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Kultur

Büchner-Preis für den
Alltags-Durchleuchter

Nun ist sein Ruf gesichert: Der Autor Wilhelm Genazino hat den Büchner-Preis erhalten – den angesehensten deutschen Literaturpreis. Die Auszeichnung krönt eine Karriere, die mit einem Flop begann.

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Wilhelm Genazino schreibt gern über die kleinen Leute

Wilhelm Genazino lehnt sich zufrieden zurück. Mit dem Büchner-Preis, der ihm am Samstag (23. Oktober 2004) in Darmstadt überreicht wurde, ist ihm eine große Sorge genommen. "Meine Reputation als Autor ist endgültig gesichert", sagt er und meint es ernst: "Schriftsteller sind ja unsicher und ungläubig. Der angesehene Preis wirkt da wie eine Beglaubigung."

Dass der 61 Jahre alte Autor diese Bestätigung benötigt, wundert, zählt ihn doch die Kritik seit Jahren zu den "stärksten deutschen Erzählern" ("Der Spiegel"). Nun hat die Deutsche Akademie für Dichtung und Sprache Genazino noch ein Lob ausgestellt – für sie zählt er "zu den wichtigsten deutschen Gegenwartsautoren".

Karriere beim zweiten Versuch

Gelobt wird Genazino vor allem für seinen genauen Blick und die Fähigkeit, im Alltäglichen das Besondere und Verblüffende zu entdecken. Dabei hat dem in Frankfurt lebenden Schriftsteller sein Studium der Philosophie und Soziologie geholfen. An der Selbstironie feilte der gebürtige Mannheimer als Journalist, insbesondere bei der Satirezeitschrift "Pardon". Außerdem schrieb er Hörspiele und Sketche, etliche davon mit dem Humoristen Peter Knorr. Mit ihm gründete er 1971 auch die Schreibagentur "Literaturcop".

Seine Schriftstellerkarriere begann allerdings mit einem Flop: Sein Roman "Laslinstraße" über die Ausbruchsträume eines Gymnasiasten in der Adenauer-Ära stieß 1965 auf wenig Resonanz. Erst zwölf Jahre später konnte Genazino die Kritik mit dem ersten Band seiner Trilogie über das einsame Leben des Frankfurter Büroangestellten Abschaffel überzeugen. Viel Lob von der Literaturkritik erhielt auch sein Roman "Die Liebe zur Einfalt" (1990).

Kleine Leute in der großen Stadt

Das Leben der so genannten kleinen Leute greift der Autor immer wieder auf, etwa in dem Roman "Die Ausschweifung" von 1981 über die Identitätsprobleme eines Angestellten. Auch die Nachkriegszeit beschäftigt ihn weiterhin. Sein 2003 erschienenes Werk "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" benennt die drei dringenden Wünsche eines 17 Jahre alten Lehrlings Ende der 1950er-Jahre, der aus den strengen Regeln ausbrechen will.

In seinen weiteren Werken beschreibt Genazino die Großstadt. Liebevoll beobachtet er als "Stadtgänger" in dem 2001 vorgelegten Roman "Ein Regenschirm für diesen Tag" seine Mitmenschen. Dieser Leidenschaft frönt er auch in seinem jüngsten Essayband "Der gedehnte Blick". Nur ein Thema fehlt bislang in seinem Werk: die Liebe. Das will er jetzt in einem Roman nachholen, ohne jedoch Details des geplanten Werkes zu verraten. Über seine Motive bewahrt er ebenfalls Stillschweigen. "Auch in meinem Leben kommt Liebe vor, mehr sage ich nicht", antwortet er verschmitzt.

Genazino redet mit

Genazino mischt sich auch immer wieder in aktuelle gesellschaftspolitische Debatten ein. So engagiert er sich gegen ausländerfeindliche Gewalt, arbeitete in einem Schreibprojekt mit Gefangenen und nutzte 1996 seine Antrittsrede als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, um eine Debatte über die Selbstaufgabe der Kulturpolitik anzustoßen. Kurz darauf erschien sein Roman "Das Licht brennt ein Loch in den Tag", in dem er sich mit Sinn und Unsinn des Sich-Erinnerns beschäftigt und damit mit dem Sinn jeglichen Erzählens.

Mit Georg Büchner in Verbindung gebracht zu werden, hält Genazino für eine große Ehre. Er bewundert den Dichter der Vormoderne für seine Wahrheitssuche, die oft unerbittlich gewesen sei. "Er hat viele Phänomene der Neuzeit - etwa in seinen Stücken Dantons Tod und Woyzeck die sinnlos verstreichende Gewalt der Terroristen – vorweggenommen", sagt Genazino und wirft einen gnadenlosen Blick auf die Gegenwart: "Diese Gewalt ist erst jetzt aufgeblüht. Heute gibt es wieder Enthauptungen im Internet. Wer hätte das geglaubt?" (reh)

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