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Kultur

Büffeln statt sozialem Abseits

Kostenlose Bildung für eine gesicherte Zukunft: 256 Roma-Kinder besuchen im ungarischen Pécs das erste reine Roma-Gymnasium. Auf dem Gandhi-Gymnasium werden sie in zwölf Jahren auf das Abitur vorbereitet.

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Spezielle Förderung von Roma-Kindern, hier in einem rumänischen Klassenraum

Benachteiligung, Ausgrenzung und Diskriminierung. Das ist die Realität, mit der Roma-Kinder auf Regelschulen in Mittel- und Osteuropa konfrontiert werden. Ein Lernen in angenehmer Atmosphäre und Freude am Unterricht entsteht so nicht. Aber das sind nicht die einzigen Gründe, warum Roma-Kinder und -Jugendliche die Schule nur ungern besuchen. Sie lernen an den staatlichen Schulen weder ihre eigene Geschichte oder Sprache, noch ihre Erfahrungswelt kennen. Roma-Kinder mit Abitur sind bis heute eine absolute Ausnahme. Viele Mädchen heiraten sehr früh, wie es die Tradition vorschreibt. Die Jungen gehen meist zum Geldverdienen arbeiten.

Ein Zustand, den das Gandhi-Gymnasium im ungarischen Pécs nicht akzeptiert. Im Südwesten Ungarns besuchen 256 Schülerinnen und Schüler den Unterricht. Sie werden auf das Abitur vorbereitet und den folgenden Besuch einer Hochschule. Ihnen wird geboten, was noch immer vielen Roma-Kindern und Jugendlichen verwährt bleibt: Bildung durch einen guten Schulabschluss und somit hohe Chancen auf einen qualifizierten Beruf - Vorbereitungen für ein künftiges Einkommen zur Versorgung der Familie.

Abitur durch Sponsoren

1994 gegründet, besteht das Gymnasium seit nun mehr zehn Jahren. Finanziell unterstützt wird das Pilotprojekt von drei Sponsoren: Dem Goethe-Institut, der gemeinnützigen Hermann-Niermann-Stiftung in Düsseldorf und der Schulz-Speyer Einrichtungsfirma für Bibliotheken. Nach 12 Jahren machen die Jungendlichen in Pécs ihr Abitur. Bis 2004 haben vier Jahrgänge des Gandhi-Gymnasiums ihr Abitur abgeschlossen. In jedem Jahrgang schaffen 20 bis 30 Schüler den Abschluss. Ihnen steht ein Studium an der Universität nichts mehr im Wege. Der übliche Teufelskreis von unqualifiziertem Beruf, sozialem Abseits und Verelendung ist durchbrochen.

Vielen Eltern und Schülern ist das Angebot der qualifizierten Ausbildung in Pécs nicht bekannt. Lehrer und Sozialarbeiter fahren durch das Land und leisten Aufklärungsarbeit. Sie versuchen Kinder für den Schulbesuch zu motivieren, sowie auch ihre Eltern von der Chance zu überzeugen. Skepsis und Unschlüssigkeit sind meist die Reaktionen der Roma. Hinzu kommt die Frage nach den Schulkosten. "Die Schule wird vom Staat bezahlt, über eine Stiftung", sagt Karin Adamek, Gastlehrerin aus Deutschland. "Und es gibt drei Sponsoren", erzählt sie weiter. Sorgen um die Finanzierung müssen sich die Eltern also nicht machen.

Neue Bibliothek als Begegnungsstätte

Als zusätzliches Lern- und Freizeitangebot dient seit dem 31. März 2004 die neue Freizeit- und Schulbibliothek. Auf 460 Quadratmetern stehen Schülern, Lehrern und anderen Interessenten Lernbereiche, Studienräume und Multimediaangebote zur Verfügung. Aufgebaut wurde die Bibliothek in Zusammenarbeit mit dem Budapester Goethe-Institut.

Ulrike Kreienberg ist Leiterin des Budapester Goethe-Institut. Sie beschreibt, wie die Idee zustande kam: "Die Schule hatte bislang keine Bibliothek in dieser Form. Das war der Traum des Direktors, den Kindern Literatur bereitzustellen. Gerade diesen Kindern, die von zu Hause keinen Kontakt zu Büchern haben." Insgesamt stehen 10.000 Medieneinheiten in fünf Sprachen bereit.

Berufswunsch Lehrer

Die Initiatoren hoffen, dass das Projekt auch in anderen Ländern der Region Schule macht. Nicht nur in Ungarn, sondern auch in Serbien, Kroatien oder Rumänien sollen Roma ähnliche Bibliotheken nutzen können. Den benachteiligten Jugendlichen kann somit eine Chance auf eine bessere Zukunft gegeben werden. In Bezug auf ihre berufliche Zukunft sehen sich einige Schüler des Gandhi-Gymnasiums als Rechtsanwalt, Sozialarbeiter oder auch Lehrer. Vielleicht stehen diese Jugendlichen nach dem Studium vor anderen Roma-Kindern und unterrichten ihre eigenen Schüler.

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  • Datum 04.04.2004
  • Autorin/Autor Cristian Stefanescu / Miriam Beiseler
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  • Permalink http://p.dw.com/p/4ros
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