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Ostmitteleuropa

Börse Budapest

- Kann der Staat dem Kranken helfen?

Budapest, 8.4.2002, BUDAPESTER ZEITUNG, deutsch, Andreas Gulya

Die Budapester Börse ist seit geraumer Zeit sehr krank, der Umsatz fiel ins Bodenlose, ausländische Investoren wurden verunsichert. Nur entschiedene Schritte der neuen Regierung könnten - Experten zufolge - etwas an der jetzigen Situation ändern.

Die Anzahl der Firmen, deren Aktien an der Budapester Börse gehandelt werden, ist rückläufig. In den letzten vier Jahren ging der Anteil des Bruttosozialproduktes, der an der Börse notiert war, von 30 auf lediglich 19 Prozent zurück. Der Börsenumsatz ist innerhalb von nur drei Jahren auf ein Drittel gefallen. Während es 1998 noch 13.847 Mrd. Forint waren, belief sich der Umsatz im vergangenen Jahr auf magere 3.246 Mrd. Forint. Die Zahl der Brokerfirmen hat sich im selben Zeitraum beinahe halbiert, sie fiel von 59 auf 28. Abwärts ging es auch für den Börsenindex BUX. Zurzeit dümpelt er zwischen 7 bis 8 Tausend Punkten vor sich hin.

In Ungarn gibt es nach wie vor zwei Börsen, die BET (Budapesti Ertekpapirtözsde - Budapester Wertpapierbörse) und die BAT (Budapesti Arutözsde -- Budapester Warenbörse). Rechtlich und wirtschaftlich betrachtet sind beide Börsen selbstständig. Daher kann man sie natürlich nicht zwingen, die eigenen Ressourcen zusammenzulegen. Allerdings könnte man ein Umfeld schaffen, in dem die Börsen von sich aus eine Vereinigung ansteuern. Denn unter Marktgesichtspunkten und aus der Sicht des internationalen Wettbewerbs machen in einem so kleinen Land wie Ungarn zwei Finanzplätze keinen Sinn. Doch nicht nur die beiden Märkte machen sich im Wettbewerb um die Gunst der Anleger Konkurrenz.

Der Börsenstandort Budapest befindet sich auch im Wettbewerb mit verschiedenen europäischen Börsen. Etwa die Hälfte der Umsätze mit ungarischen Papieren wird inzwischen im Ausland, unter anderem in London, Frankfurt, München und Wien gemacht.

Internationale Anleger, die seit jeher die Kurse der ungarischen Aktien bestimmen, sind also keineswegs gezwungen, sich in der Donaumetropole mit magyarischen Aktien einzudecken.

In Expertenkreisen gehen die Meinungen darüber auseinander, ob die allgemeine Wirtschaftslage oder die eine oder andere Maßnahme der ungarischen Regierung zum derzeitigen Zustand der Börse geführt haben. Die meisten tendieren zu einem Sowohl-als-auch. In den Handlungen des Staates sehen fast alle Analysten ein Problem, immerhin lebt ja die Börse nicht zuletzt von Verlässlichkeit und Beständigkeit. Egal, mit welchen ausländischen Anleger man redet, in einem Punkt sind sich fast alle einig: das Hin und Her des Staates um die Mineralölfirma MOL hat der Börse geschadet.

Gegenmaßnahmen, die die tonangebenden ausländischen Investoren von der Börsenfreundlichkeit der Regierung hätten überzeugen können, blieben aus. Die Regierung startete lediglich eine Aktion in Richtung Erhöhung der Börsenliquidität, nämlich den Versuch, die drei regionalen Börsen, Budapest, Warschau und Prag, zu einem Zusammenschluss zu bewegen. Da es zur Zeit um dieses Projekt still geworden ist, kann man jedoch davon ausgehen, dass eine Einigung noch nicht in Sicht ist.

