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Politik & Gesellschaft

Bürger retten ihren Bahnhof

Viele Jahre war der Bahnhof in Leutkirch im Allgäu eine Schrott-Immobilie - bis sich 680 Bürger vornahmen, daraus wieder ein Schmuckstück zu machen: Deutschlands ersten Bürgerbahnhof.

Kaputte Fenster, bröckelnder Putz und jahrelanger Leerstand - in vielen kleinen Gemeinden Deutschlands sind die Bahnhöfe heruntergekommen. Auch die Station in Leutkirch im Süden des Bundeslandes Baden-Württemberg war eher Ruine als Tor zur Welt. 1889 war das Gebäude mit seinen Tausenden kleinen Holzschindeln an der Außenfassade eingeweiht worden. Gut 100 Jahre später war von dem alten Glanz nicht mehr viel übrig.

Christian Skrodzki wollte das nicht länger mehr mit ansehen. Denn für den gelernten Bankkaufmann und Mitinhaber einer Werbeagentur war der Blick auf das alte Gebäude in seiner Heimatstadt immer eng mit Emotionen verknüpft. "Hier war der Start und das Ende meiner drei Weltreisen und insofern ist der Bahnhof für mich immer ein Stück Heimat gewesen", schwärmt er.

Rückenwind aus der Bevölkerung

Mit der Untätigkeit von Unternehmen, Behörden und Politikern wollte der Liebhaber alter Bahnhofsgebäude sich vor sieben Jahren nicht mehr abfinden. Skrodzki suchte Gleichgesinnte in Leutkirch, die mit ihm zusammen aus dem verfallenen Bahnhof wieder ein stolzes Wahrzeichen der Stadt machen wollten. Ein verwegener Plan.

Der Leutkircher Bahnhof vor der Sanierung Foto: Bürgerbahnhof Leutkirch eG

Eher Ruine, als Tor zur Welt: der Leutkircher Bahnhof vor der Sanierung

Die Deutsche Bahn hatte das heruntergekommene Gebäude zuvor an die Gemeinde verscherbelt, ohne dass Fachleute mit finanzierbaren Nutzungsideen aufwarten konnten. Doch vielen Bürgern der 22.000-Einwohner-Stadt ging es ähnlich wie Christian Skrodzki: Beinahe jeder, mit dem er sprach, verband mit dem Bahnhof seine ganz eigene, persönliche Geschichte. So erzählte ihm ein Leutkircher, er habe auf dem Bahnsteig zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg seinen aus der Gefangenschaft zurückgekehrten Vater gesehen. Ein anderer Bürger verband mit dem Bahnhof den Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, nämlich die Reise zu seiner ersten Arbeitsstelle in der Großstadt.

Mit viel Rückenwind aus der Bevölkerung musste Bahnhofsretter Skrodzki aber zunächst gegen einige kritische Stimmen aus der Regionalpolitik kämpfen, die eine Renovierung des Bahnhofs für nicht finanzierbar hielten.

Christian Skrodzki Foto: Richard Fuchs (DW)

Genossenschaftsvorstand Skrodzki: ein Bahnhof weckt Emotionen

Im Oktober 2010 konnte er dann aber den ersten Etappensieg erringen. 161 Bürger waren dabei, als in der Leutkircher Festhalle eine Genossenschaft zur Rettung des Bahnhofs gegründet wurde. Das Prinzip, so simpel wie genial: Jedes Mitglied investiert einen für ihn passenden Geldbetrag und ist damit stimmberechtigter Miteigentümer des Bahnhofs. Alle Teilhaber sind gleichberechtigt, wenn es darum geht, den Kurs des Projekts zu bestimmen, egal wie viel Geld sie jeweils beigesteuert haben. "Auch wenn sie 50.000 Euro geben, dann haben sie nur das gleiche Stimmrecht wie jemand, der nur 1000 Euro gegeben hat", sagt Skrodzki, der seitdem ehrenamtlicher Vorsitzender der Leutkircher Bürgerbahnhofs Genossenschaft ist.

Von der Idee zur Genossenschaft

Dann ging es Schlag auf Schlag: Ein kleiner Kreis von Bürgern formulierte ein Nutzungskonzept, für das dann 60 ehrenamtliche Bürgerbahnhofs-Botschafter in der Gemeinde warben. "Wir haben nur noch ein Ziel gehabt, wir wollten diesen Bahnhof retten, und zwar alle miteinander", erinnert sich Axel Müller, der als Mitglied der Genossenschaft und Bauunternehmer ehrenamtlich den Umbau koordinierte.

