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Nahost

Bürgerkrieg ist nur ein Szenario

Nach dem Anschlag auf die den Schiiten heilige Goldene Moschee in Samarra wird der Irak von einer Gewaltserie erschüttert. Droht ein Bürgerkrieg? DW-WORLD hat dazu den irakischen Außenminister und Experten befragt.

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Wütende Schiiten nach dem Anschlag in Samarra

Von der Goldkuppel des auch als "Goldene Moschee" bekannten Askari-Schreins sind nur Trümmer geblieben. Einen Tag nach dem Anschlag auf eines der wichtigsten Heiligtümer der Schiiten überzieht eine Welle der Gewalt das Land. Wütende irakische Schiiten setzten sunnitische Moscheen in Brand, dutzende Menschen wurden gelyncht. Wer vor diesem Anschlag geglaubt hatte, die Eskalation der Gewalt im Irak kenne keine Steigerung mehr, der hat sich offensichtlich geirrt.

Neue Dimension der Gewalt

Hoschiar Zebari Außenminister von Irak

Hoshyar Zebari, Außenminister von Irak

"Der Angriff gefährdet die nationale Einheit des Landes", sagte der irakische Außenminister Hoshyar Zebari im Interview mit DW-WORLD. Die Sprengung der Goldenen Moschee sei der bislang schlimmste Versuch gewesen, den Irak in einen Bürgerkrieg zu stürzen, so der Minister. Auch verschiedene von DW-WORLD befragte Irak-Experten sehen in dem Anschlag eine neue Dimension der Gewalt. "Dass die Bausubstanz des Heiligtums beschädigt wurde, und die Schreine, also die Gräber der (den Schiiten heiligen) Imane selbst geschändet wurden, das ist eine neue Qualität", sagt Kurt Franz vom Institut für Orientalistik der Universität Halle.

Anja Pistor-Hatam, Islamwissenschaftlerin an der Universität Kiel, erinnert daran dass Samarra für die so genannten Zwölferschiiten besonders große Bedeutung genießt. Die Schiiten sehen allein in Ali, dem Schwiegersohn Mohammeds, und seinen Nachkommen den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten und Leiter der islamischen Gesamtgemeinde. Die größte Gruppe unter ihnen, die Zwölferschiiten, erkennen zwölf Imame, beginnend mit Ali als erstem Imam, als rechtmäßige Nachfolger Mohammeds an. "In Samarra sind zwei dieser Imane begraben, nämlich der 10. und 11. Außerdem ist der 12. Iman, der nach schiitischer Vorstellung heute noch in Verborgenheit lebt, von dort durch ein göttliches Wunder entrückt worden", sagt Pistor-Hatam. Die Zwölferschiiten glauben, dass der 12. Iman am Ende der Zeiten als Messias wiederkehren wird.

"Böse Pläne der Terroristen"

Gudrun Krämer vom Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin weist darauf hin, dass dieser Anschlag nicht der der erste auf religiöse Stätten der Schiiten gewesen sei. Wiederholt habe es Angriffe auf schiitische Schreine in Nadschaf, der zentralen schiitische Stätte im Irak, sowie Angriffe auf schiitische Religions- und Rechtsgelehrte gegeben. "In religiös-politischen Auseinandersetzungen ist es nicht ungewöhnlich, dass man sich religiöse Schreine, Moscheen, Kirchen und Synagogen als Anschlagsziele aussucht. Die Beispiele seien zahlreich: 1969 brannte die Al-Aksa-Moschee in Jerusalem 1969, 1979 wurde in Saudi-Arabien die große Moschee in Mekka durch militante Islamisten besetzt. Insofern sei der Anschlag auf ein Heiligtum wie in Samarra nicht ein gänzlich neues Phänomen. "Aber es ist ein Attentat mit enormer symbolischer Wirkung."

Bedeutet die Eskalation der Gewalt, dass der Irak nun auf einen Bürgerkrieg hinsteuert? "Das ist das Ziel der Terroristen", sagt Außenminister Zebari. "Aber die politische und religiöse Führung wird diesen bösen Plan nicht durchgehen lassen." Zebari vermutet Al-Kaida und die Gruppe um den Terroristen Al-Sarkawi hinter den Anschlägen. "Die Regierung tut alles, um die Angreifer so schnell wie möglich zu fassen.

Szenario: Irak als "failed state"

Während Pistor-Hatam die Gefahr eines Bürgerkriegs für "groß" hält, will Krämer nicht von einem Bürgerkrieg sprechen. "Hier kämpfen in einem strengen Sinne nicht Bürger gegeneinander, sondern Anhänger bestimmter Organisationen, politischer Gruppierungen, die andere kaputt bomben wollen." Nach Ansicht des Islamexperten Franz liege ein Bürgerkrieg keinesfalls im Interesse der maßgeblichen Führer von Schiiten, Sunniten und Kurden. "Die betreiben alle planmäßig eine Politik der Deeskalation". Die Schiiten würden deshalb von ihren eigenen Führern wie Sistani beschwichtigt. "Auch wenn es zu einzelnen Übergriffen gekommen ist, es kennzeichnet nicht die Reaktion in großem Maßstab."

Franz fürchtet jedoch ein anderes, ebenfalls besorgniserregendes Szenario. "Der Irak könnte zu einem failed state, gescheiterten Staat werden. Es besteht die Gefahr, dass sich Kantone bilden und dass neben einem schiitischen und kurdischen auch ein sunnitischer Kanton entsteht, in denen Gruppen wie die von Al-Sarkawi durchaus an die Macht kommen könnten."

Irans Rolle entscheidend

Einig sind sich die Experten in der wichtigen Rolle Irans in diesem Konflikt. "Iran ist nicht nur das bevölkerungsreichste Land in der Region, im Iran sind über 90 Prozent der Leute Schiiten", sagt die Kieler Wissenschaftlerin Pistor-Hatam. Es habe immer eine enge Anbindung an den Irak gegeben. "Viele Pilger kamen aus dem Iran in den Irak. Und nach der Invasion der us-amerikanischen und britischen Truppen sind viele Iraner in den Irak gegangen, u.a. auch um Propaganda zu betreiben.

Die Äußerung von Ahmadinedschad, Israel und die USA seien Drahtzieher des Anschlags auf den Schrein in Samarra, kommt für Franz nicht überraschend. "Der Iran hat sich seit Monaten als Stimmungsmacher gegen Israel, gegen die USA profiliert. Er muss jetzt seinem Ruf gerecht werden und etwas dazu zu sagen". Eine Zusammenarbeit der iranischen Regierung mit islamistischen Gruppen im Irak sieht Franz aber nicht. "Es besteht meines Wissens keine tatsächliche oder ideologische Verbindung zwischen El-Kaida und anderen radikalen Gruppen und der iranischen Regierung."

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