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Textilbranche

"Bündnis für nachhaltige Textilien" bröckelt

Zu viel Bürokratie, zu viele Auflagen: Drei Jahre nach seiner Gründung kämpft das "Bündnis für nachhaltige Textilien" mit Mitgliederschwund. Das Entwicklungsministerium hält jedoch an den anspruchsvollen Zielen fest.

1135 Tote, 2438 Verletzte - das war die Bilanz der Rana Plaza Katastrophe vor gut vier Jahren. Der Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch war einer der Hauptgründe für die Gründung des "Bündnis für nachhaltige Textilien", das Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) 2014 ins Leben rief.

"Wir wollen keine Kleidung auf unserer Haut tragen, für die andernorts Menschenrechte mit Füßen getreten werden", sagte Müller damals. Das Ziel ist klar: "Die Bedingungen in der weltweiten Textilproduktion verbessern - von der Rohstoffproduktion bis zur Entsorgung", so steht es auf der Webseite des Bündnisses.

Doch drei Jahre nach der Gründung der Organisation macht sich Ernüchterung breit. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), das ursprünglich Textilfirmen zur Einhaltung bestimmter sozialer und ökologischer Standards verpflichten wollte, musste einsehen, dass sich die großen Modefirmen keine Vorgaben vorschreiben lassen wollten. Stattdessen kam ein Bündnis zustande, in dem jedes Mitglied regelmäßig einen Katalog von Maßnahmen vorlegt, die es selbst bestimmt. Es geht vor allem um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern.

Austritte schwächen Bündnis

Ende 2016 einigten sich die Bündnismitglieder in verschiedenen Arbeitsgruppen über das weitere Vorgehen. Im Steuerungskreis des Bündnisses sind Mitglieder aus verschiedenen Bereichen. Er entschied, bis Ende März 2017 müssten alle Mitglieder konkrete Pläne, sogenannte Roadmaps, vorlegen, um aufzuzeigen wie die Selbstverpflichtungen erreicht werden sollen. Aber gut 40 Unternehmen und Verbände waren mit dieser Entscheidung nicht einverstanden. Sie präsentierten keine genauen Schritte und Kontrollen - und waren damit raus. 

Zu den ausgeschiedenen Mitgliedern gehören beispielsweise die Supermarktkette Real, die auch Kleidung verkauft, und das deutsche Traditionstextilunternehmen Trigema. Anfang 2017 gehörten dem Bündnis rund 190 Mitglieder an, darunter Textilriesen wie Adidas und Gerry Weber, aber auch Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen. Jetzt sind es noch 148 Mitglieder.  

Video ansehen 01:10

Bangladesch: Vier Jahre nach dem Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza

"Es ist auf jeden Fall schade [wenn Unternehmen aussteigen]", sagt Berndt Hinzmann, Campaigner bei der NGO Inkota, die Mitglied im Bündnis ist. "Bei den Unternehmen, die jetzt abspringen, frage ich mich: Wie ernst haben sie ihre Verpflichtung tatsächlich gemeint? Der Mehrwert eines solchen Bündnisses liegt schließlich in einer breiten Marktabdeckung, um den Einfluss bei Zulieferern in Vietnam oder Kambodscha oder Bangladesch hoch zu halten. Die Aussteiger müssen sich fragen, ob ihr Beitritt vielleicht nur ein Lippenbekenntnis war."

Geschäftsführer von Trigema, Wolfgang Grupp (Trigema)

Grupp: Trigema produziert nur in Deutschland und hält sich natürlich an alle Sozialgesetze

Abschreckende Bürokratie

Gegen diesen Vorwurf wehrt sich Trigema-Geschäftsführer und Eigentümer Wolfgang Grupp. "Ich bin vor ein paar Monaten ausgestiegen, weil ich es für Unsinn halte, dass ich, der ausschließlich in Deutschland produziert, eine solche Roadmap schreiben muss, die nachweisen soll, dass wir keine Kinderarbeit haben und die in Deutschland geltenden Sozialgesetze einhalten", sagte Grupp der DW. "Man hat mir intern gesagt, dass wir dafür einen Mitarbeiter bräuchten, der den ganzen Tag nichts anderes tut, als alles das nachzuweisen, was bei uns gesetzlich vorgeschrieben ist."  

Trigema bezieht zwar sein Garn und die Baumwolle aus der Türkei und Griechenland, die Partner seien aber Familienbetriebe, die regelmäßig zertifiziert werden, betont Grupp. Generell hält Grupp einen Zusammenschluss wie das Textilbündnis für eine gute Idee, "aber ob es durchführbar ist, bleibt die Frage." Wenn große Unternehmen ausstiegen und sich bei Mitgliedern durch schärfere Bedingungen die Preise erhöhten, habe ein Unternehmen, das dabei bleibe, schließlich einen Wettbewerbsnachteil.

Kleine Unternehmen im Nachteil

Aktuell decken die Mitglieder des Bündnisses etwa 50 Prozent des deutschen Textilmarktes ab. In diesem Fall gilt: Mehr ist mehr, denn je größer die Gruppe der beteiligten Textilunternehmen, desto größer ist der Druck, den sie aufbauen können. Aber gerade für kleine Unternehmen wirken der mögliche Wettbewerbsnachteil oder die detaillierten Anforderungen eher abschreckend.

Der Öko-Spielzeughersteller Zwergengrün gab an, man wäre gern Teil des Bündnisses geblieben, konnte aber nicht all die Indikatoren abarbeiten, die für die Roadmaps festgelegt worden waren. Der internationale Moderiese H&M ist weiterhin Mitglied im "Bündnis für nachhaltige Textilien." Anna-Kathrin Bünger, Sprecherin für H&M Deutschland, sagt, dass es für das Unternehmen ein wichtiges Anliegen sei, die Nachhaltigkeit in der Modeindustrie voran zu treiben.

Eine H&M-Filiale auf der Frankfurter Einkaufsmeile Zeil (picture-alliance/dpa)

Die Textilkette H&M identifiziert sich will weiterhin mit den Zielen des Bündnisses

"H&M engagiert sich bereits seit vielen Jahren für nachhaltige Verbesserungen entlang der textilen Wertschöpfungskette. Die Fortschritte kommunizieren wir jährlich in unserem Nachhaltigkeitsbericht", so Bünger in einer Email an die DW. "Die darin aufgezeigten Ziele und Maßnahmen haben wir auch für die Grundlage der abzugebenden Roadmap genutzt, die als plausibel eingestuft wurde."

Im BMZ hofft man, dass ausgestiegene Mitglieder zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurückkehren. "Eine Mitgliedschaft im Textilbündnis ist anspruchsvoll und die Umsetzung der Bündnisziele verbindlich", bestätigt eine Sprecherin gegenüber DW. Sie räumt ein: "Die Erstellung der Maßnahmenpläne ist - insbesondere im ersten Jahr - arbeitsintensiv. Wenn der Prozess etabliert ist, wird das Verfahren [aber] leichtgängiger."

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