Für alle überraschend wuchs die Zahl der Bahnhofsretter so schnell, dass binnen kürzester Zeit die anfänglich ausgegebenen Genossenschaftsanteile in Höhe von einer Million Euro nicht mehr ausreichten. Inzwischen hat die Genossenschaft 680 Mitglieder, die gemeinsam ein Kapital von gut 1,1 Millionen Euro aufgebracht haben. Mit Zuschüssen vom Land, der Stadt und der Denkmalstiftung konnte letztlich die Bausumme von insgesamt 2,6 Millionen Euro eingesammelt werden, so dass noch im Jahr der Genossenschaftsgründung mit den Umbauten begonnen werden konnte.

Bauarbeiter bei der bahnhofssanierung Foto: Bürgerbahnhof Leutkirch eG

Gemeinsam Hand anlegen: 2012 war der Umbau fertig

"Es war nicht kurz vor zwölf, sondern es war kurz nach zwölf, den Bahnhof zu retten", erinnert sich Bauunternehmer Axel Müller. Innerhalb von zwei Jahren wurde das Gebäude vom Keller bis zum Dach saniert. Fenster, Türen, Parkett oder Holzgebälk: Wo es möglich war, wurde die historische Bausubstanz erhalten. Wo es nötig wurde, moderne und energiesparende Technik integriert.

Ein Gemeinschaftsprojekt, das bereits in der Sanierungsphase auch den Zusammenhalt in der Gemeinde stärken sollte. So wurden 17 vormals Langzeitarbeitslose als Bauarbeiter eingestellt, erzählt Bauleiter Müller. Er habe jetzt einen neuen Stuckateur bei sich, der früher aus Prüfungsangst keine Stelle gefunden habe. Mit dem Stolz und dem Gemeinschaftsgefühl des Bahnhofsumbaus im Rücken habe es dann aber sogar mit der Prüfung zum Autoführerschein geklappt. "Wir haben auch vom sozialen Aspekt her Leute motiviert und wirklich wieder rein gebracht ins Leben", sagt Müller stolz.

"Und was machen wir als Nächstes?"

Inzwischen ist der Bürgerbahnhof eröffnet, mit gänzlich neuem Nutzungskonzept. Wo früher am Bahnhofsschalter Tickets ausgegeben wurden, kann man jetzt in einer Gaststätte regionale Speisen ordern. Wo früher Bahnbeamte Fahrpläne studierten, sitzen jetzt kreative Köpfe einer Werbeagentur. Und selbst im Dachgeschoss ist mit einem Informationszentrum zum Modellprojekt "Nachhaltige Stadt" ein neuer Treffpunkt für die Stadt entstanden. Ein Erfolg, der eine Eigendynamik geschaffen habe, sagt Christian Skrodzki: "Die Leute sind plötzlich viel mutiger, die sind regelrecht euphorisch." Noch auf der Baustelle des Bürgerbahnhofs sei er deshalb immer wieder mit der Frage konfrontiert worden: "Und was machen wir als Nächstes?"

Mittagessen in der früheren Wartehalle: der alte Bahnhof ist jetzt Treffpunkt Foto; Richard Fuchs

Mittagessen in der früheren Wartehalle: der alte Bahnhof ist jetzt Treffpunkt

An Ideen mangelt es den Genossenschaftsmitgliedern jedenfalls nicht. Für die nähere Zukunft planen sie eine Elektrotankstelle und eine Ausleihstation für Elektrofahrräder, um so den umweltfreundlichen Tourismus anzukurbeln. "Und wenn wir dann wieder Geld haben", schmunzelt Skrodzki, "dann wollen wir mit drei ehemaligen Schlafwagenwaggons ein Fahrradhotel machen".

Dass jetzt ihre Idee des Bürgerbahnhofs sogar in anderen Städten kopiert wird, das macht die Leutkircher indes besonders stolz. Ob Sulzfeld, Mettmann, Dießen, Leune oder Grafing: Die Liste der Gemeinden, in denen Bürger gemeinsam historische Gebäude mit neuem Leben erfüllen wollen, wächst. Für den Leutkircher Genossenschaftsvorstand Skrodzki ein Trend, der nur mit Emotionen zu erklären sei: "Die Leute wollen ein Stück Heimat bewahren, indem sie dafür Geld ausgeben."