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Politik

Böse Götter, groβe Wellen

Baumgeister, Rachegötter und unglückliche Seelen: So modern Thailand auch sein mag, die Thais glauben an alles, was ihnen hilft – oder sie zerstören kann. Ein einziger Gott kann eine landesweite Massenpanik auslösen.

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Die kleinen sauren tun’s nicht - es müssen schon die importierten blauen Weintrauben sein, denn Gott Rahu kann nur mit dunklen Gaben besänftigt werden. Und deshalb trugen letzte Woche abergläubige Thais kiloweise Kaffeebohnen, dunkle Trauben und auch Blaubeermarmelade in die Tempel, in denen eine Statue von Rahu steht.

Der Gott trat hinduistischer Astrologie zufolge am Samstag (12.3.05) in ein neues Sternzeichen und läutete eine Zeit von potentiellem Unglück ein. Viele Thailänder befürchteten eine Naturkatatrophe, die das Ausmaβ des Tsunamis vom 26. Dezember übertreffen würde. Astrologen prophezeiten einen immensen Feuerball, der in den Golf von Thailand stürzen würde, gefolgt von noch gröβeren Wellen als letztes Jahr.

Zwar ist letztes Wochenende dann doch nichts passiert, aber die Abergläubigen unter den Thais sagen, dies könne man nur den zahlreichen Gaben zurechnen, die Gott Rahu beruhigten. Auch wenn der verehrte Mönch Phra Phayom Kallayano die gläubigen Buddhisten im Land dazu geraten hatte, mehr an Karma als an hinduistische Götter zu glauben: Die Thais bezahlten Unmengen für die Luxus-Trauben, aber der tiefe Griff ins Portemonnaie hat sich ausgezahlt.

Whisky für die Götter

Obwohl Thailand offiziell ein buddhistisches Land ist, ist die Religion durchzogen mit uralten hinduistischen Glauben, mit Brahmanismus, Animismus und dem "Wissen", dass es Geister gibt. Unsichtbare Kreaturen hausen in Steinen, Flüssen und Seen. Jeder Baum hat eine Seele oder ist bewohnt von Geistern, die es zu unterhalten gilt mit bunten Bändern, Spiegeln und Räucherstäbchen.

Jedes Haus in Thailand - von der einfachen Holzhütte des Reisbauern bis zum gigantischen Wolkenkratzer - besitzt einen Schrein, in dem die Geister des Grundstücks leben. Jeden Morgen bekommen die Bewohner der Schreine Früchte, Kerzen und ein Glas Wasser oder auch mal einen kleinen Whisky dargeboten. Dafür werden die Menschen belohnt mit kleinen Glücksfällen, mit einem Gewinn in der Lotterie oder einer Beförderung.

Einen Abend lang fern zu sehen, ohne dass man Geister sieht, ist unmöglich: In jeder Fernsehserie erschrecken grün leuchtende, halbverweste Kreaturen die Protagonistin zu Tode. Die meisten Geister sind die Seelen derjenigen, die vor ihrer Zeit verunglückt sind, meist durch Autounfälle. Sie haben noch etwas im Diesseits zu erledigen.

Diese Glauben durchziehen alle sozialen Klassen Thailands. Es sind nicht nur unstudierte Bauern, die an Geister glauben, an hinduistische Rachegötter und an Baumseelen. So hat eine lokale Fluggesellschaft vor dem letzten Wochenende mehrere Flüge storniert – Vorsicht ist besser als Nachsicht. Die Marine war bereit für jedwede Katastrophe an den Küsten. Das Nationale Meteorologische Institut warnte die Thailänder vor starken Stürmen, aber es betonte, dass dies normal sei zu dieser Jahreszeit. Es habe nichts mit Gott Rahu zu tun.

Die Stürme von oben

Natürlich hat die Massenpanik, die letzte Woche zum Sturm auf die Tempel führte, auch etwas mit der Nationalpsyche zu tun. Immerhin gibt es hier viele, die glauben, dass die Riesenwellen im Dezember ein Zeichen waren von verärgerten Naturgöttern, die nicht mehr missbraucht werden wollten durch Massentourismus, Überfischung und Raubbau.

Mehr als nur angekratzt durch die Tsunami-Katastrophe, fürchten die Thais das Wetter. Jeder starke Regenschauer löst eine Panik an den Stränden aus. Und die Regierung ist nicht willig, dem entgegenzutreten. So sollen die Ergebnisse der Tsunami-Untersuchung nicht veröffentlicht werden. Weil befürchtet wird, dass die Angehörigen der Touristen, die im Dezember hier umgekommen sind, die Resultate in ihren Klagen gegen die thailändische Regierung nutzen könnten, wird die Öffentlichkeit nie erfahren, wer Schuld trug an den Tausenden von Toten im Land. Oder ob Thailand wenigstens weit weniger Leichen hätte zählen müssen, hätte das Wetteramt am Morgen des Tsunamis die Öffentlichkeit gewarnt.

Und so wird es auch weiterhin immer wieder Götter geben, die es zu besänftigen gilt. Wissen kann sicherlich Berge versetzen, aber der Glaube tut es auf jeden Fall.

  • Datum 14.03.2005
  • Autorin/Autor Patrick Tippelt, Bangkok
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  • Permalink http://p.dw.com/p/6Mzi
  • Datum 14.03.2005
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