, aber sie selber gehen nie mehr zurück. Wir haben hier Leute festgenommen, die sich seit den sechziger Jahren in den USA aufhalten", sagt Du Shane über die Einwanderer.

Grenze zwischen Mexiko und USA

Bis zu 400 'Unofficial Border Guards' bewachen die Grenze zwischen Mexiko und den USA

Die Grenze der USA zu Mexiko ist mehr als 3000 Kilomter lang. Allein entlang des von den Minute Men bewachten Grenzabschnitts gab es im vergangenen Jahr nach Angaben der US-Behörden fast 500.000 Festnahmen. Die Grenze - ein poröser Stacheldrahtzaun - ist Nahtstelle zwischen Arm und Reich und die Verlockung, unbemerkt von den Border Patrols hindurchzuschlüpfen ist groß. Jeden Tag versuchen Flüchtlinge es einzeln und in Gruppen, nicht selten mit Hilfe von Schlepperbanden, die bis zu 1500 Dollar von für den Grenzübertritt verlangen.

Bürgerwehr an der Grenze zwischen USA und Mexiko

Banner an der US-Grenze zu Mexiko

David Hunter sitzt auf seinem mitgebrachten Klappstuhl, ein USA-Fähnchen vor sich im Wüstensand. Wenn entlang seines Grenzabschnitts nichts passiert, kalkuliert der frühpensionierte Geschäftsmann, wie viele Rentner man für zehn Dollar beschäftigen könnte, um die Grenze wirksam zu sichern. Dass Illegale aus Lateinamerika in die USA kommen, um dort Geld für ihren Lebensunterhalt zu verdienen, damit hat Hunter ein Problem. "Wenn sie nach der Salaternte wieder nach Mexiko zurückgingen, wäre das ja o.k. Aber dass Leute kommen, die Tuberkulose, Malaria oder, Gott bewahre, sogar Lepra haben ...", ereifert sich Hunter. Die US-Amerikaner seien dem schutzlos ausgeliefert, weil gegen diese Krankheiten schon seit Jahrzehnten nicht mehr geimpft werde.

Bürgerwehr an der Grenze zwischen USA und Mexiko

Flüchtlinge beim Versuch, die Grenze zu überqueren

"Hier könnte eine ganze Armee durchmarschieren"

David Hunter springt von seinem Klappstuhl auf und spricht aufgeregt ins Funkgerät. Wieder mal regt sich etwas Verdächtiges jenseits des Grenzzauns. Und wenn es nicht leprakranke Flüchtlinge sind, könnten es auch Terroristen sein, meint Mitstreiter Tom Du Shane. "Unsere Grenze ist offen wie ein Scheunentor. Hier könnte eine ganze Armee durchmarschieren. Terroristen hätten es leicht", erklärt Du Shane.

Bürgerwehr an der Grenze zwischen USA und Mexiko

Migranten an der Grenze

Im benachbarten Grenzort Douglas, einem 14.000 Seelenstädtchen, in dem Mexikaner und andere Latinos das Straßenbild prägen, hält Bürgermeister Ray Borane die Sorgen der Minute Men für ziemlich lächerlich: "Die Minute Men geben sich so mutig und patriotisch mit ihren Waffen. Aber wenn man sich einmal die Leute ansieht, die über die Grenze kommen, dann stellen die für niemand eine Gefahr dar. Es sind häufig Frauen, junge Mädchen und Kinder. Und alle wollen doch nur eines: Arbeiten, in einem Land dessen Wirtschaft ihre Arbeit braucht und sie anlockt."

"Sie leben von unseren Sozialleistungen"

Um die Ecke im einzigen Hotel von Douglas kellnert Norma. Die Tochter mexikanischer Einwanderer will das Argument ihres Bürgermeisters nicht gelten lassen. Viele der illegalen Einwanderer, die in die USA kämen, zahlten keine Steuern, sagt Norma. "Aber sie leben von unseren Sozialleistungen. Das ist nicht in Ordnung." Viele brächten in den USA Kinder zur Welt, damit sie bleiben könnten. Ihre Eltern seien auf legalem Wege gekommen und das erwarte sie auch von anderen, sagt die Kellnerin.

Bürgerwehr an der Grenze zwischen USA und Mexiko

Migranten

Ray Ybarra von der American Civil Liberties Union beobachtet die Minute Men genau. Er soll Menschenrechtsverstöße an der Grenze verhindern. Dass es bisher zu keinerlei Zusammenstössen zwischen den Grenzwächtern und den Immigranten gekommen ist, hält er für pures Glück. "Die Leute sind nicht dazu ausgebildet als Grenzschützer zu fungieren. Die Grenzpolizisten der Border Patrol müssen sich neunzehn Wochen lang ausbilden lassen, studieren das Einwanderungsrecht und wissen, wie sie mit den Menschen in der Grenzregion umzugehen haben. Die Minute Men haben häufig einen militärischen Background und bringen eine entsprechende Mentalität mit. Die Grenze ist aber kein Kriegsgebiet, sondern eine Gemeinschaft - zwei Kommunen, zwei Länder, aber eine große Familie", sagt Ybarra.

Politischer Druck

Bürgerwehr an der Grenze zwischen USA und Mexiko

Die Minute Men wollen weitermachen

Eine friedliche Grenze will auch Jose Garza von der offiziellen US-Grenzpolizei. Auch er ist alles andere als glücklich über die Aktion der Minute Men. "Wir wollen die Grenze sicher machen, für unser Grenzschützer und für die Menschen, die hier leben. Uns ist aber klar, dass diese zivilen Organisationen ein Recht darauf haben, sich zu versammeln und zu demonstrieren. Allerdings haben wir etwas dagegen, wenn unserer Arbeitsraum zu einer politischen Protestarena umfunktioniert wird."

Der politische Druck jedoch, den die Minute Men entfachen, kommt indirekt auch der Grenzpolizei zugute. Im März, fast zeitgleich mit der angekündigten Grenzwach-Aktion, erhielt die Border Patrol in diesem Abschnitt der Grenze 500 neue Einsatzkräfte, neue Hubschrauber und Kameras. Das Problem der Grenzsicherheit findet nun auch im US-Kongress in Washington wieder Beachtung. Und angespornt vom großen Interesse der Medien werden die Minute Men ihr Spektakel im Herbst fortsetzen. Im Oktober wollen die Anti-Einwanderungsaktivisten ihre Patrouillen auf alle vier US-Bundesstaaten ausdehnen, die an Mexiko angrenzen. Dann sollen von Kalifornien bis Texas bis zu 4000 Freiwillige den Ansturm auf das Wohlstandsland Amerika abwehren helfen.

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