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Asien

Bürger verteidigen Schulen gegen Taliban

Die Taliban gehen mit Gewalt und Einschüchterung gegen das staatliche Schulwesen in Afghanistan vor. Während die Regierung hilflos zusieht, setzen sich Eltern und Schüler gegen die Fundamentalisten zur Wehr.

Die zehnjährige Mitra aus Kabul sprach Ende Mai an die Adresse der Taliban gerichtet die Worte: "Bitte opfert nicht unsere Schulen für eure politischen Ziele." Sie las ihre Wünsche bei einer Kundgebung vor, die sich gegen die zunehmende Zerstörung von Schulen in Afghanistan richtete. "Gemeinsam mit den Eltern der Schulkinder wollen wir den Krieg der Aufständischen gegen die Bildungseinrichtungen anprangern", so Mahbobah Saraj, eine der Organisatorinnen der Kundgebung. "Wir sind sehr besorgt um unsere Zukunft. Wenn die Situation jetzt schon so dramatisch ist, was wird dann erst nach 2014 passieren?"

Der Gouverneur von Ghazni, Mousa Abkarzai (Foto: DW)

Auch der Gouverneur von Ghazni, Mousa Abkarzai, kann gegen die Schließung von Schulen in seiner Provinz wenig ausrichten

Ende 2014 sollen alle ausländischen Soldaten Afghanistan verlassen haben. Saraj gelaubt nicht, dass die afghanischen Sicherheitskräfte allein in der Lage sein werden, die Schließung von Schulen zu verhindern. Die Taliban haben ihren Kampf gegen die öffentlichen Schulen in den vergangenen drei Jahren intensiviert. Laut offiziellen Angaben kann zurzeit in über 500 Schulen nicht unterrichtet werden. Schulen, die entweder von den selbsternannten Gotteskriegern zerstört wurden oder wo das Lehrpersonal aus Angst vor den Aufständischen wegbleibt. Das bedeutet: Rund 300.000 Schülerinnen und Schüler können nicht zum Unterricht.

"Spezialgruppen für Terror gegen Schulen"

Nach Angaben von Lutfullah Maschal, Sprecher des afghanischen Geheimdienstes in Kabul, haben die Taliban "zwei spezielle Gruppen" gegründet, die einzig und allein die Aufgabe haben, das Bildungswesen des Landes zu zerstören. "In der Öffentlichkeit wollen die Taliban mit diesen Gruppen nichts zu tun haben, weil sie den Zorn der Bevölkerung fürchten. Doch wir haben genügend Beweise, dass die Taliban hinter den Attacken auf die Schulen stecken", so Maschal.

Afghanische Jungen sitzen vor großen Koranausgaben in einer religiösen Schule (Foto: DW)

Jungen sollen nach dem Willen der Taliban in Moscheen lernen

Die Taliban lehnen jede Art von moderner Schulbildung ab. Bildung für Mädchen und Frauen betrachten sie als Sünde. Jungen und Männer, die lesen und schreiben lernen wollen, sollen von den Mullahs in den Moscheen unterrichtet werden, so ihre Bildungsvorstellungen. Bislang gingen die Taliban nur in ihren einstigen Hochburgen in Kandahar und Helmand im Süden des Landes gegen die staatlichen Schulen vor. Doch mittlerweile greifen sie auch im Norden in der Region um Mazar-i Scharif Lehrer und Schüler an. In den vergangenen Monaten mussten über 1.000 Jugendliche, zumeist Schülerinnen, ärztlich behandelt werden, nachdem sie giftiges Gas in Klassenräumen eingeatmet hatten.

Die Regierung scheint gegen diese Sabotageaktionen machtlos zu sein. Deshalb ergreifen immer mehr Eltern die Initiative und wehren sich gegen die Schließung von Schulen in ihren Dörfern – zur Not auch mit der Kalaschnikow, sagt Amanullah Kamrani aus dem Bezirk Andar in der Provinz Ghazni im Osten des Landes: "In unserem Dorf haben die Taliban die Schulen geschlossen. Sie haben jedem die Zusammenarbeit mit den Behörden untersagt.  Daraufhin gab es einen Aufstand gegen die Taliban. Sie wurden aus einigen Dörfern vertrieben. Dort können die Kinder wieder zur Schule gehen."

Kaum Hilfe vom Staat

Afghanische Mädchen sitzen hintern einem Schulschreibtisch (Foto:DW)

Mädchen hoffen, dass sie auch nach 2014 zur Schule gehen können

Der Aufstand der Bewohner von Andar ist kein Einzelfall in Afghanistan. Auch in anderen Regionen, wo die Taliban wieder ihre Gesetze durchsetzen wollen, leisten Einwohner Widerstand. Die Menschen in Afghanistan wüssten, dass ihre Kinder nur durch Bildung eine bessere Zukunft haben, sagt Abduljabar Schilgaray, ein ehemaliger Parlamentsabgeordneter aus dem Osten des Landes. Dafür seien sie sogar bereit, ihr Leben zu riskieren. Sie wollten aber nicht als eine Ersatzarmee der Regierung instrumentalisiert werden, meint der Politiker. "In Andar waren es junge Menschen, meist Schüler und Studenten, die gegen die Taliban gekämpft und dafür gesorgt haben, dass ihre Schulen wieder öffneten."

Der Abgeordnete kritisiert, dass die Regierung in Kabul die Bürger, die ihr Recht auf Bildung unter großem Einsatz verteidigen, allein lässt. Sie hat nicht genug Sicherheitskräfte, um diesen Schutz zu gewährleisten. Kabul setzt dagegen auf Verständigung mit den Taliban. Das afghanische Bildungsministerium hat mehr Religionsunterricht in den Schulen versprochen, wenn die Taliban ihren Bildungskrieg beenden. Doch darauf sind die Fundamentalisten bislang nicht eingegangen. Deshalb werden wohl die Forderungen der zehnjährigen Mitra aus Kabul auch weiterhin kein Gehör bei den Taliban finden.