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Afrika

Bürgerreporter in Uganda: Die Stimme der Ungehörten

Einen Präsidenten wählen, ohne sich vorher informieren zu können? Undenkbar! Aber in vielen Regionen ist das Realität. Auch in Uganda informieren Medien oftmals nur unzureichend. Bürgerreporter wollen das ändern.

Uganda Citizen Reporter - DW Akademie

Während eines Trainings mit der DW Akademie und URN üben die Bürgerreporter, mit dem Handy eine Meldung zu erstellen

Es ist früh am Morgen an diesem dunstigen Tag im Dezember. Isaac Okot schwitzt in seiner langen Hose und aufgeknöpften rosa Hemd, als er den Hügel hinter seinem Haus hinunter läuft. Er trägt eine mit Lehm gefüllte Holzbox. Unten angekommen, dreht er die Box um, trennt den oberen Teil ab, und bringt den Lehm mit einem Spachtel in Form. Dann entfernt er den Rest der Box, das Resultat: ein fester roter Ziegelstein.

Okot lebt in dem Dorf Atiak, ungefähr 70 Kilometer von der Handelsstadt Gulu im Norden Ugandas. An einem guten Tag stellt Okot bis zu hundert Ziegelsteine her, aber heute muss er früher gehen. Denn Okot produziert nicht nur Ziegelsteine und arbeitet als Bauer, der Vater von drei Kindern ist einer von 100 jungen Ugandern, die von dem Uganda Radio Network (URN) als Bürgerreporter und -reporterinnen ausgewählt und trainiert wurden.

Uganda Citizen Reporter - DW Akademie

Neben seinem Beruf als Bauer ist Isaac Okot auch Bürgerreporter

"Sie haben uns beigebracht, wie wir gute Geschichten entdecken, wie wir die richtigen Quellen finden und schnell an Informationen kommen", erzählt Okot der DW Akademie. "Sie haben uns zum Beispiel auch geraten, uns aus brenzligen Situationen zurückzuziehen." Die Bürgerreporter bekamen ein Handy und lernten, auf dem Handy Nachrichten mit i-Alert zu verschicken.

Seit fast einem Jahr benutzen Okot und die anderen Bürgerreporter jetzt die Android-App i-Alert. Die App leitet sie Schritt für Schritt durch die verschiedenen Phasen der Berichterstattung. Die Bürgerreporter benutzen die App, um Texte, Fotos und Audiodateien zu versenden. So berichten sie über über Themen aus ihren Gemeinden. "Ich bekomme viele Geschichten von den Dorfvorstehern, und manchmal rufen mich die Vertreter der Pfarrgemeinden an. Ich interviewe sie und schicke dann das Interview ab", erzählt Okot.

Mehr Radios, mehr Zuhörer

Die Beiträge der Bürgerreporter erscheinen auf der Internetplattform des URN - Ugandas größter Radionachrichten-Agentur. Ausgewählte Lokalradiostationen aus dem URN-Netzwerk haben Zugriff auf die Plattform und deren Journalisten entscheiden, welche Beiträge sie aufgreifen. Sie überprüfen die Fakten, und entwickeln die Beiträge der Bürgerreporter weiter, um sie dann in ihren Sendungen auszustrahlen.

Uganda Citizen Reporter - DW Akademie

Screenshot der App i-Alert

Zu den Lokalradios, die von dem Programm profitieren, gehören Mega FM in Gulu und Buddu FM aus dem Distrikt Masaka. Und sie haben damit gute Erfahrungen gemacht: "Je mehr die Radios in den Regionen diese Inhalte ausspielen, desto mehr Hörer gewinnen sie auf lokaler Ebene", sagt Robert Nsubuga, Nachrichtenredakteur bei Buddu FM.

Bevor das Projekt startete, war Buddu FM ausschließlich auf seine wenigen Lokalreporter angewiesen. Die Redaktion hatte kaum Mittel, um Nachrichten aus entfernten Regionen zu recherchieren und darüber zu berichten. Am Ende sendeten sie meistens dieselbe Geschichte wie alle anderen Radiostationen im Land.

