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Wissen & Umwelt

Bürger investieren in grüne Betriebe

Wenn Jungunternehmer in ökologische Landwirtschaft investieren wollen, winken Banken als Kapitalgeber oft ab. Zu hohe Kosten, zu wenig Gewinn. Eine Bürgeraktiengesellschaft will diese Lücke schließen.

Eichstetten am Kaiserstuhl Foto: Richard A. Fuchs

Regionalwert AG

Christian Hiß hat sein Büro dort, wo seine Eltern angefangen haben: in einem kleinen rosafarbenen Bauernhaus. Hier in der Altstadt des 3000-Seelen-Weinbauortes Eichstetten am Kaiserstuhl gründeten sie in den 1960er Jahren einen der ersten Biobauernhöfe Deutschlands. Christian Hiß ist der Philosophie der Familie treu geblieben. Doch statt wie seine Eltern die meiste Zeit im Gemüsebeet zu verbringen, hat der gelernte Gärtnermeister heute Hacke und Schaufel gegen Maus und Tastatur eingetauscht.

Ein provisorisches Papierschild an der Holztüre, ein spärlich möbliertes Arbeitszimmer und bergeweise Papierstapel, das ist das Büro der von dem 51-jährigen Unternehmer ins Leben gerufenen Regionalwert AG. Mit der will Hiß vor allem eines erreichen: Aus oft schlecht finanzierten Ökolandbau-Idealisten sollen echte Unternehmer werden. Sein bescheidenes Büro ist dabei Programm, sagt er: "Die Regionalwert AG macht nichts anderes, als sich an den Ökolandbau-Betrieben finanziell zu beteiligen, wie eine Holding". Das Ziel ist es, ein Netzwerk von Ökolandbaubetrieben aufzubauen, die sich in ihrer Arbeitsweise gegenseitig ergänzen und unterstützen.

Finanzengpässe beseitigen

Sozialunternehmer des Jahres 2011: Christian Hiß, Gründer der Regionalwert AG Foto: Fuchs

Christian Hiß, Gründer der Regionalwert AG

Um das zu erreichen, hat Christian Hiß die Idee der Bürgeraktiengesellschaft entwickelt. Statt den Bürger nur als Kunden zu betrachten, will Hiß aus ihm einen Investor machen. Das Prinzip: "Bürger der Region kaufen Anteile der Regionalwert AG und zahlen dafür Geld ein, mindestens 500 Euro pro Aktie", erklärt Hiß. "Dieses Geld investiert die Regionalwert AG in Betriebe der regionalen, ökologischen Landwirtschaft, Verarbeitung und Vermarktung".

Über 2,3 Millionen Euro hat Hiß so schon eingesammelt, von über 500 Aktionären. Damit konnte er als Vorstand der Regionalwert AG bereits in sechzehn Partnerbetriebe investieren, darunter Biobauernhöfe, Biomärkte, Bio-Cateringbetriebe und Bio-Verarbeiter. Immerhin zehn Neugründungen von Betrieben mit meist unsicherer Unternehmensnachfolge waren darunter.

Investiert wird allerdings nur in die nähere Region, schränkt er ein. Aus gutem Grund dürfe der Radius nicht mehr als 150 Kilometer im Durchmesser betragen: "Wenn es über diese Region hinaus geht, dann ist die unmittelbare Zusammenarbeit der Biobetriebe im Alltag nicht mehr gewährleistet und damit entfallen uns diese Synergie-Effekte, die letztendlich das Ganze erst effektiv machen."

Ein Netzwerk sich gegenseitig unterstützender Betriebe

Von welchen Synergien Hiß spricht, das lässt sich bei Janis Zentler überprüfen. Seit gut zwei Jahren führt der Jungunternehmer mit einem weiteren Gesellschafterpaar die Biogärtnerei Querbeet. Am Ortausgang Eichstettens gelegen, konnte der Betrieb dank einer Finanzspritze der Regionalwert AG vor dem drohenden Aus gerettet werden. Ein Blick in den Hofladen der streng biologisch geführten Gärtnerei zeigt ein ausgesprochen großes Sortiment.

Biogärtnerei Foto: Fuchs

Qualitätskontrolle in der Biogärtnerei: Direktvermarktung ab Hof

Nicht ohne Stolz erklärt Zentler Kunden geduldig, dass die über 50 hier verkauften Gemüsearten ganz ohne Dünger aus der Industrieproduktion auskämen. Statt Chemiepräparate setzt der studierte Landwirt Zentler als Dünger auf Kuhmist. Den erhält er im Austausch gegen Kleegras-Lieferung von einem Milchviehbetrieb aus dem Netzwerk der Regionalwert AG.  Ein Kreislauf von Hilfe und Gegenhilfe, der auch beim Verkaufen gut funktioniere, sagt Zentler, der rund 50 Prozent seiner Ware außerhalb seines Hofladens verkauft.  „Wir stehen in engem Kontakt zu zwei Läden, das heißt wir bekommen von denen auch eine deutliche Rückmeldung, wie unsere Produkte ankommen, was gut ankommt, was schlecht ankommt."

64 Indikatoren statt nur eine Gewinn- und Verlustrechnung

Was ankommt, dafür interessiert sich Leonard Reindl einmal als Kunde, einmal aber auch als Aktionär der Regionalwert AG. 20.000 Euro hat er investiert. So sei die Investitionspraxis der Regionalwert AG keineswegs willkürlich, erwidert der überzeugte Investor kritischen Nachfragen. "Investitionen sind an einen Kriterienkatalog mit 64 Nachhaltigkeitsindikatoren geknüpft, über die die einzelnen Betriebe bewertet werden können."  Dass Reindl mit seinen Bürgeraktien im Gegensatz zu Aktien vom Börsenparkett nicht auf schnelle finanzielle Rendite hoffen darf, das ist dem Bachelor-Studenten für Gastrowissenschaften dabei sehr wohl bewusst. 

Video ansehen 06:12

Christian Hiß setzt sich für nachhaltige Landwirtschaft ein

"Es gibt keine Versprechen auf eine Regelverzinsung", betont Regionalwert-Vorstand Christian Hiß immer wieder und kassiert für solche Sätze auf seiner Aktionärsversammlung keine Buhrufe sondern Beifall. Mit der Regionalwert AG will er auch ein neues ökonomisches Denken etablieren. Nicht mehr nur betriebswirtschaftliche Gewinn- und Verlustrechnungen sollten die Wirtschaft prägen. "Ökonomie heißt auch, mit der Naturgrundlage hauszuhalten."

Mittel- und langfristig will aber auch der Geschäftsmann Hiß finanzielle Gewinne sehen. Schließlich brauche die Regionalwert AG selbst, um nachhaltig wirtschaften zu können, noch mehr Aktionäre, mehr Kapital und mehr unterstützenswerte Unternehmen. "Der Status Quo würde noch nicht ausreichen, damit das Konzept ausreichend funktioniert", sagt Hiß. Dass er von allen drei Dingen genügend auftreiben kann, davon ist Christian Hiß felsenfest überzeugt. Interessenten bittet er immer zum Gespräch. Wohl auch deshalb steht die alte Holztüre an seinem rosafarbenen Bauernhaus meist den ganzen Tag einen Spalt weit offen.

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