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Politik

Bücherweise Politik

Im hektischen Politikbetrieb bleibt kaum einem noch die Zeit, in Ruhe ein Buch zu lesen. Trotzdem überfluten immer mehr Bücher das Berliner Regierungsviertel. Lesenswert sind sie selten. Aber es gibt Ausnahmen.

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"Träume sind mir nicht genug" heißt das neueste Werk von Renate Künast, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag. Am Donnerstag (01.04.2009) wurde es in den Räumen der grünen "Heinrich-Böll-Stiftung", einen Steinwurf vom Kanzleramt, vorgestellt. Früher haben ehemalige Staatsmänner ihre Memoiren geschrieben, heute dienen Bücher aktiven Politikern dazu, sich zu profilieren. Wenn Wahlen nahen wie jetzt, häufen sich derartige Neuerscheinungen.

Hauptsache bekannte Namen

Für die Verlage sind es die bekannten Autorennamen, die ein Geschäft versprechen. Die stehen dann oft in größerer Schrift auf dem Cover als der Buchtitel. Nicht ganz so bekannte Autoren nehmen auch schon mal dem Verlag das Risiko ab, indem sie - oder ihre Partei oder eine nahestehende Stiftung - ein größeres Kontingent aufkaufen.

Renate Künast hat für ihre Buchpräsentation Außenminister Frank Walter Steinmeier aufgeboten. Ein Spitzenvertreter einer anderen Partei erhöht die Neugier der Journalisten - auch das ist Marketing. Besonders beliebt ist es in letzter Zeit geworden, gleich einen ausgesprochenen politischen Gegner aufzubieten. Im Falle des SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier ist der Reiz ein anderer: Die Grünen sind sein Wunsch-Koalitionspartner. Da kann man aus dem, was er zu Künasts Buch zu sagen hat, vielleicht Gemeinsamkeiten heraushören.

Häufig sind Bücher von Politikern nichts als eine Aneinanderreihung früherer Reden und Aufsätze. Einige Autoren sind so ehrlich, das anzugeben. Häufiger aber werden über die vorhandenen Texte einfach Kapitelüberschriften gesetzt. Doppelungen und inhaltliche Brüche sind dann unvermeidlich. Im besten Fall wurde ein Ghostwriter beauftragt, aus den vorhandenen Versatzstücken so etwas wie einen flüssigen Text zu machen.

Buchvorstellungen ohne Ende

Es sind aber längst nicht nur Politiker, die mit ihren Büchern um Aufmerksamkeit buhlen. Weitere Buchvorstellungen in Berlin allein an diesem Donnerstag, den 2. April:

"Die Erde schlägt zurück - Wie der Klimawandel unser Leben verändert" von zwei Naturschutz-Aktivisten, präsentiert unter anderem von Klaus Töpfer, dem ehemaligen Leiter des UN-Umweltprogramms sowie dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger.

"Demokratie, das sind wir alle. Eine kritische Würdigung von 60 Jahren Demokratie in Deutschland. Zeitzeugen berichten" - und der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker stellt vor, und zwar im noblen Hotel Adlon.

"Die Bundesrepublik - eine Dokumentation mit zahlreichen Biografien und Abbildungen" sowie einem Vorwort des ehemaligen Bundesaußenministers Hans-Dietrich Genscher, der auch an der Präsentation - passend im Auswärtigen Amt - mitwirkte.

Letztere beiden Neuerscheinungen sind dem Jubiläumsjahr 2009 geschuldet (60 Jahre Bundesrepublik, 20 Jahre Mauerfall), welches die Bücherflut noch weiter anschwellen ließ.

Regalfüller? Nicht nur!

Im Büro manch eines langgedienten Hauptstadt-Korrespondenten sieht man Regalwände voll solcher Bücher. Nicht selten sind sie noch in Folie eingeschweißt. Ein Buch allerdings zeigt doch öfter schon Spuren von Benutzung. Sein weißer Umschlag zeigt einen Bundesadler mit schmerzverzerrtem Gesicht hinter dem Rednerpult des Bundestages, darunter den Titel "Das parlamentarische Schimpfbuch". Der langjährige Bundestagsmitarbeiter und Redakteur der Wochenzeitung "Das Parlament", Günter Pursch, hat das Schimpfbuch vor zwanzig Jahren erstmals herausgebracht, jetzt ist gerade die neueste Fassung erschienen. "Stilblüten und Geistesblitze unserer Volksvertreter in 60 Jahren Bundestag" verspricht es.

Der Autor hat Passagen aus den offiziellen Protokollen des Bundestages zusammengetragen, die zeigen, dass es im hohen Haus manchmal wie im Kindergarten zugeht ("Das Wort hat der Abgeordnete Schreiner" - "Schreier heißt der, nicht Schreiner!" - "Der hat schon den Schlips abgenommen, damit er besser brüllen kann!"), manchmal dabei durchaus schlagfertig ("Herr Feilcke hat die Hand in der Tasche!" - "Ja, aber in meiner Tasche, Herr Egert"), und manch Zitat lässt einen staunen, wie aufmerksam Politiker einander gelegentlich zuhören. So etwa, wenn sich in den 80-er Jahren Bundeskanzler Kohl beklagt, er müsse "den Bockmist, den andere angerührt haben, auslöffeln", und der SPD-Fraktionsvorsitzende Vogel dazu anmerkt: "Sie rechnen offenbar Bockmist unter die Nahrungsmittel, weil Sie von Auslöffeln sprechen, eine ungewöhnliche Ernährungsweise."

Gesammelte Gemeinheiten

Nachzulesen sind auch jede Menge Bosheiten, für die Abgeordnete einen Ordnungsruf des Sitzungspräsidenten kassiert haben. Dafür kann schon mal ausreichen, den Abgeordneten Haase mit "Herr Abgeordneter Karnickel" anzusprechen. Es findet sich aber auch ein Beispiel, wie man eine Gemeinheit loswerden und trotzdem einen Ordnungsruf vermeiden kann: "Herr Präsident, darf man Giftnudel sagen?"

Autor: Peter Stützle

Redaktion: Dеnnis Stutе