1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Böse Tropfen

Viele Thais lieben ihren Wochenend-Whisky. Zu viele, sagt die Regierung. Und bekämpft die Genusssucht mit Reglementierungen und Gesetzen. Nur manchmal, da will man einfach nicht abstinent sein müssen ...

default

Lange vor Sonnenaufgang kriechen die Stimmen ins Schlafzimmer. Betörende Mönchsgesänge mögen so manchen um den wohlverdienten Schlaf bringen, doch niemand ärgert sich darüber. Stattdessen lauscht man den musikalischen Gebeten – wenn man nicht eh im Tempel sitzt. Vorige Woche begannen sie, die Danksagungen und die Lobpreisungen, auf den Vater des Landes, König Bhumipol, der am 5. Dezember seinen 78. Geburtstag feiert.

Und ganz Thailand feiert mit. Seit ein paar Wochen schon ist Bangkok behängt mit immensen Postern. Ganze Hotelfassaden sind mit Bildern verhängt. In jedem Privathaus wird das Foto des Oberhaupts schmuck verziert. So mancher Anhänger Bumiphols fährt ein Bild des Königs durch Bangkok spazieren, auf seinem Pick-Up Truck. Wie schon in den letzten Tagen versammeln sich auch heute abend Zentausende auf der königlichen Exerzierwiese, um vor einem gigantischen Bild Bumiphols Kerzen anzuzünden, Lieder zu singen, dem König zu huldigen.

Der Bier-D ä mon

Nur trinken wird heute niemand. Alle Bars und Kneipen bleiben geschlossen. In Restaurants wird kein einziger Tropfen ausgeschenkt. Wie an anderen wichtigen Feiertagen auch. Als ob Alkohol etwas Böses wäre. Einst als Dämonengetränk verschrieen, genieβen die Thais heutzutage ihr Feierabendbierchen und ihren Wochenend-Whisky. Vor kurzem beschloss die Regierung, dass das Volk zu sehr am Alkohol hängt. Nicht wenige betrachten ihn bereits als Gesellschaftsfeind Nummer Eins.

Und so wird dem Alkohol seit einiger Zeit der Kampf angesagt. Zunächst wurde die Kampagne für eine Neue Gesellschaftsordnung ins Leben gerufen; seither ist in Bangkoks Kneipen und Bars um 1 Uhr morgens Schicht im Schacht. Dem folgten stark reglementierte Vekaufszeiten für Bier & Co in Läden und Supermärkten. Vor zwei Monaten wurde die Alkoholsteuer drastisch erhöht. Der Hersteller des Chang-Bieres, eines der beliebtesten unter den Thais, darf nicht an die Börse. Das Kabinett beschloss, die Höchststrafe für Alkholmissbrauch am Steuer, heraufzusetzen.

Keine Weltmeister, aber gut aber dabei

Alles, um wegzukommen von der bösen "Nummer 5": Thailand ist das Land mit dem fünthöchsten Alkoholverbrauch weltweit. Der Alkoholmarkt setzt jährlich mehr als zwei Milliarden Euro um. Daher mag dies alles nicht so schlecht sein. Zu viele Jugendliche trinken, laut einer Studie mehr als 75 Prozent aller männlichen 13- bis 20-Jährigen. Laut des Gesundheitsministeriums verdoppelt sich die Zahl derjenigen, die regelmäβig zur Flasche greifen, alle drei Jahre. Zwischen 1991 und 2001 verdoppelte sich die Menge, die sich jeder Thail durchschnittlich pro Jahr hinter die Binde gieβt. Alkohol ist der effektivste Mörder auf den Straβen Thailands.

Natürlich will man keine Prohibition in Thailand einführen. Der Regierung graust vor einer Thai-Version eines Al Capone. Man sucht nur Wege, den Konsum zu drosseln.

Stundenweise Prohibition

Doch viele sehen in der offiziellen Anti-Promille-Haltung einen Kreuzzug, einen erneuten, nach den Kriegen gegen Sex, Drogen, Gewalt. So stöβt das neueste Gesetz auf Proteste. Bald darf Alkohol nur zwischen 11-12 Uhr und 17-24 Uhr verkauft werden – zehn Stunden täglich. Fast 600.000 Geschäfte werden ihre Lizenz zum Verkauf von Alkohol verlieren, darunter über 10.000 Tankstellen. Wer nach der Disko noch Lust auf ein Bier hat, der muss vorgesorgt haben.

Das Gesetz trifft am 1. Januar 2006 in Kraft, pünktlich um Mitternacht, zu Silvester, wenn die Korken knallen sollten. Dann werden Hunderttausende auf den Straβen Bangkoks Nachschub suchen. Viele Geschäfte und Kioske haben jetzt schon beschlossen, über Silvester zu schlieβen. Aus Angst vor Randalen. Prosit Neujahr?!