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Europa

Bürgermeister bekämpft Krise mit kommunistischen Idealen

Die Wirtschaftskrise hat Spanien fest im Griff - aber in einem Dorf in Andalusien haben Arbeitslose eine Chance. Der Bürgermeister von Marinaleda hat kommunistische Ideale eingeführt.

Das Anwesen "El Humoso" sieht für Außenstehende nicht sehr beeindruckend aus. Nach schweren Regenfällen ist der Boden uneben und schlammig. Ein paar Hühner, das einzige Lebenszeichen weit und breit, picken auf dem Boden herum. Für die Einheimischen ist der Ort aber immens wichtig: "Dieses Land ist für die arbeitslosen Arbeiter von Marinaleda", hat jemand an die Wand am Eingang geschrieben. Für Geschäftsleute sei die Finca uninteressant, da man nichts mit ihr verdienen könne, meint Juan Prieto, der schon lange auf dem Anwesen arbeitet. "Wer hier arbeitet, tut es einfach, um zu überleben."

Der Außenseiter

Juan Manuel Sánchez Gordillo Foto: Guy Hedgecoe (DW)

Bürgermeister Sánchez Gordillo

"El Humoso" liegt etwas außerhalb des andalusischen Dorfes Marinaleda, aber es ist das Herzstück seines Wirtschaftsmodells. Hier residiert die örtliche Kooperative, die Arbeitslosen ein Auskommen gibt. Mit der Finca und der Kooperative versucht Juan Manuel Sánchez Gordillo, seit 1979 Bürgermeister von Marinaleda, wahrhaft sozialistische Prinzipien einzuführen, weit entfernt von Kapitalismus und den Kräften des Marktes.

In den 80er Jahren besetzten Sánchez Gordillo, Prieto und andere Mitglieder einer örtlichen Gewerkschaft die brachliegende Finca. Schließlich enteignete die andalusische Landesregierung den Besitzer, einen Aristokraten. Seitdem gehört die Finca dem Dorf Marinaleda und seinen Arbeitern. Angebaut werden Artischocken, Paprika und Bohnen, die nach der Ernte in einer nahen Fabrik weiterverarbeitet werden. Auch die Fabrik gehört zur Kooperative.

Auf der Suche nach Utopia

Das Ziel sei es, allen Wohlstand so gerecht wie möglich zu verteilen, sagt der 60-jährige Gordillo. Mit seinem langen, grauen Bart und dem Palästinensertuch um die Schultern ist der Bürgermeister von Marinaleda eine bekannte Figur in Spanien.

Er möchte eine Utopie schaffen, die "die edelsten Träume der Menschen wahr werden lässt, sei es eine vernünftige Behausung, ein Job, oder ein funktionierendes Gesundheitswesen - grundlegende Bausteine, die es den Menschen erlauben, in Würde zu leben." Seine kommunistische Vision setzt Sánchez Gordillo in Marinaleda seit drei Jahrzehnten um. Aber erst seitdem sich die spanische Wirtschaftskrise verschärft, wird der einzigartige Status des Dorfes deutlich.

Weniger Arbeitslose

Che Guevara als Wandbild in Marinaleda Foto: Guy Hedgecoe (DW)

Che Guevara als Wandbild in Marinaleda

Trauriger Rekord: Spanien hat mit 25 Prozent die höchste Arbeitslosenquote in Europa. Andalusien ist traditionell eine der ärmsten Gegenden des Landes; hier sind sogar 35 Prozent der Menschen arbeitslos. Für Marinaleda gibt es wegen der Abhängigkeit von landwirtschaftlichen und saisonalen Fluktuationen keine zuverlässige Arbeitslosenstatistik, aber man vermutet, dass die Zahlen deutlich unter dem nationalen Mittel liegen. Das haben sie der "El-Humoso"-Kooperative und den Vorstellungen ihres Bürgermeisters zu verdanken, davon sind die Menschen überzeugt.

"Anderen Orten geht es schlechter als uns. Bei uns hat die Krise sich etwas weniger bemerkbar gemacht", sagt Menchu de Juan. Die Nachtklubbesitzerin meint allerdings, Marinaleda sei der spanischen Wirtschaftskrise und Rezession nicht völlig entkommen. "In diesem Land müssen wir Ministerpräsident Rajoy loswerden, er bringt uns noch um."