Die Initiative für Bürgerjournalismus hat Buddu FM und anderen Lokalradios eine Vielfalt an Themen beschert. "Die Zahl der Geschichten ist gestiegen", sagt Arthur Okot, Nachrichtenredakteur bei Mega FM. Bisher habe sein Sender rund 260 Beiträge im Monat ausgestrahlt, jetzt seien es um die 670. "Die meisten kommen über die i-Alert App", sagt Okot.

Seit Buddu FM auf die Beiträge der Bürgerreporter zugreifen kann, hat der Sender seine Nachrichtensendung ausgeweitet. Mehr Sendezeit, mehr lokale Inhalte, mehr Hörer – das wirkt sich auf die Finanzen der Sender aus. Isaac Mugera, Projektkoordinator bei URN, ist optimistisch: "Das kann potenziell zu besseren Anzeigengeschäften mit kommerziellen Kunden und NGOs führen.“
Um die Qualität der eingehenden Nachrichten und die Sicherheit der Bürgerreporter und deren Quellen zu gewährleisten, agieren die Radiojournalisten von Radio Buddu, Mega FM und anderen teilnehmenden Stationen als Mentoren, die den Bürgerreportern ständig mit Rat und Unterstützung zur Seite stehen.

Die Stimme des Volkes

Die Themen, über die die Bürgerreporter berichten, reichen von sozialen und politischen Ereignissen bis hin zu öffentlichen Dienstleistungen, Landkonflikten und kleineren Verbrechen. Manche der Geschichten über die täglichen Widrigkeiten in Uganda haben Debatten angestoßen und sogar zu Veränderungen innerhalb der Gemeinden geführt. "Ich habe über das Gesundheitszentrum in Atiak berichtet", sagt Bürgerreporter Isaac Okot. "Krankenschwestern hatten Akten nicht rechtzeitig abgegeben und die Patienten nicht gut behandelt. Mein Bericht wurde auf Mega FM ausgestrahlt. Das hat zu einem Personalwechsel geführt und der Service in dem Gesundheitszentrum hat sich verbessert."

Lokale Gemeinden haben diese Art von Reportagen mit großem Enthusiasmus aufgenommen. Ein Entscheidungsträger aus der Verwaltung von Masaka sagt, das Projekt sei genau zur richtigen Zeit gekommen. "Wir stehen vor so vielen drängenden Herausforderungen – die Berichte der Bürgerreporter haben geholfen, dass die Stimme unserer Gemeinde gehört wird."

Viele der Anwohner bestätigen, dass Bürgerreporter durch die Medien Aufmerksamkeit für ihre Belange schaffen. Das erlaube ihnen, an einem breiteren sozialen Dialog teilzunehmen. "Sie sind die Stimme der Ungehörten", sagt ein Bürger aus Gulu. "Sie müssen weitermachen, auch wenn es nur wenige sind. Sie sollten mehr einsetzen", sagt ein anderer Anwohner aus dem Masaka-Distrikt.

Uganda Citizen Reporter - DW Akademie

Training der Bürgerreporter mit URN und der DW Akademie in Masaka, Uganda.

Zusammen mit der DW Akademie hat das URN das Bürgerjournalismus-Projekt 2014 gestartet. Ursprünglich wurde in zwei Bezirken gearbeitet, im letzten Jahr haben URN und DW Akademie ihre Arbeit auf drei weitere Bezirke ausgeweitet. Das Projekt wird finanziert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Miriam Ohlsen, Landeskoordinatorin für Uganda bei der DW Akademie, glaubt, dass das Projekt eine Informationslücke schließen kann und lokalen Gemeinden die Möglichkeit gibt, am öffentlichen Dialog teilzunehmen. "Das Projekt ist zu 100 Prozent hausgemacht: Die i-Alert App wurde von jungen ugandischen Techies entwickelt. Es ist eine lokale Lösung für lokale Probleme", sagt Ohlsen.

Nach den bisherigen Erfolgen plant URN jetzt, das Projekt weiter auszuweiten. Die Qualität der Berichte solle weiter gefördert werden, außerdem wolle man das Bewusstsein bei den Lokalradios und in den Gemeinden über die Wirkung von Bürgerjournalismus stärken.


Emmanuel Lubega hat zu diesem Bericht beigetragen.

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