Ein ähnliches Unterfangen existiert bereits. Die Frankfurter und Wiener Börsen haben zusammen die Newex gegründet. Es ist eine elektronische Börse, an der ausschließlich Papiere aus Osteuropa gehandelt werden. Selbst diese Börse, wobei in Frankfurt und Wien sowohl Kapital als auch Expertise und nicht zuletzt Tradition zur Verfügung stehen, hat Anlaufschwierigkeiten und ist unter Anlegern nach wie vor nicht der Hit. Die Praxis des neuen Handelsplatzes ist noch immer die Antwort auf die Frage schuldig geblieben, ob die Newex als Institution genügend Kapital für osteuropäische Papiere mobilisieren kann, oder ob man sie eher als gut gemeinten, aber verfehlten Versuch abbuchen muss, dieser Region fresh money zuzuführen.

Auffallend ist auch der Rückgang der Brokerfirmen. Allerdings ist dieser nicht unbedingt negativ einzustufen. Denn als die Budapester Börse gegründet wurde, gab es eine bestimmte Goldgräberstimmung, Budapest lockte eine zeitlang mit traumhaften Gewinnen. Diese Zeiten sind längst vorbei. Seitdem hat eine Konsolidierungsphase eingesetzt, in der viele Firmen einer natürlichen Auslese zum Opfer fielen. Des weiteren herrscht in Ungarn ein Mischmasch aus Trennbanken- und Continentalbanksystem. Finanzinstitute müssen nicht mehr separate Börsengesellschaften gründen. Innerhalb einer Bank kann eine Abteilung die Börsengeschäfte betreiben. Sie soll lediglich durch eine Chinese Wall vom Rest getrennt sein. Entsprechend dieser Möglichkeit haben inzwischen mehrere Banken ihre Börsentöchter aufgelöst, immerhin ist es billiger eine Abteilung zu unterhalten, als eine selbständige Aktiengesellschaft.

Im ungarischen Wahlkampf wurde dem Thema Börse kaum Beachtung geschenkt. Der amtierende Finanzminister Mihály Varga ist der Meinung, dass seine Regierung alles unternommen habe, um die Börse zu unterstützen. So hat die Regierung per Gesetz die Möglichkeit eröffnet, Börsenverluste abzuschreiben beziehungsweise gegen Gewinne zu verrechnen. In der kommenden Legislaturperiode will die Regierung im Rahmen des Szechenyi-Plans Anreize schaffen, damit mehr ungarische Unternehmen den Gang an die Börse wagen. Der Minister sieht die Zukunft der Börse nach wie vor in der Verschmelzung oder zumindest im Zusammengehen mit Warschau und Prag. Einschränkend pflegt er aber auch auf den Umstand zu verweisen, dass die Börse eine privatrechtliche Institution sei und die Mittel des Staates zur Einflussnahme daher begrenzt seien.

Der MSZP-Kandidat für den Posten des Finanzministers, Csaba Laszlo, wartete zum Thema Börse mit detaillierteren Vorschlägen auf. So würde er durch eine Börseneinführung der Minderheitsaktien der im Staatsbesitz befindlichen Unternehmen das Angebot erhöhen. Weiterhin sollten Unternehmen und Gemeinden durch entsprechende Anreize dazu motiviert werden, erneut Anleihen beziehungsweise Obligationen aufzulegen. Der Anteil der Einzahlungen in die private Rente soll auf 8 Prozent erhöht werden. Mit der gewonnenen Liquidität könnten Rentenfonds an der Börse stärker als Investor in Erscheinung treten. Im Falle eines Wahlsieges der oppositionellen Ungarischen Sozialistischen Partei (MSZP) soll die Gewinnsteuer auf die Börsengeschäfte gestrichen werden. In einem Punkt stimmt Laszlo mit dem amtierenden Finanzminister überein, auch er wolle mit Szechenyi-Gelder den Gang von Unternehmen an die Börse ebnen. (ykk)

  • Datum 09.04.2002
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