Eine andere zündende Initiative ist der örtliche Bebauungsplan. Die Dorfbewohner helfen beim Hausbau und können die Immobilie dann zu günstigen Konditionen kaufen. Erschwinglicher Wohnraum ist das eine Ziel, man will aber auch die Entwicklung einer Kredit- und Immobilienblase, wie sie letztlich für Spaniens Krise verantwortlich gemacht wird, vermeiden.

Banken verscherbeln Immobilien

Spaniens Arbeitslosigkeit hängt eng mit der Krise auf dem Immobilienmarkt zusammen. 2008 platzte die Immobilienblase, als zehntausende Menschen ihre Jobs in der Baubranche verloren und Familien ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten. Seit Beginn der Wirtschaftskrise wurden in Spanien geschätzte 350.000 Wohnungen zwangsweise geräumt.

Marinaledas Status als Dorf, das gegen den politischen Strom schwimmt, ist nicht zu übersehen. Bunte Wandgemälde von südamerikanischen Revolutionären zieren die Hauptstraße. Ein Sportpark wurde nach Che Guevara benannt, ein Platz nach den chilenischen Sozialisten Salvador Allende.

Graffiti in der Stadt Marinaleda - Souveränität und Sozialismus! Foto: Guy Hedgecoe (DW)

Graffiti in der Stadt Marinaleda: "Souveränität und Sozialismus!"

Seine politische Vision sei allerdings einmalig, meint Sánchez Gordillo, und folge nicht einer bestimmten Ideologie. "Jesus Christus war ein großer Utopist, er wollte Gleichheit und die gerechte Umverteilung von Vermögen", betont der Bürgermeister. Ghandi war auch Utopist, fährt er fort, und es gab wichtige Marxisten Anarchisten und Humanisten: "Man muss unterschiedliche Ideen zusammenbringen, um eine bessere Welt zu schaffen."

Seine Methoden, eine bessere Welt zu schaffen, seien auch immer gewaltlos, sagt Sánchez Gordillo. Kritiker dagegen verweisen auf eine seiner kontroversen Aktionen vor wenigen Monaten.

Der "Robin Hood Bürgermeister"

Im Sommer gab der Bürgermeister Rückendeckung für zwei Einbrüche in andalusischen Supermärkten durch Mitglieder der SAT Gewerkschaft. Sie betraten die Geschäfte, füllten ihre Einkaufswagen mit Lebensmitteln und gingen wieder - ohne zu bezahlen. Das Essen wurde dann an Wohltätigkeitsvereine verteilt. Laut Sánchez Gordillo, der nach den Überfällen als "Robin Hood Bürgermeister" Berühmtheit erlangte, sollten diese symbolischen Gesten das Ausmaß der Wirtschaftskrise verdeutlichen.

Mehrere Gewerkschaftsmitglieder wurden allerdings anschließend festgenommen. Und Innenminister Jorge Fernández Díaz sah in den Einbrüchen weniger symbolische Gesten, als vielmehr Betrug: "Wir alle wissen, dass einige Menschen unter den wirtschaftlichen Problemen zu leiden haben, aber trotzdem rechtfertigt der Zweck keinesfalls die Mittel", sagte er.

Rütteln am Sockel

Auch innerhalb des Dorfes selbst regt sich Kritik an Marinaledas Führung. Sánchez Gordillo und seine Vereinigte Linke Koalition sitzen seit 33 Jahren im Rathaus, während die Spanische Sozialistische Partei (PSOE), die Andalusien als ihre Hauptbasis betrachtet, an den Rand gedrängt wurde.

"Wir sollten nicht einer Utopie hinterherjagen, sondern stattdessen konkrete Ziele verwirklichen - und das hat Marinaleda selbst in über 30 Jahren nicht geschafft", sagte Hipólito Aires Navarro, ein ortsansässiges Mitglied der PSOE.

Er meint, das Dorf benötige mehr Industrie und solle von der Landwirtschaft unabhängiger werden. Er stellt außerdem die Angaben der Regierenden über die angeblich niedrige Arbeitslosigkeit in Frage, vor allem da es ja im landwirtschaftlichen Bereich eine Flaute gibt.

Doch die Kritiker von Marinaleda können sich kaum Gehör verschaffen. Schuld daran haben die neuen, kürzlich von der Europäischen Kommission herausgegebenen Daten, die für Spanien 2013 einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit und der wirtschaftlichen Rezession befürchten lassen. So scheint Sánchez Gordillo recht sicher auf seinem Posten zu sitzen. Also wird in diesem Teil von Andalusien die Jagd nach der Utopie wohl erstmal weitergehen.

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